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Schnellstrassen für Velopendler

Was man in Nordeuropa längst kennt, soll auch in der Region Bern entstehen: Velobahnen für eilige Radfahrer. Noch sei dies aber Zukunftsmusik, sagt der Verkehrsexperte der Regionalkonferenz, Laurent Reusser.

Die schnelle Velostrecke nach Zollikofen überquert die Autobahn. In der Region Bern soll ein ganzes Netz von Velobahnen entstehen.
Die schnelle Velostrecke nach Zollikofen überquert die Autobahn. In der Region Bern soll ein ganzes Netz von Velobahnen entstehen.
Thomas Reufer

In den 1960er-Jahren baute man Autobahnen, nun denkt man über Velobahnen in der Region Bern nach. Was kann man sich darunter vorstellen?

Die Velobahnen sollen ermöglichen, dass sich Velofahrer sicher und schnell auf den Hauptachsen bewegen können. Man darf sich dies aber nicht wie Autobahnen vorstellen, also zum Beispiel mit Auffahrtrampen. Die Idee ist aber schon, dass schnelle Elektrobikes langsamere Velos auf der Radspur überholen können. Es soll wenige Kreuzungen und Ampeln auf der Strecke geben – soweit dies mit vertretbarem Aufwand umsetzbar ist.

Die Regionalkonferenz Bern-Mittelland hat kürzlich ein ganzes Velobahnnetz für die Agglomeration Bern skizziert. Welche Velobahn wird zuerst gebaut?

Eine Velobahn könnte im Aaretal ein Thema sein, dies im Zusammenhang mit dem Bau des dritten SBB-Glises zwischen Münsingen und Gümligen. Da wäre es denkbar, neben den Gleisen eine schnelle Veloverbindung zu realisieren, diese könnte dann die erste Velobahn sein. Andernorts wird man nicht neu bauen können und wegen der bestehenden Strassenverhältnisse mehr Kompromisse eingehen müssen.

Die Velobahnen sind demnach vor allem für Velopendler gedacht?

Nicht nur, sie sollen auch dem Freizeitverkehr dienen. Sicher ist aber, dass man etwa zwischen Münsingen und der Stadt Bern ein grosses Potenzial für Fahrten zur Arbeit mit dem Velo hat. Wir stellen fest, dass es einen eigentlichen Boom für Elektrobikes gibt. Damit sind viele Leute unterwegs, die sonst wohl kaum auf ein Velo steigen würden. Die Bikes erweitern zudem die Fahrtdistanzen beträchtlich, auch für den Alltagsverkehr.

Diese Velobahn dürfte den Bahngleisen, teilweise auch Lärmschutzwänden entlang verlaufen. Haben Velobahnen etwa so wenig Charme wie Autobahnen?

Wie es aussehen wird, zeigt dann erst die konkrete Planung. Es gibt allerdings durchaus Autobahnen, von denen aus man eine schöne Aussicht hat. Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass zumindest auf der einen Seite Lärmschutzwände stehen, wenn man den neuen Bahngleisen entlang baut. Das reduziert aber auch den Lärm für die Velofahrer.

In Dänemark und Holland kennt man Velobahnen längst. Wie sind die Erfahrungen dort?

Das Velofahren hat dort einen ganz anderen Stellenwert, natürlich auch, weil es flach ist. Das Velo gehört dort einfach dazu und ersetzt oft den öffentlichen Nahverkehr, der in der Region Bern sehr gut ausgebaut ist. Die Situation ist deshalb nicht direkt mit der unsrigen vergleichbar. Bei uns wird der Veloverkehr schon wegen der Steigungen kaum je die gleiche Bedeutung erreichen.

Wie stark könnte bei uns der Anteil des Veloverkehrs mit solchen Velobahnen gesteigert werden?

Wir wollen sicher, dass er steigt, haben aber keine konkreten Ziele in Zahlen.

Mit Brücken kann man Steigungen eliminieren. Das Projekt der Velobrücke zwischen Länggasse und Breitenrain in Bern dürfte wichtig für ein solches Schnellwegnetz sein.

Diese Brücke wird unabhängig von den Velobahnen geplant und schliesst eine wichtige Lücke in der Stadt. Sie ist sicher ein attraktives, aber auch teures Bauwerk. Für die Velobahnen werden wir uns auf Lösungen konzentrieren müssen, die mit bescheidenerem Aufwand realisiert werden können.

Werden die Velobahnen die Umgebung prägen wie die Autobahnen, wenn auch in kleinerem Massstab?

Auf keinen Fall, das ist nicht mit Autobahnen vergleichbar. Wir planen nicht ein zusammenhängendes komplett neues Velobahnnetz. Die Verbindungen werden hauptsächlich auf bestehenden Strassen realisiert. Es soll deswegen auch keine unverhältnismässigen Eingriffe in die Landschaft geben.

Wie viele Velobahnen sollen neu gebaut werden?

Die Velobahnen sind nur ein kleiner Teilaspekt des Velonetzes in der Region Bern. Unsere erste Priorität ist die Erhöhung der Sicherheit auf den bestehenden Strassen. Ein erster Schritt für eine Velobahn könnte jene im Aaretal sein. Der Bau des dritten Bahngleises soll 2025 abgeschlossen sein. Wir können aber noch nicht sagen, ob eine allfällige Velobahn zwischen Münsingen und Gümligen gleichzeitig mit dem neuen Bahngleis oder erst danach realisiert werden könnte.

Die erste Velobahn würde also frühestens in zehn Jahren erstellt?

Grob geschätzt ja. Das Velobahnnetz ist vorerst einmal eine attraktive Idee mit ein paar Strichen auf der Karte. Es gibt noch keine konkrete Planung.

Es gibt seit langem eine Strecke, die man als Velobahn bezeichnen könnte: jene vom Henkerbrünnli in Bern via Tiefenau nach Worblaufen. Ausgerechnet diese soll nun aber zurückgebaut werden.

Man baute diese Strasse vor rund 50 Jahren sehr breit, als die RBS-Bahn auf der neuen Strecke nach Bern geführt wurde. Die Strasse liegt zum Teil über der Bahnstrecke. Es wäre unverhältnismässig teuer, diese Überkragung zu sanieren. Man wird deshalb gewisse Abstriche in Kauf nehmen müssen. Meines Wissens soll es aber weiterhin Velospuren in beiden Richtungen geben.

Als Velobahn könnte man auch die neue Strecke zwischen Wankdorf und Zollikofen bezeichnen.

Dort konnte man den Ausbau der Autobahn am Grauholz nutzen, um eine Velostrecke über das Worblental zu führen. Im Wankdorf besteht aber sicher noch Verbesserungsbedarf.

Die Karte der Velobahnen im Velonetzplan der Regionalkonferenz zeigt ein ehrgeiziges Netz von Bern in alle Himmelsrichtungen.

Die Velobahnen sind nur ein sehr kleiner Teil unseres Velonetzes in der Region Bern. Bisher haben wir nur Verbindungen aufgezeigt, die vom möglichen Verkehrsaufkommen her für Velobahnen interessant sein könnten. Mehr nicht.

Wie viel wird der Bau der Velobahnen kosten?

Es wäre verfrüht, dazu etwas zu sagen. Abgesehen von der Brücke über die Aare in Bern ist kein Projekt so weit geplant, dass man bezüglich Kosten auch nur die Schuhnummer angeben könnte.

Die Velobahnen sind also vorerst nur eine nette Idee?

Sie sind in der Tat ein Blick in die weite Zukunft. Wie gesagt: Priorität hat für uns momentan eine höhere Sicherheit auf dem bestehenden Velonetz.

Bei uns müssen die Gemeinden mitwirken. Ist dies der Grund, dass Velobahnen weniger rasch realisiert werden können als in Dänemark?

Ich weiss nicht im Detail, wie die Planung und Realisierung in Dänemark erfolgte. Aber ich kann mir vorstellen, dass Themen wie Kulturlandverlust hier auch für Velobahnen die Schwierigkeiten erhöhen könnten. Eine weitere Knacknuss dürfte die Finanzierung sein – der Regierungsrat hat sich kürzlich deswegen und wegen der dichten Überbauung in Stadt und Agglomeration kritisch zu Velobahnen geäussert.

Wie fielen sonst die Reaktionen aus?

Die Idee kommt gut an. Schwierigkeiten gibt es erfahrungsgemäss spätestens, wenn die konkrete Planung, Finanzierung und Realisierung anstehen.

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