Spontaneinsatz an der griechischen Grenze

Der Langnauer Arzt Hansueli Albonico verliess die Praxis für einen Einsatz in Idomeni. Er leistete aber nicht nur medizinische Hilfe.

Dr. med. Hansueli Albonico hat 1997 am Spital Langnau die erste und bisher einzige komplementaermedizinische Abteilung der Schweiz geschaffen.

Dr. med. Hansueli Albonico hat 1997 am Spital Langnau die erste und bisher einzige komplementaermedizinische Abteilung der Schweiz geschaffen.

(Bild: Manu Friederich)

Anita Bachmann@anita_bachmann

Im Empfangsbereich der Hausarztpraxis in Langnau stehen kleine Holzschränke mit Glastürchen. Sie sind gefüllt mit Fläschchen und Schachteln, obendrauf liegt ein Stapel Schröpfgläser. Die beiden Hausärzte Hansueli Albonico und seine Frau Danielle Lemann haben 2012 kurz vor der Pensionierung die Hausarztpraxis eröffnet. Vorher hatte sich Albonico einen Namen als Leiter der komplementärmedizinischen Abteilung des Spitals Langnau gemacht. Nach 15 Jahren gab er resigniert auf, müde ist er aber nicht. «Es ist ein Geschenk, ich bin immer noch fit», sagt er. Im Idealfall könnten sie hier noch fünf bis zehn Jahre weitermachen.

Als ob das nicht genug wäre, leistete Albonico kürzlich einen Einsatz im griechischen Idomeni für die Ärzteorganisation Médecins du Monde. Idomeni hat mittlerweile traurige Berühmtheit erlangt: An diesem Ort an der mazedonischen Grenze sind Zehntausende Flüchtlinge blockiert, weil Mazedonien die Grenze dichtgemacht hat. In den Ärztezelten half Albonico kranken Flüchtlingen wieder auf die Beine. «Das Meiste sind Bagatellfälle», sagt er. Es gehe auch gar nicht nur um medizinische Hilfe, sondern genauso um menschliche Begegnungen. Viele Menschen seien verzweifelt. So sei einmal ein Notruf gekommen, ein Mann habe sich erhängt. Das war nicht so, aber in seiner Verzweiflung hatte sich der Mann an Stacheldraht aufgeschlitzt. Um die Menschen zu stabilisieren, hat Albonico einen Power-Drink entwickelt, eine Salz-Zucker-Lösung mit Vitamin C.

Spontane Entscheidung

Es gab aber auch schwerere Fälle, für die Albonico zum Teil unkonventionelle Lösungen fand. Fünf irakische Männer hatten sich beim Ausstieg aus dem Flüchtlingsboot das Bein gebrochen. Sie wollten nicht umkehren, konnten aber auch nicht alleine über die Grenze. «Wir haben sie in Rollstühlen an die Grenze gebracht», sagt Albonico. Auf der anderen Seite nahmen Sanitäter eines Uno-Spitals die Leute entgegen. «Tolle Mazedonier waren das», sagt Albonico. Er hatte das Spital vorher besucht und die Kontakte geknüpft.

«Rundum beginnt es zu spriessen, entlang meinem Joggingweg blühen kleine Löwenzähnchen, Wollblümchen, Storchenschnabel, alles sinnigerweise umsäumt von Mariendisteln.» Das schreibt Albonico in einem Mail an die Daheimgebliebenen. Für ihn seien die Joggingrunden wichtig gewesen. «Ich brauche Bewegung, so kann ich am besten denken.» Bevor die Grenze bei Idomeni geschlossen wurde, war der Grenzort unterschiedlich stark belebt und es gab nicht immer viel zu tun. Deswegen hatte Albonico fast ein schlechtes Gewissen, denn zu Hause lief es nicht rund. Die neue Assistenzärztin konnte nicht wie geplant beginnen, seine Frau war allein in der Praxis. Gleichzeitig sei seine Tochter nach einer Operation nicht aus der Narkose erwacht. Die Belastung für seine Familie sei gross gewesen.

Das hatte er natürlich nicht ahnen können, als er das Inserat von der Ärzteorganisation sah. «Ich habe es zehn Minuten lang studiert und mich am selben Abend beworben», sagt er. Albonico hat Erfahrung im Ausland. So leitete er in Zimbawe zwei Jahre lang ein Spital. Zuvor war er für das IKRK in Kambodscha. Kurz nach dem Ende der «Killing Fields», der Massenmorde durch die Roten Khmer. «Ich war einer der ersten Ärzten dort», sagt er. Aus einem Stapel zieht er ein Schwarzweissfoto. Darauf ist eine grosse, an den Seiten offene Bambushütte zu sehen. Am Boden liegen Kranke auf Matten, die Infusionsflaschen hängen im Bambusgerüst der Hütte. «Wir haben ein Feldspital für 1000 Patienten aufgebaut», erklärt Albonico.

Auch mit dem Thema Flüchtlinge beschäftigte sich der Hausarzt schon früher. In den 1970er-Jahren machte er bei den Freiplatzaktionen für chilenische Flüchtlinge mit. Die Aktivisten sorgten damals nicht nur für Unterkünfte, sondern holten die Flüchtlinge auch gleich ins Land, weil sie nicht legal einreisen konnten. Heute leben im zu gross gewordenen Haus von Hansueli Albonico und seiner Frau zwei Flüchtlinge. Ist er ein Gutmensch? Das möchte er schon sein, aber hoffentlich kontrolliert, sagt er. «Die Weltlage ist so schief, man muss einfach mithelfen.»

Der Bund

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