Waldrodung für Laubfrosch & Co. stört ruhebedürftige Anwohner

Ein Biotop in Münsingen mobilisiert Anwohner. Der grüne Gemeindepräsident ist überrascht, der Kanton sucht den Kompromiss, der Bund schickt Lärmexperten.

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Laubfrösche mögens sonnig und klettern bei schönem Wetter an Pflanzen hoch. Deshalb entstand die irrige Vorstellung, der Laubfrosch könne als «Wetterfrosch» das Wetter nicht nur anzeigen, sondern vorhersagen. Die wissenschaftliche Erklärung ist profaner: Zoologen vermuten, dass der Frosch bei Sonne klettert, weil die Insekten, die ihm als Nahrung dienen, höher fliegen als bei kaltem Wetter.

Klar ist, dass der Laubfrosch hohe Ansprüche an seinen Lebensraum stellt. Er besiedelt stehende, mehrheitlich besonnte und flache Gewässer, von denen es in der Schweiz immer weniger gibt. Der Laubfrosch steht deshalb auf der roten Liste der stark gefährdeten Arten.

Für die Gemeinde Münsingen – seit 2013 unter Führung eines grünen Gemeindepräsidenten – war dies Grund genug, eine seit langem geplante ökologische Aufwertung im Gebiet Stude/Ritzele dem Laubfrosch und dem ebenfalls gefährdeten Fadenmolch zu widmen (Text unten). Weil sich neben dem Laubfrosch auch der Fadenmolch mit Vorliebe in besonnten Gewässern ansiedelt, liess die Gemeinde im Winter im Gebiet nahe der Autobahnraststätte 600 Kubikmeter Holz aus dem Wald schlagen. Zudem liess sie Tümpel anlegen, die sich je nach Stand des Grundwassers temporär mit Wasser füllen, was für die beiden Arten ideal ist. Womit die Verantwortlichen nicht gerechnet hatten: Später brauste der Sturm Burglind durchs Aaretal und fällte noch einmal 350 Kubikmeter Holz.

Seither ist das nahegelegene Wohnquartier in Aufruhr: Denn wo bisher Waldesgrün dem Auge der Anwohner schmeichelte, öffnet sich nun der Blick auf eine Brache mit Baumstümpfen, hinter den verbliebenen Wipfeln lugen im Hintergrund die Autobahn und die Neonlichter der Raststätte hervor. Und: Wo zuvor wegen der natürlichen Waldschranke mehrheitlich Ruhe herrschte, ist nun der Lärm der Autobahn deutlich zu hören.

«Hässlich und kahl»

Das Resultat der als «Aufwertung» angekündigten Massnahmen sei «ein Desaster» und «für uns Betroffene ein Schock», sagt Anwohnerin Ulrike Stein, die den Widerstand von rund 200 Bewohnern informell organisiert hat. Ein «intakter Wald und ein Naherholungsgebiet für Anwohner und Spaziergänger» sei zerstört worden, das Areal biete «einen hässlichen und kahlen Anblick». Der Lärm der Autobahn sei «unerträglich» und meist nur mit geschlossenen Fenstern zu ertragen. Gleiches gelte für die zunehmende Luftverschmutzung durch die Autobahn. «Wir haben den Eindruck, dass die Gemeinde das Gleichgewicht von Natur und Mensch zugunsten von Fröschen und Molchen aus den Augen verloren hat.»

Gemeindepräsident Beat Moser weist die Vorwürfe zurück. Gegen das ordentlich publizierte Projekt habe in der Mitwirkung niemand opponiert, und dass Burglind den schon ausgelichteten Wald noch einmal ausgedünnt habe, sei «höhere Gewalt». Auch die Kritik, dass hier ein gesunder Wald eingeebnet worden sei, lässt Moser nicht gelten: Gefällt worden seien vor allem Fichten, «welche sich in der kiesigen Auenlandschaft kaum verwurzeln können und einen schwierigen Stand haben».

Dazu kommen für den grünen Gemeindepräsidenten grundsätzliche Überlegungen: «Münsingen hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt, es wurde viel gebaut. Da ist es richtig, dass wir der Natur etwas zurückgeben.» Die Gemeinde verstehe aber die Betroffenheit der Anwohner und habe sich «in den vergangenen Wochen dialogbereit gezeigt».

Tatsächlich haben Stein und die übrigen Anwohnerinnen und Anwohner in den letzten Wochen bereits einiges erreicht: Unter anderem soll Ende Mai im Bereich der Autobahnraststätte im Rahmen einer von den Grünen organisierten Freiwilligenaktion ein Sichtschutz installiert werden, wie Moser ankündigt. Ohnehin hätten sich die «optischen Immissionen» für die Anwohner bereits reduziert, seit die noch vorhandenen Bäume frisches Grün angesetzt hätten.

An der von Stein initiierten und von der Gemeinde organisierten Begehung nahmen Anfang April 200 Personen teil. Dort sicherte das Bundesamt für Strassen (Astra) laut Moser zu, dass Lärmmessungen durchgeführt würden, und zwar «vor jedem Fenster der Häuser von sich gestört fühlenden Anwohnern». Je nach Resultat könnten die Lärmwerte die Installation zusätzlicher Schutzwände legitimieren. Die Resultate sollen im Juni vorliegen. Allzu grosse Hoffnungen dürften sich die Anwohner diesbezüglich allerdings nicht machen, wie Moser ausführt: «Die ersten Messungen lagen unter den Grenzwerten, die für eine Finanzierung durch das Astra erreicht werden müssten.»

150 neue Bäume

Vereinbart wurde zudem die Anpflanzung von 50 Baumsetzlingen, deren Zahl auf Druck der Anwohnerschaft inzwischen auf 150 erhöht wurde. Während 50 Junggewächse bereits gepflanzt wurden, sollen weitere 100 im Herbst dazukommen, wie Moser dem «Bund» sagt.

Bleibt die Frage, ob die Aktion zugunsten der Anwohner nicht das Ziel der ökologischen Aufwertung unterminiert. Die neuen Bäume sollen «sehr gezielt» ringförmig um die neuen Biotope gepflanzt werden, erklärt Moser: «So hält sich der Schattenwurf auf den Tümpeln in Grenzen, und es ist gesichert, dass sich das Areal als Lebensraum für den Laubfrosch eignet.» Entwarnung gibt auch die zuständige Stelle beim Kanton: «Die Anpflanzung ist aus unserer Sicht ein gangbarer Kompromiss», sagt Franziska von Lerber, Bereichsleiterin Arten und Lebensräume bei der Abteilung Naturförderung, die das Projekt wissenschaftlich begleitet hat.

Dem Ziel, dass in Münsingen schon bald der Laubfrosch quakt und als «Wetterfrosch» zur Sonne klettert, steht also nichts im Wege – und auch den Bedürfnissen der Anwohner scheint vorerst Genüge getan, auch wenn Ulrike Stein nicht sicher ist, ob sich die Anwohner damit zufrieden geben werden: Sie selber sehe die Situation heute «vorsichtig optimistisch». Sie werde abwarten, wie die Massnahmen umgesetzt würden. Dabei komme es unter anderem darauf an, an welchen Stellen die Bäume gepflanzt würden und dass grössere Setzlinge von schnell wachsenden Arten ausgewählt würden. Moser glaubt, dass sich die Aufregung bald legen wird, «auch die Natur wird das ihre dazu tun, damit das Areal nach und nach grüner wird». Moser glaubt, die ökologische Aufwertung diene nicht nur Fröschen und Molchen, sondern auch den Menschen: Auch die Renaturierung der Aare bei Rubigen sei anfangs kritisch kommentiert worden. «Heute ist es eine Naturoase und ein Wallfahrtsort für alle.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.05.2018, 16:55 Uhr

Artenschutz

Neuer Lebensraum für bedrohte Amphibien

Bei der ökologischen Aufwertung des Gebiets Stude/Ritzele stehen der Europäische Laubfrosch (Hyla arborea) und der Fadenmolch im Zentrum. Der Fadenmolch (Lissotriton helveticus) ist in der roten Liste der bedrohter Amphibien der Schweiz als «gefährdet» eingestuft, der Laubfrosch sogar als «stark gefährdet». Dem Laubfrosch macht dabei besonders das Verschwinden geeigneter Lebensräume zu schaffen: Er kommt in der Schweiz nur in warmen Tieflagen bis gegen 700 Meter über Meer vor, vor allem in Auengebieten, aber auch in überschwemmten Feuchtwiesen und in Gewässern lichter Wälder. Geeignete Laichgewässer zeichnen sich durch eine sonnige und windgeschützte Lage in offenen bis halb offenen Landschaften aus. Sie führen im Idealfall nur in der Fortpflanzungszeit im Frühling Wasser und trocknen im Spätsommer und Winter aus. Diesen Vorgaben entspricht das in Münsingen neu geschaffene Biotop.
«Wichtig für den Erhalt der Art ist vor allem, dass die Lebensräume des Laubfroschs besser untereinander vernetzt werden», sagt Franziska von Lerber, Bereichsleiterin Arten und Lebensräume bei der Abteilung Naturförderung im kantonalen Amt für Landwirtschaft und Natur. Bereits heute gibt es laut Lerber im Aaretal zwischen Thun und Bern Laubfrosch-Populationen: bei Kiesen sowie im Raum zwischen Bern und Allmendingen, aber auch im Hechteloch bei Rubigen, wo eine Renaturierung 2010 abgeschlossen wurde. Hier hat man im Jahr 2013 erstmals einzelne Exemplare zugewanderter Laubfrösche gesichtet. «Der neue Lebensraum im Gebiet Stude/Ritzele in Münsingen vernetzt die bestehenden Biotope ideal und trägt zur Stärkung der Art bei», sagt Lerber. (awb)

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