Urbaner werden und ländlich bleiben

Köniz setzt Leitplanken für den Weg in die Zukunft, die widersprüchlich erscheinen: Die Gemeinde will urbaner werden, aber ausgesprochen ländlich bleiben.

Trotz urbaner Strategien erklärt Köniz seine ländlichen Gebiete – hier der Weiler Herzwil – zur Herzenssache.

Trotz urbaner Strategien erklärt Köniz seine ländlichen Gebiete – hier der Weiler Herzwil – zur Herzenssache. Bild: Adrian Moser

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Wie lange dauert eigentlich diese Könizer Monsterübung schon? Die knappe Antwort lautet: lange, sehr lange. So lange, dass die 2007 angeschobene Revision der Könizer Ortsplanung zum zeitlosen Dauerstreitgegenstand wurde und zu permanentem «politischem Grundrauschen» führte. Mit diesem Begriff umschreibt der Könizer Bau- und Planungsvorsteher Christian Burren (SVP) den Zustand der letzten Jahre. Doch nun ist die Ziellinie in Sicht. Der Gemeinderat hat am Freitag das planerische Schlussbouquet vorgelegt: ein Produkt aus über 1000 Behördenentscheiden, breiten Mitwirkungsprozessen und politischen Ringkämpfen. Und die Behörde ist zuversichtlich, dass das Volk am 23. September an der Urne einen versöhnlichen Schlusspunkt setzen wird.

Schweres Zwischentief

Diese Zuversicht ist nicht selbstverständlich. Zwischenzeitlich herrschte nämlich Trümmerstimmung. Wir erinnern uns: Eine unüberhörbare bäuerliche Protestbewegung – mit dem inzwischen in den Gemeinderat aufgerückten Burren in ihren Reihen – lief Sturm gegen die Ausweitung der Schon- und Schutzgebiete. Und im Einfamilienhausmilieu schrieben sich Einsprecher die Finger wund, spürbar schockiert über die provisorischen Mehrwertabschöpfungsverfügungen. Der Preis für die neuen Ausbaumöglichkeiten, die ihnen die neue baurechtliche Grundordnung gewähren will, erschien ihnen gewöhnungsbedürftig hoch.

Angesichts der polternden Bauern und der sich auflehnenden Hausbesitzer geriet fast in den Hintergrund, was die Könizer Ortsplanung im Wesentlichen auszeichnet. Die raumplanerische Grundidee ist und bleibt nämlich ambitiös. Der Anfang Jahr stark erneuerte Gemeinderat präsentiert ein Planungswerk, das unter dem Strich keine Zunahme der Bauzonenfläche vorsieht.

Statt neue Bauzonen auszuscheiden, setzt Köniz allein auf inneres Wachstum in den bereits gut erschlossenen Wohn- und Arbeitsgebieten. Einerseits ist dies logisch, hat sich doch das Könizer Parlament 2008 für ein schweizweit für Aufsehen sorgendes «Bauzonenmoratorium» ausgesprochen und damit die entscheidende Leitplanke gesetzt. Anderseits ist die Beharrlichkeit der Behörde auch bemerkenswert, denn der Druck regionaler und kantonaler Planungsgremien aufs stadtnahe Köniz, neue Gebiete einzuzonen, war gross.

Laut Gemeindepräsidentin Annemarie Berlinger (SP) hat Köniz während des ganzen Planungsprozesses das Ziel verfolgt, jeden neuen Druck auf die heutigen Nichtbaugebiete zu vermeiden. Mit Wachstumsverweigerung hat dies freilich nichts zu tun, bloss mit der dezidierten Begünstigung des Wachstums nach innen. Begünstigt wird künftig die Erneuerung und zugleich dichtere Nutzung von Quartieren, so wie dies am Liebefelder Thomasweg bereits durchgespielt wird. Begünstigt wird entlang der Hauptstrassenzüge im urbanen Teil der Gemeinde die sogenannte geschlossene Bauweise: Reiht sich hier künftig lückenlos Gebäude an Gebäude, entsteht ein noch städtischeres Bild. Begünstigt werden zudem generell An- und Ausbauten. Allerdings ist die Entwicklung von den privaten Liegenschaftsbesitzern abhängig. Sie müssen die neuen Möglichkeiten erst einmal nutzen wollen.

Grün und ländlich

Flöge man über die 54 Quadratkilometer grosse Gemeinde, sähe man ein zu vier Fünfteln grünes Gebiet. «Nicht politisch grün, sondern effektiv grün», präzisiert der Gemeinderat Hansueli Pestalozzi (Grüne). Dieses Grün wolle Köniz erhalten. Die Ländlichkeit des ländlichen Köniz bleibe so gut wie unangetastet. Konfliktfrei ist das nicht. Die Bewirtschafter der Scholle wollen möglichst keine Einschränkung, während sich die Urbanen eine beschauliche Kulturlandschaft mit hohem Erholungswert wünschen. Ausdruck dieses Konflikts ist der Streit über die Schutzzonen. Ursprünglich wollte der Gemeinderat die Schutz- und Schongebiete von heute 870 Hektaren verdoppeln. Jetzt werden sie auf bloss 880 Hektaren ausgeweitet. Pestalozzi verteidigt diesen Schritt. Der Hauptgrund für den Verzicht auf neue kommunale Bestimmungen sei das 2017 in Kraft getretene neue kantonale Baugesetz. Dieses enthalte striktere Landschaftsschutzvorgaben: «Da braucht es von unserer Seite nichts Zusätzliches.»

«Nichts Weichgespültes»

Was dem Stimmvolk vorgelegt wird, folgt dem Kerngedanken des Bauzonenmoratoriums – allerdings mit Abstrichen. Die ursprünglich vorgesehenen Ansätze für Mehrwertabschöpfungen wurden stark nach unten korrigiert. Und geringfügig bleibt der Ausbau des Landschaftsschutzes. Ist das Könizer Planungswerk gemessen an den ursprünglichen Ansprüchen also eine weichgespülte Sache? Annemarie Berlinger widerspricht dezidiert. Im Kern seien alle wichtigen Ziele erreicht, alle wichtigen Versprechen eingelöst. Es sei ein Beweis für gute Arbeit, wenn man nicht genau dort lande, wo man vor Jahren zu landen gedachte: «Wir haben heute ein Ergebnis, das den Bedürfnissen jener, die hier leben und arbeiten, besser entspricht.» (Der Bund)

Erstellt: 13.04.2018, 19:57 Uhr

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