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«Tracht tragen heisst nicht, dass man wie die SVP denkt»

Politik braucht verschiedene Zutaten, damit sie gut wird, findet die Langnauer SP-Gemeinderätin Renate Strahm, deren Sektion 100-jährig ist.

«Allein mit den Linken käme es nicht gut, doch es braucht die SP»: Renate Strahm, SP-Gemeinderätin in Langnau.
«Allein mit den Linken käme es nicht gut, doch es braucht die SP»: Renate Strahm, SP-Gemeinderätin in Langnau.
Franziska Rothenbühler

Im Da Luca in Langnau essen GGR-Mitglieder und Gemeinderäte nach der Parlamentssitzung manchmal Pizza. Auch dann, wenn es im Rat Streit gab. Beim «Chäre» und «Schtürme» gehe es um die Sache, nicht um die Person, sagt SP-Politikerin Renate Strahm, die den «Bund»-Besuch aus Bern ebenfalls in der Pizzeria trifft. Im Gemeinderat ist Strahm für die Schule zuständig. In Langnau gebe es in der Primarschule nur altersdurchmischte Klassen.

Was in der Stadt oft als Dernier Cri der Pädagogik herumgeboten wird, ist hier altbekannt. In den Aussenschulhäusern «in den Gräben» seien jüngere und ältere Schüler schon immer im gleichen Raum unterrichtet worden – und mit einem Ohr hörten sie immer ein wenig bei den anderen mit. Hat die SP einen schweren Stand auf dem Land, das gemeinhin als SVP-Territorium gilt? «Wenn ich ein Anliegen gut begründen kann, bringe ich es durch», sagt Strahm und fügt bei: «Auch wenn Langnau nicht im Geld schwimmt.» Es mache die Sache nicht einfacher, dass der Spielraum der Gemeinden stets kleiner werde: Strahm bildet mit Daumen und Zeigefinger eine schmale Lücke.

«Es braucht die SP»

Eine rotgrüne Grossstadt mit solider rotgrüner Mehrheit ist Langnau nicht. Nur gut 100 Mitglieder zählt die örtliche SP-Sektion, die ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Nicht ohne Stolz fügt Strahm bei, dass das Partei-Informationsblatt «Links i. E.» an 1200 Empfänger gehe, an «Sympis» – und politische Gegner. «Allein mit den Linken käme es nicht gut, doch es braucht die SP.» Nicht weil SP-Rezepte die einzig richtigen seien, sondern weil gute Lösungen verschiedene Aspekte enthalten müssten. Jede Partei neige dazu, ihre Sichtweise für das Ganze zu nehmen, sagt Strahm, die mit dem ökonomischen SP-Vordenker Rudolf Strahm nicht verwandt ist.

Europaweit gehört die Schweizer SP zu den am weitesten links positionierten sozialistischen Parteien, sagen Politologen. Das sei ihr nicht bewusst gewesen, räumt Strahm ein, und man spürt, dass eine SP, die im Emmental etwas erreichen will, näher an der Mitte agieren muss.

Die Kontroverse um den Langenthaler Juso-Politiker Alain Roth, der an einer Demonstration in Paris verletzt wurde, hat sie aus der Distanz mitverfolgt und mag über seine Motive nicht urteilen. «In einem Dorf geht es um sehr konkrete Anliegen», sagt Strahm. Als etwa die Geburtenabteilung im örtlichen Spital geschlossen werden sollte und später auch der Operationssaal, sammelten sich die Petitionsunterschriften bei ihr: 37'000. «Wir machten Päckli und brachten sie zum Regierungsrat in Bern.» In jenes Bern, von dem sie sagt, sie fahre zwischendurch gerne hin, «aber danach auch gerne wieder nach Hause».

Unpolitische Herkunft, politischer Nachwuchs

Das Spital existiert noch – nun zusammen mit dem Standort Burgdorf als Regionalspital Emmental, mit Millionen von ­Franken modern ausgestattet. Eine moderne Ausstattung für das Emmental wäre auch der Autobahn­zubringer. SP-Kreise lehnen Strassenprojekte oft ab. «Ich persönlich glaube nicht, dass Langnau den Anschluss unbedingt braucht», sagt Strahm, doch sie scheue sich, Dinge zu entscheiden, von denen andere betroffen seien. Sie begreife die Leute in Oberburg, die unter «dä viele Chärre vor dä Hüser» litten und eine Umfahrung wünschten.

Wenn die SP feiert, wird Strahm auf einem alten «Wöschhafe» Rösti braten – auf Wunsch als Vegi-Variante ohne Speckwürfeli. Ein rotes SP-T-Shirt wird sie nicht tragen, sondern die Berner Tracht. Trachten hätten sie schon als Kind fasziniert. Sie sei Mitglied in einer Kindertrachtentanzgruppe gewesen und habe später eine geleitet. «Tracht tragen heisst nicht, dass man wie die SVP denkt.» Wobei ihre unpolitische Herkunftsfamilie eher zu jenem Spektrum gezählt habe, wie sie beifügt. «Mir aber war bald klar, dass für mich nur die SP infrage kommt.»

Dass ihre Tochter Stefanie 2013 in den GGR gewählt wurde, habe sie mehr gefreut als ihre eigene Wiederwahl. In ihrem grossen Haus, das einst dem Käsebaron der späteren «Tiger»-Käse gehörte, hat sie ebenfalls schon oft Rösti und andere kohlenhydratreiche Speisen zubereitet, bei Bedarf auch spät abends. Unter ihrem Dach wohnen nämlich oft Lernende von auswärts. Früher beherbergte sie auch Spieler des SC Langnau. Wenn diese vom Training heimkamen, hatten sie einen Bärenhunger.

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