«Schön zu wissen, wie mein Sarg aussehen wird»

Die 86-jährige Ali Tschanz aus Bern denkt noch nicht ans Sterben – aber an den Tod. Deshalb lässt sie sich von Jugendlichen ihren Sarg bemalen.

Die Jugendlichen bemalen den Sarg mit vielen Farben.

Die Jugendlichen bemalen den Sarg mit vielen Farben.

(Bild: Adrian Moser)

Christian Zellweger@@chzellweger

Ali Tschanz steht vor dem Sarg, der mal ihrer sein wird. Es ist ein einfaches Modell aus Tannenholz, mit einem weissen Polster und Kissen. Am Ende dieses Nachmittags wird das helle Holz bunt bemalt sein – das Werk einer Gruppe Jugendlicher aus der ganzen Schweiz. «Was ist Ihre Lieblingsfarbe, Frau Tschanz? Was gefällt Ihnen?», fragen sie die 86-Jährige.

Sie diskutieren, über Farben, Muster, Pinsel. «Häublooou?» frotzeln die Zürcher in der Gruppe über den Dialekt der Berner. Die Situation könnte makaber wirken – ist aber gelöst: «Sie blühen ja richtig auf!», sagt Tschanz über die Jugendlichen.

Die Gruppe ist auf Einladung von David Naef und Marianna Reinhard vom Bestattungsinstitut Finis in den Bernapark nach Deisswil gekommen. Der dreissigjährige Naef, gelernter Bauer und studierter Philosoph, und Reinhard, pensionierte Heimleiterin, haben ihr Institut vor drei Jahren gegründet. «Es ist mein Traumberuf», sagt Naef. In keiner Situation seien die Menschen so ehrlich, wie wenn sie einen geliebten Menschen verloren hätten. Sie in dieser schwierigen Phase begleiten zu dürfen, sei ein Privileg.

Aus der ganzen Schweiz

Sie wollten das Tabuthema Tod zum Gespräch machen, sagen die beiden. Unter anderem eben auch mit dieser Aktion. «Ich finde es wichtig, dass man sich mit dem Tod auseinandersetzt, bevor das Sterben ein Thema wird. Dass man sich überlegt, wie man sich seine Bestattung vorstellt. Aber auch, wie man beim Tod eines Nahestehenden trauern will», sagt Naef. Nur so könne man sich darüber klar werden, was man wirklich wolle.

Reinhard kennt Ali Tschanz vom Burgerspital in Bern, wo diese lebt. Für sie ist der Tod kein Unbekannter. Ihr Vater war Arzt. «Auch ein Arzt kann nicht immer helfen», sagt Tschanz. Zwei ihrer Brüder sind bereits verstorben, ein guter Freund starb an Aids. Und auch eines der Kinder, welche sie als Kindergärtnerin betreute, musste sie gehen lassen. «Ich habe keine Angst vor dem Tod», sagt Tschanz. Sie zitiert Kurt Marti – «Karl Barth sagte: Nach dem Tod treffen wir wieder auf unsere Lieben. Aber nicht nur die Lieben, auch die Bösen» – und lacht. «Solche Sätze kann ich mir merken!»

Die Jugendlichen kommen aus der ganzen Schweiz: aus dem Bündnerland, aus Zürich, Thun oder Freiburg. Mit einer Ausschreibung hätten sie wenig Erfolg gehabt, sagt Naef. Und so besteht die Gruppe vor allem aus Jugendlichen, die Naef bereits kannte; Kinder von Bekannten sind dabei und auch ein Cousin.

«Ich habe grossen Respekt vor Frau Tschanz», sagt Elia Rist, der aus Seegräben am Pfäffikersee im Zürcher Oberland nach Bern gekommen ist. Am Tod fasziniere ihn das Ungewisse, das dieser mit sich bringe. An diesem Nachmittag habe er aber gemerkt: «Es hilft, wenn man das Thema etwas lockerer angeht.»

Auf die Idee, mit Jugendlichen einen Sarg anzumalen, kamen Reinhard und Naef, nachdem sie dieses Ritual bei der Aufbahrung eines jungen Mannes selbst erlebt hatten. Da seien alle Freunde des Verstorbenen gekommen und hätten letzte Botschaften auf seinen Sarg geschrieben und gemalt und ihm Geschenke mitgegeben.

«Das fand ich sehr berührend», sagt Reinhard. Unterdessen wird der Sarg bunter, bekommt einen Sternenhimmel. «Wasser und Wellen, die mich tragen, das mag ich», sagt Tschanz und die Gruppe malt in geschwungenen Linien. Sie finde es schön zu sehen, wir ihr Sarg dereinst aussehen werde.

Auch Rist kann sich durchaus vorstellen, dass sein Sarg einmal bemalt werden soll. «Aber lieber von Leuten, die ich kenne», sagt er. «Ich wusste nicht, wie das Experiment herauskommen würde», sagt Naef, als das Tannenholz ganz unter der Farbe verschwunden ist. Aber er sei begeistert vom Nachmittag.

Auch Tschanz ist zufrieden. Der Sarg gefalle ihr sehr gut, sagt sie. Noch schöner finde sie aber das, was diese zusammengewürfelte Gruppe in kürzester Zeit gemeinsam geschafft habe. «Das ist doch das Wichtigste.»

Der Bund

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