Schwemmholz, solide verankert

Mit fest verankerten Baumstämmen im Gewässer wird der Scherlibach in Köniz ökologisch aufgewertet und zugleich der Hochwasserschutz verbessert – ein Pionierprojekt.

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Simon Thönen@SimonThoenen

Frisch verschneit sah der Scherligraben und sein Bach am Dienstag idyllisch aus. Doch auch an diesem sonnigen Wintertag braucht es nicht viel Vorstellungskraft, um das Gefahrenpotenzial in der Gegend zu erkennen. Die Hänge sind steil und dicht bewaldet. Die Sandsteinfelsen bieten den hohen Tannen wenig Halt, etliche Bäume liegen denn auch umgestürzt in den Hängen. Mitgeschwemmte Bäume und Geröll sind bei Hochwasser ein Problem – zumal der Bach mit den vielen Zuflüssen dann zu einem reissenden Fluss anschwellen kann. So geschehen am 12. Juli 2014, als ein kurzes, aber extrem heftiges Gewitter über dem Scherligraben niederging (siehe Box).

Etliche umsturzgefährdete Bäume sind nun gefällt und liegen im Wasser des Scherlibachs, oft mitsamt Ästen und Wurzeln. Das tote Holz im Bach wirkt wie zufällig angespült. Doch das vermeintliche Schwemmholz ist nach einem durchdachten Plan platziert und mit Metallstangen und Drahtseilen fest verankert. Die verankerten Stämme und Wurzelstöcke sind Teil des Revitalisierungsprojekts Scherlibach. Die Bauarbeiten, die 300'000 Franken kosten, laufen noch bis Ende Januar.

Paradies für Forellen

In erster Linie soll die Neugestaltung den Scherlibach für Bachforellen und andere Wasserlebewesen wie kleine Krebse attraktiver machen. «Hinter den Stämmen, Ästen und Wurzelstöcken können sich Bachforellen in ruhigem Wasser aufhalten und verstecken», sagt Simon Urfer, der für das Projekt zuständige Mitarbeiter des Dienstzweigs Landschaft der Gemeinde Köniz. Damit die Fische im Kiesgrund laichen können, hat man oberhalb einer Baumschwelle zehn Kubikmeter Kies in den Bach geschüttet. Bezahlt wird das Projekt vom kantonalen Renaturierungsfonds. Der Fonds wird mit einem Zehntel der Wasserzinsen finanziert, welche die Betreiber von Wasserkraftwerken dem Kanton für den Rohstoff Wasser entrichten müssen.

Idee aus Amerika

Streng genommen handle es sich allerdings nicht um eine Renaturierung, sagt Rolf Fuchs, der Leiter des Dienstzweigs Landschaft. «Wir überlassen den Scherlibach nicht einfach der Natur.» Der Bach werde «revitalisiert» – wieder belebt. «Es geht darum, die Natur mit den Schutzinteressen der Menschen in Einklang zu bringen.» So wird das Flussufer – und damit der nahe Weg – mit den längs platzierten Bäumen auch stabilisiert. Stabilere Hänge und zugleich Lebensraum für die Kleintierwelt sollen auch die Weiden, Schwarzerlen und Eschen schaffen, die am Ufer gepflanzt werden. Bei Hochwasser sollen die Stämme einen Teil des Geschiebes zurückhalten.

Die Idee, Fliessgewässer mit totem Holz neu zu gestalten, stammt aus dem amerikanischen Bundesstaat Oregon. Allerdings verzichtet man dort darauf, die Stämme aufwendig zu verankern. «In der kleinräumigen Schweiz geht das nicht», sagt Fuchs. Zu gross sei die Gefahr, dass das Schutzholz bei Hochwasser mitgerissen werde. Das Projekt in Köniz ist laut Fuchs – zumindest in diesem Ausmass – in der Schweiz ein Pionierprojekt. Bisher habe man noch nie derart konsequent ein Fliessgewässer mit totem Holz neu gestaltet.

Unkontrollierbare Natur

Fuchs ist seit rund dreissig Jahren für die Könizer Gewässer zuständig – und ebenso lang wird der Scherlibach schon aufgewertet und umgestaltet. Viele der früheren Bauten hat der Bach bei Hochwassern jeweils wieder zerstört. Wird dies diesmal anders sein? Er hoffe es, sagt Rolf Fuchs. Doch der Bach werde sich nie völlig kontrollieren lassen. «Als ich das erste Mal hier war, wusste ich, dass ich immer wieder zurückkommen werde», sagt er. «Nicht nur, weil der Scherligraben wunderschön ist, sondern auch, weil die Naturkräfte hier extrem dynamisch wirken.»

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