Wohlen setzt auf dezentrale Asylunterkünfte

Gegen Asyl-Container gibt es in Wohlen kaum Widerstand. Der Gemeinderat schlägt dem Kanton weitere Alternativen zur Öffnung der Zivilschutzanlage vor.

Wie hier in Zürich Leutschenbach sollen auch in Wohlen Asylbewerber in Containern wohnen.

Wie hier in Zürich Leutschenbach sollen auch in Wohlen Asylbewerber in Containern wohnen. Bild: Sabina Bobst

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Die Gemeinde Wohlen bei Bern ist durchaus bereit, Platz für Asylsuchende zu schaffen. Die vom Kanton verordnete Bereitstellung von 100 Plätzen in der Zivilschutzanlage auf dem Areal der Schule Hinterkappelen lehnt der Gemeinderat jedoch ab und erwägt, die Verfügung des Kantons anzufechten (der «Bund» berichtete). Die Exekutive möchte stattdessen in der Gewerbezone Lätti in Containern eine Asylunterkunft mit 30 Plätzen errichten. Wohlen würde dadurch zur Pioniergemeinde im Kanton, was die Unterbringung von Asylsuchenden in Containern betrifft. Der Kanton steht entsprechenden Bestrebungen – etwa von der Stadt Bern – aus Kostengründen skeptisch gegenüber.

Wohlens dezentrale Strategie

Patin der Container-Idee in Wohlen ist die Wohlenerin Ursula Streit, die bisher eher als Mäzenin im Kulturbereich bekannt ist. Laut Streit ist die von ihr mitinitiierte Rudolf-und-Ursula-Streit-Stiftung bereit, einen sechsstelligen Beitrag an die Baukosten der Container zu leisten. «Wir wollen dazu beitragen, dass sich der Kanton hier stärker engagiert», sagte Streit jüngst gegenüber dem «Bund».

Am Dienstag nun hat sich gezeigt, dass die Initiative zumindest in der Bevölkerung auf gute Resonanz stösst. «Wir fragen uns, weshalb der Kanton einzig auf 100-plätzige Asylunterkünfte setzt», sagte Gemeindepräsident Bänz Müller (SP plus) an einer Informationsveranstaltung für die Wohnbevölkerung. Unterkünfte dieser Grösse seien oberirdisch kaum zu finden. Der Gemeinderat lehne unterirdische Unterkünfte jedoch ab, da sie sich für kriegstraumatisierte Flüchtlinge kaum eigneten, sagte Müller. Zudem werde die Schule Hinterkappelen bald baulich erweitert, so dass es kaum Platz für eine Asylunterkunft gebe.

Müller skizzierte als Alternative eine Art dezentrale Strategie: Er wies darauf hin, dass es zurzeit ein weiteres Provisorium bis Ende Jahr für 18 unbegleitete minderjährige Asylbewerber im Heim Birchi der Pfadi Friensiberg gebe. Zudem werde der Gemeinderat der Kantonsregierung vorschlagen, eine weitere kleinere Unterkunft für weitere 15 Plätze zur Verfügung zu stellen. Insgesamt gehe es um 50 bis 60 Plätze. «Wir möchten Asylsuchende auf verschiedene Standorte verteilt beherbergen», sagte Müller. Erst wenn der Regierungsrat diese Vorschläge nicht akzeptiere und auf der Öffnung der Zivilschutzanlage beharre, «werden wir den Rechtsweg beschreiten», sagte Müller.

«Lieber eine schlechte Lösung»

Iris Rivas, Leiterin des Migrationsdienstes, dankte der Gemeinde Wohlen für ihr Engagement. Sie wies darauf hin, dass zur Zeit 20 bis 30 Asylsuchende pro Tag neu im Kanton untergebracht werden müssten. «Natürlich sind unterirdische Anlagen eine schlechte Lösung. Aber lieber eine schlechte als gar keine Lösung», sagte Rivas.

Positive Stimmung im Saal

Aus dem Publikum wurden keine grundsätzlichen Bedenken gegen das Projekt laut. Die Fragen drehten sich eher um Fragen der Umsetzung. Rivas wollte sich nicht festlegen, ob sich der Kanton im Fall Wohlen auch mit 50 bis 60 statt 100 Plätzen zufrieden geben würde. «Im Moment sind wir vom Migrationsdienst froh um jedes Bett.» Sie gab jedoch zu bedenken, dass kleinere Anlagen kaum kostendeckend betrieben werden könnten.

Gemeindepräsident Müller gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass das Beispiel Wohlen im Kanton Schule mache. «Eine kleinere Anzahl von Asylsuchenden ist für viele Gemeinden tragbar, zumindest tragbarer als Unterkünfte mit 100 Plätzen», sagte Müller. Die positive Stimmung im Saal des Kipferhauses am besten zum Ausdruck brachte der kräftige Applaus auf ein Votum aus dem Publikum, bei dem es um konkrete Möglichkeiten des Engagements bei der Integration der Asylsuchenden ging.

«Wir stehen an einem Meilenstein», sagte Kirchgemeindepräsident Christian Cappis zum Schluss der Veranstaltung zu den rund 150 Anwesenden. Er wies darauf hin, dass Einsprachen das Projekt verzögern könnten. «Helfen Sie stattdessen mit, das Projekt umzusetzen», appellierte Cappis an die Anwesenden. (Der Bund)

Erstellt: 12.08.2015, 07:19 Uhr

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