Slow travelling

«Poller»-Kolumnist Martin Lehmann bricht eine Lanze für gemächliches Vorankommen, vorab in der Ferienzeit.

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Ich war wandern im Sommer. Nicht bloss so ein bisschen, sondern ziemlich weit, von meinem Wohnort im Emmental bis zu unserem Ferienort im Unter­engadin, vierzehn Tage lang. Und nicht mit Baumeler, sondern ganz allein: Da ist man aufmerksamer und weniger absorbiert und offener für die Begegnung – und drum kann man nach einer solchen Reise auch etwas erzählen. Zum Beispiel von der unauffälligen, aber weiterhin solid verankerten gutschweizerischen Fremdenfeindlichkeit, die einem etwa auf der Sonnenterrasse eines Oberländer Hotels begegnet, wo der Einheimische seine Bestellung bei der sehr bemühten kosovarischen Servierfrau grad äxtra im verzworgeltsten Haslitaler Dialekt aufgibt und sich dann, unter murmelnder Zustimmung der meisten Gäste, masslos aufregt, wenn er statt eines grossen Cervalat­salats bloss einen kleinen bekommt.

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Man kann aber auch erzählen vom alten Bauern, mit dem man eine Viertelstunde in einem dieser zahllosen Urner Bergbähnli gesessen ist, schwebend zwischen Himmel und Erde, und der beiläufig erwähnt, dass er zeitlebens kaum je aus dem kleinen Kanton Uri hinausgekommen sei und das übrigens auch künftig nicht vorhabe. Warum sollte ich?, fragt er, er habe doch alles hier: den See und die Berge, die Wärme und die Kälte, das Vertraute und – dank der Touristen – auch das Fremde; schon im Kleinen sehe man die ganze Welt, immerhin habe auch Immanuel Kant fast sein ganzes Leben in Königsberg verbracht – er grinst –, und um die Minarettverbotsinitiative einen Blödsinn zu finden, brauche man nicht in Malaysia gewesen zu sein.

Man kann erzählen vom langen Gespräch mit der SAC-Hüttenwartin, die den Sommer jeweils hoch oben zwischen dem Maderanertal und der Surselva verbringt, seit 27 Jahren schon, und der es schier körperlich wehtut, wenn sie mitansehen muss, wie der nahe Gletscher Jahr für Jahr kleiner und aperer wird und am Hang gegenüber immer öfter Geröllmassen zu Tale donnern, und die sich neuerdings schon beim Bezug der Hütte Anfang Juli bange fragt, ob das Schneefeld unter dem Nordgrat, von dem das Haus das Wasser bezieht, auch Mitte September noch etwas hergibt.

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Man kann aber auch erzählen vom kurzen Schwatz mit dem Rennvelo­fahrer aus dem Mittelland, der sich während der Mittagspause auf dem Julierpass in der heissen Bergsonne räkelt und der das hysterische Geleier von der Klimaerwärmung nicht mehr hören mag, in der Bretagne sei es in diesem Sommer kaum je mehr als 18 Grad warm gewesen, mindestens dort sei eher eine Klimaabkühlung statt einer -erwärmung im Gang, und seit dem vermeintlichen Waldsterben könne er die Wissenschaftler ohnehin nicht mehr ernst nehmen.

Man kann erzählen von den alten Emmentalern, die während des Mittag­essens in der Voralpenbeiz zwei Stunden lang über nichts anderes reden als über den WK 59 und wie sie damals dem Kadi die Hühner eingetan hätten, aber auch vom 75-jährigen ehemaligen Ingenieur aus dem Baselbiet, der sich bei seiner Pensionierung vorgenommen hat, sämtliche 164 SAC-Hütten in der Schweiz zu erwandern – wir treffen uns bei der Jenatschhütte, es ist seine 132ste –, und der sich sehnlichst wünscht, dass ihn irgendeine Zeitung dereinst porträtiert, wenn er es geschafft hat.

Wer quer durchs Land wandert, trifft auf Bornierte und Weltoffene, Besorgte und Ignorante, Rückwärtsgewandte und Zukunftsgerichtete. Kurz: Man trifft auf die Schweiz im Wahljahr 2015.

«Poller»-Autor Martin Lehmann ist Redaktor bei Radio SRF2 Kultur. Er lebt in Langnau und ist Vater dreier Töchter.i>

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