Teures Wunschmenü für Strassen

Im Emmental und Oberaargau soll die Bevölkerung die Strassenlösungen erhalten, die sie sich wünscht. Den Kanton kostet das Paket eine halbe Milliarde Franken.

In Burgdorf auf der Höhe des Spitals soll eine Bahnunterführung gebaut werden.

In Burgdorf auf der Höhe des Spitals soll eine Bahnunterführung gebaut werden. Bild: Manu Friederich

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Das Mitwirkungsverfahren war ein Abstimmungskampf. Mit Plakaten und Inseraten wurde letzten Herbst im Emmental und Oberaargau für und gegen Autobahnzubringer Propaganda gemacht.

Enorm war dann auch die Beteiligung an dem Verfahren, das im Normalfall den speziell Interessierten Gelegenheit zu Stellungnahmen im Detail gibt. Aus dem Emmental trafen knapp 4000 Eingaben ein, aus dem Oberaargau gut 1300. Die kantonale Verkehrsdirektorin Barbara Egger-Jenzer (SP) sprach am Donnerstag vor den Medien von einem «überwältigenden Interesse».

Egger interpretierte die Ergebnisse denn auch wie Abstimmungsresultate. Im Emmental sprachen sich 68 Prozent der Eingaben für neue Umfahrungsstrassen aus, im Oberaargau gar 83 Prozent.

Allerdings schlüsselte die kantonale Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion die Eingaben noch konsequenter nach einzelnen Ortschaften auf – und machte aus den lokalen Wünschen ein massgeschneidertes Strassenprogramm. Dieses will Egger nun dem Regierungsrat und dem Grossen Rat vorlegen.

Verzicht auf Umfahrung Burgdorf

Konkret bedeutet dies, dass jene Regionen und Ortschaften, die sich neue Umfahrungsstrassen wünschen, diese auch erhalten sollen. Im Oberaargau ist dies ein Autobahnzubringer samt Tunnel und neuer Aarebrücke, mit dem künftig Aarwangen umfahren werden soll.

Obwohl in der Region sehr erwünscht, dürfte vor allem dieser Autobahnzubringer politisch umstritten sein, auch wegen seines Landbedarfs.

Einen massgeschneiderten Mix aus zwei unterschiedlichen Lösungsvarianten soll es dagegen im Raum Burgdorf geben – auch hier abgeleitet aus der Mitwirkung. Die Ortschaften südlich von Burgdorf, Oberburg und Hasle, sollen auf neuen Strassen umfahren werden.

In Oberburg enthält die Umfahrungslösung auch einen kostspieligen Tunnel. Für die Umfahrung sprachen sich in Oberburg 87 Prozent und in Hasle 70 Prozent der Mitwirkenden aus.

In Burgdorf hingegen votierten zwei Drittel der Mitwirkenden gegen eine neue Umfahrungsstrasse – und für die Konkurrenzlösung. Diese trägt offiziell den nicht sehr attraktiven Titel «Variante Null plus» und sieht Anpassungen auf den existierenden Strassen vor.

So neue Unterführungen unter der Bahn, eine bessere Verkehrssteuerung mit Ampeln, die Sanierung von Verkehrsknoten und separate Spuren für Busse. Dieselbe Lösungsvariante ohne neue Umfahrung wird für Lyssach nordwestlich von Burgdorf angestrebt. Hier sprachen sich die Mitwirkenden zwar für die Umfahrung aus, aber nur eine Minderheit sah grossen Handlungsbedarf.

Kosten für Kanton bleiben hoch

Ganz ausschliessen will Regierungsrätin Egger neue Umfahrungsstrassen allerdings auch im Raum Burgdorf und Lyssach nicht. Diese werden in den Unterlagen sogar als «zweite Etappe» bezeichnet. Gebaut werden sollen sie allerdings nur dann, wenn die Massnahmen im bestehenden Strassenraum nicht wirksam sind, wie Egger auf Nachfrage präzisierte.

Fest steht: Für die Kantonsfinanzen ist der Verzicht auf Umfahrungsstrassen um Burgdorf und Lyssach ein Segen. Nur deswegen sinken die geplanten Gesamtkosten für beide Regionen von knapp 800 auf rund 560 Millionen Franken. So jedenfalls die grobe Schätzung der Kosten, welche auch 20 Prozent höher oder tiefer ausfallen können.

«Das ist viel Geld», räumte Egger am Donnerstag ein. Ursprünglich hatte der Kanton dafür lobbyiert, dass der Bund die Autobahnzubringer finanziert – ohne Erfolg. Nun stellt der Bund für die Umfahrung Aarwangen rund 40 Millionen Franken in Aussicht.

Im Rahmen des Agglomerationsprogramms dürfte er zudem rund ein Drittel der Kosten im Raum Burgdorf übernehmen. Mindestens 280 Millionen Franken stammen aus dem Überrest eines kantonalen Investitionsfonds. Alles andere muss aus dem ordentlichen Kantonsbudget kommen.

Egger rechnet mit jährlichen Tranchen von 20 bis 25 Millionen Franken über rund ein Jahrzehnt. Dies sei verkraftbar, sagte Egger. Aber nur unter einer Bedingung: «Der Grosse Rat muss das Budget für Investitionen, welches er sukzessive gekürzt hat, wieder anheben.»

Nur so liessen sich auch die anderen Infrastrukturaufgaben finanzieren. «Falls etwa Ostermundigen doch für das Tram stimmen sollte, müssen wir sehen, wie wir auch dieses Projekt finanzieren können.» (Der Bund)

Erstellt: 31.03.2016, 22:16 Uhr

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