Stille am Gate – Hektik hinter den Kulissen

Die Fluggesellschaft Skywork ist nicht die erste, die sich auf dem Belpmoos schwertut. Die Flughafenbetreiber stehen mit anderen Airlines im Kontakt und hoffen, dass diese einspringen.

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Markus Dütschler
Carlo Senn@derbund

Sie hatte von nichts gewusst: Die Putzfrau in ihrer orangen Weste sitzt im Flughafen Bern, stützt ihren Kopf auf den Händen ab und seufzt: «Was soll ich denn arbeiten, wenn ich nicht mehr Flugzeuge putzen darf?» Einige Kunden sind ins «Mösli» gekommen, ohne vom Grounding gehört zu haben, denn nicht jeder hört frühmorgens um sechs Radio. Der Botschafter von Usbekistan, der nach Berlin fliegen will, muss sofort umdisponieren. Andere haben sich informiert und sind gerade darum ins Belpmoos gekommen, um zu sehen, was los ist – ein Grounding wie bei der Swissair, wenn auch im Miniformat.

Hinter den Kulissen herrscht Hektik. Der sichtlich übermüdete Flughafen-CEO Mathias Gantenbein sagt vor Medienschaffenden, das Unternehmen rechne nach dem Ende des wichtigsten Kunden mit einer Einbusse von 60 Prozent bei den Linien- und Charterflügen, daraus resultiere ein Umsatzrückgang von einem Drittel. Man sei aber nicht untätig gewesen, so Gantenbein, sondern habe schon länger mit anderen Fluggesellschaften Kontakt aufgenommen. Diese könnten vielleicht rentable Linien von Skywork übernehmen. Die Gespräche mit Interessenten würden nun intensiviert, so Gantenbein.

Helvetic hilft aus, wo es geht

Kurzfristig muss den Feriengästen geholfen werden, die auf einer Insel festsitzen. Darum hat Beat Iseli alle Hände voll zu tun. Der Gründer von Belpmoos-Reisen ist wütend: «Das ist eine Riesensauerei.» Iseli, der eine schlaflose Nacht verbracht hat, kann nicht verstehen, weshalb Skywork erst noch von neuen Destinationen und Flugzeugen sprach: «Sie wussten doch, dass sie gar kein Geld mehr haben.» Iseli, der einst Aaretal-Reisen gründete und das Reisebüro später an Skywork verkaufte, muss nun die Gestrandeten heimholen. Sie seien überall verstreut: «Ich kann nicht einfach alle in einem grossen Flugzeug versammeln.»

Helvetic, die ebenfalls ab Bern fliegt, versucht zu helfen, wo es möglich ist. Helvetic-CEO Tobias Pogorevc sagt auf Anfrage, am einfachsten sei dies bei Skywork-Destinationen, die auch Helvetic anfliege, etwa Olbia und Mallorca. Bei anderen Zielorten müsse man dies im Einzelnen organisieren.

Helvetic gilt als Fluggesellschaft, die Destinationen nach Erstellen eines genauen Businessplans ins Angebot aufnimmt. Skywork war – besonders in der Phase unter Geschäftsführer Tomislav Lang – dafür bekannt, dass neue Zielorte oft spontan ins Programm gerückt wurden. Skywork habe auch in jüngerer Zeit als «sehr experimentierfreudig» gegolten und habe sich «etwas verzettelt», vermutet Pogorevc.

Manche behaupten, Bern sei ein schwieriges Pflaster, auf dem eine Linienfluggesellschaft nie reüssieren könne. «So würde ich das nicht unterschreiben», sagt Pogorevc. Zwar seien viele Kosten in Bern höher. Beim Treibstoff mache das bis zu 50 Prozent aus, und wegen der geringen Passagierzahl liessen sich die Kosten weniger gut umlegen. Bern könne dafür mit der einmalig kurzen Check-in-Zeit brillieren.

Skywork-Investor sprang ab

Als Skywork im Herbst 2017 wegen Geldmangels für einige Tage groundete, meldete sich Adria Airways: Sie wolle Strecken übernehmen. Dann beschaffte sich Skywork Kapital und nahm den Flugbetrieb wieder auf. Adria Switzerland ist mittlerweile selbst gegroundet. Eine «Bund»-Anfrage beim Mutterhaus in Ljubljana, ob immer noch Interesse bestehe, bleibt unbeantwortet. Für Szenekenner wäre es für eine ausländische Airline schwierig, in Bern Fuss zu fassen, selbst wenn sie günstigere Lohnkosten aufweise.

Reisebürochef Iseli wundert sich, dass die Luftfahrtaufsichtsbehörde Bazl nicht früher eingeschritten ist. Bazl-Sprecher Urs Holderegger sagt, normalerweise legten Fluggesellschaften ihre finanzielle Situation und die Passagierzahlen einmal jährlich vor. Nach dem Grounding nahm das Bazl Skywork an die kurze Leine: Die Firma musste monatlich rapportieren. Skywork hatte laut Holderegger einen Investor an der Hand, der aber kürzlich abgesprungen ist. «Das Skywork-Management beschloss von sich aus, den Betrieb nicht mehr weiterzuführen.» Für den zuständigen Regierungsrat, Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP), ist die erste Sorge, was mit den rund 120 Skywork-Angestellten geschieht, die über Nacht ohne Arbeit dastehen. Das Regionalgericht Bern-Mittelland sagt auf Anfrage, Skywork Airlines AG habe das Konkursverfahren beantragt, darüber entschieden werde nächste Woche.

Konsterniert ist FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen, Präsident der Interessengemeinschaft Berner Luftverkehr (IGBL). Bei Sitzungen sei unlängst nie von Grounding die Rede gewesen. Man habe gewusst, dass jedes Jahr Millionen verbrannt wurden: «Nun wurde es offenbar zu viel.» Für die Hauptstadtregion sei das Skywork-Ende «ein harter Schlag». Er hoffe, dass Bern so rasch wie möglich wieder an ein Drehkreuz angeschlossen wird, etwa in München.

Im Belpmoos kommt am Donnerstag kein Flugzeug aus München an, aber eine DC-3, Baujahr 1935. Die Maschine gehört dem Verein Freunde der Swissair. Die Maschine hat das Swissair-Grounding von 2001 überlebt. Das darf man als Hoffnungszeichen werten.

Der Bund

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