Wenger würde lieber «mit Pulverschnee plagiere»

Der 69-jährige Landwirt Werner Wenger arbeitete lange am Skilift im Gantrisch. Noch heute verliest er am Telefon das aktuelle Schneebulletin.

Werner Wenger ist die Stimme des Gantrischgebiets.

Werner Wenger ist die Stimme des Gantrischgebiets.

(Bild: Adrian Moser)

Markus Dütschler

Schlitteln könne man «ganz gäbig», sagt die freundliche Stimme am Telefon, doch die Lifte seien nicht in Betrieb. Aber das Restaurant sei offen. Die Stimme kennen alle, die sich über die Schneeverhältnisse informieren wollen, bevor sie in Richtung Gantrisch losfahren. Es ist seit Jahr und Tag die gleiche: fröhlich, wenn sie idealen Pulverschnee vermelden kann – und etwas verhalten, wenn die Lifte in Berns Naherholungsgebiet stillstehen. Und das kommt gelegentlich vor, denn mit der maximalen Höhe von 1590 Metern über Meer zählt das Skigebiet Gantrisch-Gurnigel nicht zu den schneesicheren Wintersportorten.

So klingt Wengers Telefonstimme:

Aufnahme

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Als der «Bund» vor einigen Tagen die Leute vom Skilift erreichen will, um mehr über die Stimme zu erfahren, regt sich im Büro nichts. Der Anruf geht ins Restaurant nebenan, wo Ursula Freiburghaus die erste Saison als Pächterin bestreitet. «Heute war noch kein Gast hier», sagt sie, hilft aber dem Anrufer betreffend der Bulletinstimme weiter: «Das isch dr Wenger Werner.» Er mache das hervorragend, «unser Langzeit-Original».

Tags darauf ist alles anders. Oberhalb von Riggisberg wirken die grünen Matten wie mit Puderzucker bestreut. Die Strasse zum Gurnigel, mit Schnee bedeckt, wird steiler und kurvenreicher. Die orange Schleuder-Warnlampe am Armaturenbrett blinkt nervös, die Temperatur liegt im Frostbereich. Ob man da wieder heil herunterkommt? Doch ganz oben, an der Wasserscheide, wartet Wenger mit seinem 4x4-Auto. Nun wird alles gut.

Viel läuft in der Beiz auch jetzt nicht. Dafür ist ein ungebetener Gast ins Haus eingedrungen, vermutlich ein Marder. An einem Tisch sitzt eine Gruppe von Männern in farbigem Arbeitstenü. Sie trinken Kaffee, essen Nussgipfel und werweissen, wie man das Tier am besten fängt. Es sind Bauern aus der Gegend, die wie Wenger im Winter am Lift arbeiten, Pisten präparieren und beim Skibetrieb zum Rechten sehen. Der Sturm neulich habe die Markierungspfosten am Pistenrand umgeworfen, sagt Wenger. «Wenn wir sie nicht sofort wieder aufrichten, finden wir sie im tiefen Schnee nicht mehr.» Wenger stellt seine Kollegen dem Besucher vor, einige kratzen sich verlegen an der Mütze, wenn ihr Name fällt. Das «Wärche» liegt ihnen näher als der Smalltalk. Sie schmunzeln ein wenig, als der Besucher von den schwierigen Strassenverhältnissen erzählt. In der Stadt, finden sie, lasse man sich wegen ein paar Schneeflocken gleich ins Bockshorn jagen, lasse das Auto stehen und nehme das Bähnli.

Nach der Pause machen sie sich ans Werk und befahren die Piste, um die Schäden in Ordnung zu bringen. Zwischendurch knackt es im Funkgerät. Wenger wird später den Skilift einschalten, um die Kollegen hochzuziehen. Das ist das Ungewohnte am Skilift Länggrätli: Die Talfahrt ist nicht der Abschluss eines Skitags, vielmehr fährt man vom Parkplatz zuerst hangabwärts und lässt sich danach wieder zur Beiz und zum Parkplatz hochschleppen. Für Landwirte sei der Zustupf des Skiliftunternehmens ein «gäbiger» Nebenerwerb, sagt Wenger, wenn das Winterwetter aber ausbleibe, gebe es nichts: «Wir werden im Stundenlohn bezahlt.»

Wenger führt den Gast in die Bergstation des Skilifts, ein Holzhäuschen. Nun wird das einfache Büro wieder zur Dichterklause, denn Wenger wird die Gäste über die neueste Entwicklung ins Bild setzen. Lieber würde er «von Pulverschnee plagiere», sagt er, doch dürfe man die Leute «nid aalüge».

Legt er sich einen Spickzettel zurecht? Nein, sagt er, «ich weiss inzwischen, was es zu sagen gibt.» Es habe zwar geschneit, aber nicht genug, hören die Anrufer, aber das Restaurant sei offen. Wenger hört regelmässig den Wetterbericht im Radio. Zwei, drei Tage bleibe das Wetter gut, weiss er, und «dä chunts ga more».

Er sei seit vier Jahrzehnten mit dem Lift verbunden, zuerst als «gewöhnlicher Liftarbeiter», dann als Patrouilleur, der Verunfallte barg, und 31 Jahre als Betriebsleiter. Nun sei es «auä» der dritte Winter, seit er pensioniert sei. «Man muss ja nicht immer alles selber machen», findet Wenger, die Jüngeren könnten das auch gut. Nur das Schneetelefon, das mache er weiterhin mit Freude.

DerBund.ch/Newsnet

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