«Wer sich gut benimmt, fühlt sich auf dem Parkett sicher»

Die Bernerinnen Susanne Schwarz und Linda Hunziker zeigen in Kursen, dass Knigge nichts Altmodisches ist, sondern im Alltag nützt.

Susanne Schwarz und Linda Hunziker lehren gutes Benehmen.

Susanne Schwarz und Linda Hunziker lehren gutes Benehmen. Bild: Adrian Moser

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Im Zugabteil nebenan sitzt eine junge Frau und bemalt sich die Zehennägel. Da hat man noch Glück gehabt, andere hantieren zuweilen mit dem Nagelclipper. Jemand steigt in den Bus ein und löffelt ein Curry-Gericht, dessen Düfte den Fahrgastraum vollkommen durchdringen. Eine Frau erläutert am Mobiltelefon Details der letzten Unterleibsuntersuchung oder ihrer Scheidung. So sind alle gut informiert. Einen Mann überkommt während der Predigt im Münster ein Dürstchen, weshalb er die Wasserflasche zückt. Man soll ja viel trinken, sagen die Ärzte. Es gab Zeiten, in denen einzig Bergwanderer, Holzfäller oder primitives Gesindel in sinistren Kneipen aus Flaschen trank. Und nur am Schützenfest ass man eine Bratwurst von Hand, denn was tat man danach mit den fettigen Händen?

In alten deutschen Filmen sprechen Eltern die Teenagerkolleginnen ihrer Tochter mit Fräulein Gabi an. Und umgekehrt wird erst recht gesiezt. Das war selbstverständlicher Standard. Die Zeiten haben sich geändert. Oder die Menschen. Oder beides. Und die Technologie. Das weiss man nicht erst, seit der «Davos-Man» mit der blonden Haartolle die Welt mit Tweets überzieht. Es geht auch einige Nummern kleiner. Das Foto von der feuchtfröhlichen Party, an der sich ein wilder Kerl im Leoparden-String-Tanga produziert hat, ist auch auf dem Bürobildschirm seines Chefs abrufbar. Wenn der junge Mann einige Jahre später die honorige Versicherungsgeneralagentur übernehmen soll, geistern die peinlichen Bilder immer noch im Netz umher.

Man ahnt es: Die Lage ist ernst. Respekt, Anstand, Benehmen sind kalter Kaffee – und Knigge ein Brotaufstrich. Nicht für Susanne Schwarz und Linda Hunziker. Für die beiden Geschäftspartnerinnen hat der gute alte Freiherr noch lange nicht ausgedient, sondern ist immer noch aktuell. «Es geht um den Respekt vor den Mitmenschen», sagt Schwarz. Das sei noch heute ein wichtiges Anliegen, ergänzt Hunziker.

Doch wie lernt man das? Schwarz und Hunziker erteilen seit Jahren Kurse, seit einem Jahr auch in ihrer eigenen Firma (siehe Zweittext). Die Wirtschaft habe angefragt, ob sie Schulabgänger mit den Gebräuchen im Berufsleben vertraut machen könnten. Nach dem oft noch lockeren Schülerdasein folgt der Ernst des Erwachsenenlebens. Nun steht die junge Frau hinter dem Schalter einer renommierten Bank, wo ein bauchfreier Pullover mit gepierctem Bauchnabel wenig Seriosität vermittelt. Handwerker mögen es hemdsärmliger. Doch wenn er auf Montage in einem Haushalt beim Bücken der Auftraggeberin unabsichtlich den halben Gesässspalt offenbart, ist er kein guter Botschafter für die Firma, deren Logo auf seinem T-Shirt prangt. Auch das Firmenauto ist so beschriftet. Es ist somit unklug, damit nach dem Feierabendbier einen Kavalierstart hinzulegen.

In den Knigge-Kursen wird nicht drauflosdoziert. Oft gibt es Rollenspiele, und wenn dann noch ein Schauspieler in die Szene platzt, der sich besonders unpassend aufführt, wird allen klar, dass mehr Knigge wünschbar wäre. Bei manchen Kursen gibts sogar zu essen. In einem Berner Restaurant verzehren die Kursteilnehmer einen Dreigänger, in dessen Verlauf allen klar wird, in welcher Reihenfolge die Gäbelchen benutzt werden. Und wie man selbige korrekt in der Hand hält. Auch soll man während des Essens nicht die Tischdecke anstarren, sondern ein vernünftiges Gespräch führen – natürlich nicht mit vollem Mund.

«Wozu muss ich das wissen», fragten Kursteilnehmer manchmal, «das ist doch mühsam.» Anfänglich vielleicht schon, räumen die Kursanbieterinnen ein. Doch dann entdeckten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass gutes Benehmen Spass mache und Sicherheit verleihe. «Man tritt selbstbewusster und lockerer auf, weil man weiss: Ich machs richtig.» Richtig ist zum Beispiel für Damen, die Serviette so zu falten, dass sie ihren Mund damit abtupfen können, ohne das Tuch aussen mit Lippenstift vollzustempeln. Und die Herren? Der «Bund»-Besucher gesteht, dass er sich die Serviette oft im Hemd einsteckt, weil er es leid ist, ständig die schönen Hemden zu ruinieren. «Das dürfen Sie nicht», sagt Schwarz. Für den Notfall habe der Gentleman ein Ersatzhemd dabei. Dafür dürfe man heutzutage den Salat schneiden.Wieder Montag Begegnungen mit Menschen montag.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 29.01.2018, 06:45 Uhr

Knigge im Alltag

Anstand kommt nie aus der ModeAls Freiherr Adolph Knigge (1752–1796) sein Buch «Über den Umgang mit Menschen» veröffentlichte («Mit Churfürstl. Sächsischem Privilegio»), war die Welt eine andere. Doch sein Anliegen, mit anderen Menschen anständig und höflich umzugehen, ist zeitlos. Die Umgangsformen mögen sich in den letzten Jahrzehnten gelockert haben. Geblieben ist das Bedürfnis, sich in der Gesellschaft so zu bewegen, dass man nicht peinlich auffällt.

Besonders im Berufsleben ist dies wichtig, wo man nicht nur mit Kumpels zusammentrifft, sondern auch mit fremden Personen. Hier repräsentiert man nicht nur sich, sondern das Unternehmen. Die 56-jährige Susanne Schwarz und die 33-jährige Linda Hunziker wissen, worauf es ankommt. Seit mehreren Jahren geben sie Kurse, in denen die zeitlosen Knigge-Grundprinzipien angewendet werden.

Die beiden Frauen sind diplomierte Berufs- und Laufbahnberaterinnnen. Schwarz, die früher als Pflegefachfrau und Helikopterpilotin arbeitete, liess sich zum Coach weiterbilden. Hunziker hat einen Abschluss in Psychologie. Ihre Firma «h+s knigge» existiert seit einem Jahr – «unsere grosse Leidenschaft», wie beide versichern.

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