Zum Hauptinhalt springen

Gefahr doppelt bestätigt

Auch das Bundesamt für Umwelt schätzt das Risiko für die Bevölkerung in Mitholz als nicht akzeptabel ein. Die Gemeinde plant eine Notumfahrung.

Vom ehemaligen Munitionslager der Armee in Mitholz im Berner Oberland geht ein für die Bevölkerung nicht akzeptables Risiko aus. Video: SDA

In der Gemeinde Kandergrund war letzten Sommer die Aufregung gross, als die Bevölkerung erfuhr, dass vom ehemaligen Munitionslager Mitholz eine Gefahr ausgeht. Experten hatten im Auftrag des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) herausgefunden, dass die Wahrscheinlichkeit und das mögliche Ausmass einer Explosion der Munitionsrückstände heute höher eingeschätzt werden, als in den vergangenen Jahrzehnten angenommen wurde.

Nun bestätigt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) diese Einschätzung und teilt mit, dass das Risiko für die Bevölkerung «nicht akzeptabel» sei. Das Bafu beantragt die Senkung des Risikos mindestens in den «akzeptablen Bereich».

Gemeinde will kein Risiko

In Kandergrund will man sich mit diesem Restrisiko nicht zufriedengeben. Der Gemeindeschreiber von Kandergrund, Martin Trachsel, sagt: «Für uns gibt es nur die Variante einer Gesamträumung.» Diese Ansicht habe die Gemeinde von Anfang an vertreten, da dies die Ansicht der Bevölkerung sei. Trachsel verstehe zwar, dass der Bundesrat nichts versprechen könne, solange es keine technische Lösung gebe. «Aber für unsere Bevölkerung gibt es nur diese Variante.»

Zum Vergrössern der Karte draufklicken.
Zum Vergrössern der Karte draufklicken.

Stephan Zellmeyer vom kantonalen Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär sagt, das VBS stehe weiterhin in der Pflicht, Massnahmen zu prüfen und umzusetzen, um die Munition zu entfernen. Da dies aber länger dauern werde, müsse das VBS ausserdem prüfen, ob man mit baulichen Massnahmen deutlich schneller die Explosionswirkung aus den ehemaligen und jetzigen Ausgängen der Anlage vermindern könne.

Bruno Locher, Chef Raum und Umwelt beim VBS, sagt, man habe Sensoren eingebaut, welche die Temperatur, Felsbewegungen und die Bildung von Gasen in der Anlage messen. Obwohl man eine grösstmögliche Risikoreduktion erzielen wolle, «wird man aber die Region sicher nie ganz blindgängerfrei machen können».

(Quelle: kls)

Die Gefahr für die Bevölkerung habe sich in der Zwischenzeit nicht verändert. «Die Gefährdung bleibt gleich», sagt Locher. Allerdings nehme die Fläche in der Beurteilung des Bafu zu, welche im gefährdeten Sektor liege. Der genaue Trümmerwurf bei einer Explosion lasse sich aber nicht voraussagen.

Notumfahrung als Plan B

Bei der Gemeinde will man auf alle Fälle vorbereitet sein und spricht daher auch über eine Notumfahrung. Ende März fand daher eine öffentliche Mitwirkungsveranstaltung statt. Gemäss Protokoll sollen die Voraussetzungen geschaffen werden, dass eine einspurige Notumfahrung nach Kandersteg vorsorglich gebaut werden kann. Im Ereignisfall soll sie innert weniger Tage realisiert werden können.

Aus Sicht des Gemeinderatspräsidenten von Kandersteg, Urs Weibel, ist es vertretbar, wenn Kandersteg für wenige Tage von Norden her nicht erreichbar wäre. Falls die Notumfahrung je gebaut werden sollte, soll sie nach Abschluss der Entsorgung oder definitiven Sicherung des Munitionsdepots wieder «vollständig zurückgebaut werden». Auf Vorrat wolle man in Kandergrund nicht bauen, sagt Trachsel. «Wir sind der Meinung, dass man die Strasse erst bauen soll, wenn man sie auch braucht», so Trachsel. Auf der bestehenden Naturstrasse könne man jedoch bereits gewisse Dinge vorbereiten. «Einige Brücken sind noch zu schmal, um den Verkehr tragen zu können.»

Das Militär hat den Stollen in der Felswand in Mitholz geöffnet. Hinter dieser Tür liegt der verschüttete Teil der Militäranlage, wo die Bomben schlummern.
Das Militär hat den Stollen in der Felswand in Mitholz geöffnet. Hinter dieser Tür liegt der verschüttete Teil der Militäranlage, wo die Bomben schlummern.
Ruben Wyttenbach
Der Blick an die Decke löst ein mulmiges Gefühl aus: Hier schweben teilweise gigantische Felsbrocken. Fallen sie herunter, könnte das eine erneute Katastrophe auslösen.
Der Blick an die Decke löst ein mulmiges Gefühl aus: Hier schweben teilweise gigantische Felsbrocken. Fallen sie herunter, könnte das eine erneute Katastrophe auslösen.
Ruben Wyttenbach
«Wir haben gelernt, mit dem Risiko zu leben», sagt Roman Lanz. Er ist Gemeindepräsident von Kandergrund, der Gemeinde, zu der Mitholz gehört.
«Wir haben gelernt, mit dem Risiko zu leben», sagt Roman Lanz. Er ist Gemeindepräsident von Kandergrund, der Gemeinde, zu der Mitholz gehört.
Ruben Wyttenbach
«Jeder hat seine eigene Strategie entwickelt, mit den Ereignissen umzugehen», sagt Kathrin Trachsel. Ihre Schwiegereltern hätten die Katastrophe miterlebt. «Sie müssen immer wieder darüber sprechen. Andere wollen das Geschehene lieber totschweigen», sagt sie.
«Jeder hat seine eigene Strategie entwickelt, mit den Ereignissen umzugehen», sagt Kathrin Trachsel. Ihre Schwiegereltern hätten die Katastrophe miterlebt. «Sie müssen immer wieder darüber sprechen. Andere wollen das Geschehene lieber totschweigen», sagt sie.
Ruben Wyttenbach
1 / 6

Sorge um Liegenschaftswert

Als letzten Juni das Risiko bekannt wurde, war die Bevölkerung verunsichert. Laut Trachsel fragten sich die Menschen damals, ob sie überhaupt noch sicher seien. Nachdem die Behörden informierten, dass keine Massnahmen nötig seien, stünden nun andere Fragen im Vordergrund: «Haben unsere Liegenschaften noch denselben Wert wie vorher? Falls nicht, was machen wir dann?» Man gewöhne sich zwar langsam an die Situation. «Aber es ist nach wie vor unangenehm», sagt Trachsel.

Bilder: Das Unglück von 1947

Bis in die Wohnstuben flogen massive Felsbrocken durch die Wucht der Explosionen.
Bis in die Wohnstuben flogen massive Felsbrocken durch die Wucht der Explosionen.
zvg/Archiv Hansruedi Marti
Die Feuerwehr Kandergrund auf dem Rückweg von den Brandplätzen in Mitholz. Den Schulmeister Hans Wandfluh erkennt man ganz rechts im grauen Mantel.
Die Feuerwehr Kandergrund auf dem Rückweg von den Brandplätzen in Mitholz. Den Schulmeister Hans Wandfluh erkennt man ganz rechts im grauen Mantel.
zvg/Archiv Hansruedi Marti
Ein Bombenangriff zu Friedenszeiten, ein zerstörtes Bauernhaus nach den Explosionen. In der Mitte unter dem Giebel ist noch das Frutiger Wappen zu erkennen.
Ein Bombenangriff zu Friedenszeiten, ein zerstörtes Bauernhaus nach den Explosionen. In der Mitte unter dem Giebel ist noch das Frutiger Wappen zu erkennen.
zvg/Archiv Hansruedi Marti
Herangeeilte Rettungskräfte treffen nach dem Unglück ein.
Herangeeilte Rettungskräfte treffen nach dem Unglück ein.
Photopress-Archiv
Helfer durchsuchen ein durch die Explosion komplett zerstörtes Gebäude.
Helfer durchsuchen ein durch die Explosion komplett zerstörtes Gebäude.
Photopress-Archiv
Durch die Explosionen im Munitionsstollen brach die Felswand in Blausee-Mitholz zusammen.
Durch die Explosionen im Munitionsstollen brach die Felswand in Blausee-Mitholz zusammen.
Photopress-Archiv
Einige der Häuser wurden durch die Wucht der Explosion dem Erdboden gleichgemacht.
Einige der Häuser wurden durch die Wucht der Explosion dem Erdboden gleichgemacht.
Photopress-Archiv
Der Bahnhof wurde ebenfalls zerstört.
Der Bahnhof wurde ebenfalls zerstört.
Photopress-Archiv
Bahnarbeiter und Rettungskräfte bei Aufräumarbeiten.
Bahnarbeiter und Rettungskräfte bei Aufräumarbeiten.
Photopress-Archiv
Warnschilder weisen nach der Explosion auf Blindgänger hin.
Warnschilder weisen nach der Explosion auf Blindgänger hin.
Photopress-Archiv
Zerstörung prägt das Ortsbild.
Zerstörung prägt das Ortsbild.
Photopress-Archiv
Neun Menschen kamen in ihren Häusern um, sieben wurden zum Teil schwer verletzt.
Neun Menschen kamen in ihren Häusern um, sieben wurden zum Teil schwer verletzt.
Photopress-Archiv
1 / 14

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch