Wortgefecht um Berner Medien

Tamedia-Verleger Pietro Supino erläuterte am «‹Bund› im Gespräch» seine Pläne für «Bund» und «Berner Zeitung». Die Reaktionen reichten von Verständnis bis hin zu Beschimpfungen.

Das Podium zum Berner Medienplatz zum Nachschauen.
Video: Crosscam.ch

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Die Fronten beim «‹Bund› im Gespräch» waren von Beginn weg klar: Matthias Aebischer, SP-Nationalrat und ehemaliger Journalist, gab den angriffigen Kämpfer für die Medienvielfalt. Pietro Supino, Verwaltungsratspräsident von Tamedia, der Herausgeberin des «Bund», versuchte im Kornhausforum mit ökonomischen Argumenten seine Pläne für den Medienplatz Bern verständlich zu machen.

Es geht um die Pläne mit dem Arbeitstitel Tamedia 2020, die eine Reaktion auf den Abonnenten- und Anzeigenschwund der Printzeitungen sind. Um trotz sinkender Einnahmen die Qualität zu halten oder sogar zu steigern, wie Supino versprach, werden künftig zentrale Ressorts die überregionalen Inhalte für sämtliche Deutschschweizer Tamedia-Zeitungen verfassen. Statt beispielsweise je eines Wirtschaftsteams bei «Bund» und «Berner Zeitung» wird künftig also ein gemeinsames Wirtschaftsteam «Bund», «Berner Zeitung», «Tages-Anzeiger» und Zürcher Regionalzeitungen wie die «Zürichsee-Zeitung» beliefern. Entlassungen sind nicht ausgeschlossen, sollen aber vermieden werden, sofern durch die natürliche Fluktuation genügend Stellen eingespart werden können.

Tamedia 2020 sei «ein für die Demokratie schädlicher Verlust an Medienvielfalt», urteilte Aebischer und befand, dieser Schritt geschehe ohne Not. Schliesslich seien beiden Zeitungen profitabel und Tamedia schreibe jährlich 100 Millionen Franken Gewinn. 2016 waren es unter dem Strich 122 Millionen. Supino entgegnete, das sei nur der Fall, weil Tamedia sich in der Vergangenheit «nicht zu schön gewesen sei», Einsparungen vorzunehmen, so wie es jetzt wieder geschehe. Zudem könnten bei sinkenden Einnahmen nicht die Qualität und die Medienvielfalt hochgehalten werden. Tamedia fasse Ressourcen zusammen, um die Qualität zu erhöhen. Dabei gehe Vielfalt verloren, das sei aber erträglich, zumal sich «Bund» und «Berner Zeitung» im Lokalteil weiterhin konkurrenzieren würden.

Aebischer und Supino schonten sich nicht. Er habe schon fast Kopfschmerzen und nur wenig verstanden, befand ersterer nach Supinos einleitenden Bemerkungen. Letzterer bezeichnete Aebischer als polemisch und von Eigeninteressen geleitet. Schliesslich benötigen Politiker Medien zur Selbstvermarktung. «Bund»-Redaktor Bernhard Ott, der das Podium moderierte, hielt sich neutral zurück und gab keiner Seite den Vorzug. Quasi als Puffer zwischen Aebischer und Supino wirkte Peter Stämpfli, Präsident der Berner Stämpfli AG, die auch im Verlagswesen tätig ist. Als Unternehmer, sagte er, verurteile er niemanden, der zu seinem Geschäft Sorge trage. Als Berner habe er aber Bedenken, dass künftig die Berner Perspektive etwa auf das lokale Wirtschaftsleben zu kurz komme. Dem entgegnete Supino, dass auch künftig ein Teil der Wirtschaftsredaktion in Bern stationiert sein werde. Der Standort Bern werde nicht geschwächt.

Zukunft der zwei Zeitungen

Tumult gab es bei der Frage nach der Zukunft der beiden lokalen Zeitungen. «Nach Ihrer Logik der Marktwirtschaft sitzen wir in drei Jahren wieder hier, und dann erklären Sie uns, warum es jetzt in Bern nur noch eine Zeitung geben wird», sagte Aebischer. Supino wies die Verantwortung dafür der Leserschaft zu: «Wir können nur so lange zwei Zeitungen herausgeben, wie es eine zahlende Kundschaft und zahlende Anzeigenkunden dafür gibt.» Was dann folgte, sorgte für Aufregung. Das Publikum wurde aufgefordert, die Hand zu heben, wenn es zwei beziehungsweise eine der beiden lokalen Zeitungen abonniert habe. Die Reaktion empfand Supino als zögerlich und folgerte: «Ich bin sicher, dass nicht alle, welche die Hand aufgestreckt haben, tatsächlich Abonnenten sind.» Das empfanden einige «Bund»-Leserinnen und Leser als Affront. Aus dem Publikum waren Beschimpfungen zu hören. Alt-Nationalrat Peter Vollmer sprach von Zürcher Arroganz. Supino sagte, er sei in Mailand geboren und grösstenteils im Graubünden aufgewachsen. Als arrogant sei er erst selten bezeichnet worden, als «Geldsack» – wie das Aebischer tue – schon häufiger. Das Wort habe er nicht verwendet, gab Aebischer zurück – und schloss relativ versöhnlich mit der Bitte, Supino möge nicht nur anstreben, als guter Geschäftsmann in die Geschichte einzugehen, sondern auch als jemand, der sich für die Medienvielfalt eingesetzt habe. (Der Bund)

Erstellt: 21.11.2017, 11:45 Uhr

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