Was tun, wenn das AKW ausser Kontrolle gerät?

Auf die Evakuierung der Grossräume Bern, Biel und Freiburg sind die Behörden kaum vorbereitet.

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Simon Thönen@SimonThoenen

Am Mittwoch um 13.30 Uhr heulen in der Schweiz die Sirenen – die jährliche Probe für den «allgemeinen Alarm», der zum Beispiel bei einem AKW-Unfall ausgelöst würde. In der Region um Mühleberg werden die Sirenen zwischen 14.15 und 15 Uhr erneut zu hören sein – zum Test des «Wasseralarms», der beim Bruch von Staumauern wie jener des Wohlensees ertönen würde. Wegen des Probealarms solle niemand beunruhigt sein, teilen die kantonalen Behörden mit. Es sei denn, die Sirenen würden ausserhalb der angekündigten Zeiten aufheulen. Dann «kann eine Gefährdung der Bevölkerung nicht ausgeschlossen werden». In diesem Fall gelte: Radio hören, Anweisungen der Behörden befolgen und Nachbarn informieren.

Ebenfalls heute erhalten die rund 3000 Anwohner des AKW Mühleberg ein Merkblatt, das ihnen mitteilt, wie sie bei einem AKW-Unfall evakuiert würden. Die «zuständigen Führungsorgane von Bund und Kanton» würden entscheiden, ob die Zone 1 vorsorglich evakuiert werde. Das ist das Gebiet 3 bis 5 Kilometer um das AKW. Die Voraussetzung wäre, dass «ein Zeitfenster von mindestens 6 Stunden zur Verfügung» steht, in dem «noch keine Radioaktivität im KKW austritt». (Sonst gilt die alte Devise, dass man in Kellern und Bunkern Schutz suchen soll.

Die Leitidee ist, dass die meisten Menschen die Gefahrenzone auf eigene Faust verlassen, wenn die Behörden sie dazu auffordern – im Auto oder mit dem öffentlichen Verkehr. Nur jene, die dies nicht tun können und auch keine Mitfahrgelegenheiten finden, sollen sich zu den sechs «Sammelstellen» begeben, die im Merkblatt angegeben sind. Dort würden sie von Postautos abgeholt. Vor der Flucht sollen die Menschen «die Wohnung für längere Abwesenheit vorbereiten» sowie Ausweise, Bargeld, Handy, Verpflegung und Jodtabletten mitnehmen. Ausserhalb der Gefahrenzone sollen sie privat unterkommen – oder im «Aufnahmezentrum Schwarzenburg».

Was ist mit Bern, Biel, Freiburg?

Das Merkblatt zeigt: Die Behörden, in erster Linie das kantonale Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär (BSM), haben eine vorsorgliche Evakuierung der Zone 1 inzwischen geplant – wenn auch erst im 45. Betriebsjahr des AKW Mühleberg. Die Planung ist eine direkte Folge von Fukushima.

Doch die Zone 1 ist sehr klein. Auch die Zone 2 mit einem Radius von zwanzig Kilometern um die Schweizer AKW muss notfalls evakuiert werden können. Dies verlangt das «Notfallschutzkonzept bei einem KKW-Unfall», das der Bundesrat 2015 gutgeheissen hat. In der Zone 2 um Mühleberg liegen Bern, Biel und Freiburg. Auch für die Evakuation der Zone?2 gibt es ein Konzept von Bund und Kantonen – aber nur ansatzweise eine Planung. «Wir brauchen eine rechtliche Abstützung, um dies planen und mit allen Notfallschutzpartnern umsetzen zu können», sagt Stephan Zellmeyer, Leiter Bevölkerungsschutz im BSM. «Aktuell können wir zum Beispiel kein Spital und kein Altersheim dazu verpflichten, sich mit einer Evakuierung auseinanderzusetzen.» Er verweist darauf, dass die entsprechende Verordnung des Bundesrats noch nicht vorliegt.

Grundsätzlich sollen auch die Menschen in der Zone 2 auf eigene Faust im Auto oder ÖV fliehen. Doch wird der ÖV bei einer drohenden AKW-Katastrophe noch fahren? «Das ist einer der Punkte, die wir klären müssen», sagt Zellmeyer. Denn für die SBB etwa sei nicht klar, ob ein solcher Einsatz mit den Arbeitsverträgen des Personals vereinbar sei. Für die Evakuation der kleinen Zone 1 haben die Behörden einen Vertrag mit der Postauto AG abgeschlossen. Er sieht vor, dass die Chauffeure von einem AC-Experten begleitet werden und Schutzkleidung und Dosimeter erhalten.

Bei früheren Gelegenheiten dachten die bernischen Behörden laut darüber nach, ob sich eine Evakuierungsplanung für die Zone 2 noch lohne, da das AKW 2019 abgeschaltet wird. Nun heisst es, der Regierungsrat werde im Frühjahr 2016 «über den Zeitplan» für weitergehende Notfallplanungen entscheiden.

Der Bund

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