Schlange stehen am Reportagenfestival

Dieses Wochenende findet in Bern das erste internationale Reportagenfestival statt. Die Veranstalter sind vom Besucherandrang überrascht.

Vor dem Kulturlokal ONO in der Berner Innenstadt hat sich am Reportagenfestival eine Warteschlange gebildet.

Vor dem Kulturlokal ONO in der Berner Innenstadt hat sich am Reportagenfestival eine Warteschlange gebildet.

(Bild: Ruben Wyttenbach)

«Sorry, wir sind voll», heisst es auf dem Zettel, der auf der Glastür des Kulturlokals ONO in der Berner Innenstadt klebt. Im Lokal läuft eine Veranstaltung des Reportagenfestivals über chinesische Wanderarbeiter und Tagelöhner, die in illegalen Fabriken arbeiten. Draussen stehen enttäuschte Festivalbesucher. «Ich habe eine Verabredung sausen lassen, um an diese Veranstaltung zu gehen», sagt eine ältere Frau. Ähnliches hatte sich zuvor vor dem Bernischen Historischen Museum abgespielt. «Ich bin extra aus Zürich angereist», erzählt ein Mann. Aufgrund des Andrangs konnten jedoch nicht alle Interessierten an der Panel-Diskussion «Alltag und Zukunft im Iran» teilnehmen.

Das erste internationale Reportagen-Festival, welches dieses Wochenende in Bern ausgetragen wird, wurde von Daniel Puntas Bernet, Herausgeber des Magazins «Reportagen», und der Tourismusorganisation Bern Welcome organisiert. An 52 verschiedenen Veranstaltungen erzählen rund 60 Reporterinnen und Reporter aus aller Welt über ihren Berufsalltag und die jeweiligen Herausforderungen. Beim «Speed-Dating» kann man die Journalisten persönlich kennen lernen, während die Besucher in der Werkstatt im Berner Kulturzentrum Progr selbst diskutieren und Hand anlegen können.

«Die hohe Kunst des Interviews»: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops diskutieren im Berner Kulturzentrum Progr.

Ein Austausch über die brasilianischen Präsidentschaftswahlen mit der brasilianischen Journalistin Daniela Pinheiro (rechts) beim Speed-Dating.

Ausgebuchtes Festival

Bereits im Vorfeld des Festivals waren die 2500 kostenlosen Onlinetickets ausgebucht. Dies entspricht rund der Hälfte der vorhandenen Plätze. Die andere Hälfte sollte hingegen für spontane Besucherinnen und Besucher frei bleiben. Nicht gerechnet hatten die Veranstalter jedoch mit solch einer Nachfrage. So fehlte es neben Plätzen auch an Kopfhörern, über welche die Besucher die einzelnen Podiumsdiskussionen auf Deutsch hätten mithören können. «Ich bin erfreut und überrascht, dass sogar am letzten perfekten Hochsommertag so viele Personen die verschiedenen Veranstaltungen besuchen möchten», sagt Initiator Puntas Bernet. «Dass dabei Personen abgewiesen werden mussten, ist bedauerlich.»

Teilnahme iranischer Reporterin verwehrt

Während einige Festivalbesucher wegen des grossen Andrangs nicht an den einzelnen Veranstaltungen teilnehmen konnten, scheiterte die Teilnahme der iranischen Reporterin Fatemeh Karimkhan aufgrund ihres Arbeitgebers, der Iranischen Nachrichtenagentur. Karimkhan wäre eine der 39 für den True Story Award (siehe Box) nominierten Journalistinnen und Journalisten gewesen und hätte am Samstagmorgen an der Panel-Diskussion «Alltag und Zukunft im Iran» teilnehmen sollen. Die iranische Nachrichtenagentur habe ihr mit schweren Konsequenzen gedroht, wenn sie das Land verlasse, erklärte Daniel Puntas Bernet im Vorfeld des Festivals. Karimkhan selbst schrieb dem Organisator der Podiumsdiskussion, «sie sei wegen ihrer kritischen Artikel mannigfaltigen Repressalien im Internet und im Privatleben ausgesetzt».

Während der Diskussion am Samstagmorgen kristallisierte sich heraus, dass sie im Gegenzug für eine Interviewreihe mit dem einstigen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinejad dessen Büroleiter hätte gefügig sein sollen. Als sie diesen definitiv abwies, wurde der Chatverkehr zwischen den beiden im Internet publik gemacht. Seither ist der Ruf der Reporterin in konservativen Kreisen ruiniert. Sie ist mannigfachen Belästigungen im Internet ausgesetzt und riskiert, ihren Job zu verlieren. Nach Angaben der anderen Teilnehmenden am Iran-Podium könnte es gut sein, dass Karimkhan Opfer einer Intrige konservativer Kreise geworden ist, denen die kritischen Artikel der Reporterin ein Dorn im Auge sind.

Über die Herausforderungen von Frauen im Reporterberuf diskutierten am Samstagmorgen Journalistinnen aus Pakistan, Italien und Tunesien.

Bis am Sonntagabend finden im Rahmen des Reportagenfestivals in der Berner Innenstadt zahlreiche weitere Veranstaltungen statt. Hier gehts zum Programm.

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