Igor L. muss in der Anstalt bleiben

Der 2011 verurteilte «Schläger von Schüpfen» hat nach einem Irrlauf durch die Gefängnisse endlich die richtige Behandlung. Das Obergericht lehnt eine sofortige Freilassung dennoch ab.

Im Zentrum für Integrative Psychiatrie im zürcherischen Rheinau wird Igor L. zurzeit therapiert.<p class='credit'>(Bild: Keystone Steffen Schmidt)</p>

Im Zentrum für Integrative Psychiatrie im zürcherischen Rheinau wird Igor L. zurzeit therapiert.

(Bild: Keystone Steffen Schmidt)

Markus Dütschler

Am Wohnort Schüpfen war Igor L. gefürchtet, desgleichen die Kumpels, deren Anführer er war. Die Burschen pöbelten, drohten und randalierten. Das Etikett «Terror-Igor», das ihm der «Blick» verpasste, hielten viele Schüpfener für gerechtfertigt: In Beizen und Läden hatte er Hausverbot. Am schwerwiegendsten war ein Vorfall im August 2010. Er und ein Kollege betraten ein Restaurant, bestellten Bier und holten sich Gläser aus dem Regal, um mitgebrachten Schnaps zu konsumieren. Als der Wirt einschritt, warf Igor L. einen Aschenbecher. Das schmiedeiserne Stück traf den Wirt, was ohne weiteres viel schlimmere Folgen als einen blutüberströmten Kopf hätte haben können.

Igor L., der diese Tat noch in der Probezeit nach einem ersten Urteil beging, kam in eine Anstalt. Es sollte nicht die erste sein, die er kennen lernte. 2011 wurde er wegen Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten verurteilt. Die Strafe wurde zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme (siehe Box) aufgeschoben.

Richtige Diagnose kam spät

Die Liste aller Beschwerden, die durch die Instanzen gingen, ist lang. Fakt ist, dass Igor L. zuerst eine falsche Diagnose gestellt wurde. Auch galt er als renitent und gewalttätig und verweigerte sich Gesprächen. Obwohl ein Experte bereits 2011 den Verdacht äusserte, dass eine Schizophrenie vorliege, wurde dies erst in jüngerer Zeit abgeklärt – und bestätigt. Lange wurde der heute 29-jährige gelernte Gipser in Gefängnissen untergebracht, die für eine psychiatrische Behandlung nicht geeignet waren, auch auf dem Thorberg. Als der Skandal um den früheren Gefängnisdirektor C. ruchbar wurde, erfuhr die Öffentlichkeit unter anderem, dass C. seinem Insassen Bilder abgekauft hatte: Der einer Künstlerfamilie entstammende Igor L. zeichnet gern.

Sein Verteidiger Julian Burkhalter kritisierte vor Obergericht die Vollzugsbehörden des Kantons Bern: Sie hätten es lange versäumt, seinen Mandanten in einer geeigneten Anstalt anzumelden. «In den ersten fünf Jahren ging nichts.» Darüber werde wohl der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte befinden. Sein Klient habe die wichtigen Jahre seines jungen Erwachsenenlebens verpasst.

2015 ordnete das Bundesgericht an, dass Igor L. entlassen werden müsse, wenn kein geeigneter Therapieplatz gefunden werde. Da ging es vorwärts. Der Beschuldigte, der in Fussfesseln vor dem Obergericht erschien, bekam im Mai 2016 einen Platz in der forensischen Klinik Rheinau, wo er nach der nun korrekten Diagnose wegen paranoider Schizophrenie behandelt wird. Hatte sich Igor L. bei früheren Verfahren oft respektlos verhalten und die Anwesenden beschimpft, war er wie ein umgekehrter Handschuh: höflich, vernünftig, ruhig und besonnen.

Wie ein neues Gutachten festhält, spricht Igor L. gut auf die Behandlung an. Er selbst äusserte sich positiv über das Leben in der Anstalt: Er arbeite an sich, treibe Sport, versuche sich in der Bildhauerei, arbeite und nehme aktiv an den Therapiegesprächen teil. Wenn er draussen sei, wolle er das Tätowierer-Handwerk erlernen. Die Klinik habe ihm eröffnet, dass er im Juni 2019 entlassen werden könne, sofern er weiterhin aktiv am Programm teilnehme.

Burkhalter sagte, endlich sehe sein Mandant «Licht am Ende des Tunnels», nachdem er jahrelang im Ungewissen gewesen sei. Igor L. sei nicht mehr schizophren, man müsse ihn darum sofort entlassen. Der psychiatrische Gutachter würdigte vor Gericht den Behandlungserfolg: Sowohl die Klinik als auch Igor L. machten ihre Sache gut. Der Gutachter betonte aber, dass es ratsam sei, die Zeit zu nutzen: Der zu frühe Abbruch einer Behandlung habe oft fatale Folgen.

Neues Gutachten war nötig

Die Beschwerdekammer am Obergericht unter dem Vorsitz von Renate Schnell hatte zu entscheiden, ob das Urteil der Vorinstanz korrekt sei, das die Massnahme um vier Jahre verlängerte. Das Obergericht folgte dem Antrag von Staatsanwältin Gabriela Mutti: Sie hatte auf eine Verlängerung von drei statt vier Jahren plädiert. Der Verteidiger wollte die sofortige Entlassung und eine Entschädigung für die erlittene Haftzeit. Dies lehnte das Obergericht ab. Es sah eine Massnahme bis Sommer 2019 als zweckmässig an, zumal sich auch der Betroffene in diesem Sinn geäussert hatte. Ein Jahr ist bereits verstrichen.

Ab 2018 dürfte bei anhaltendem Behandlungserfolg eine Lockerung des Settings erfolgen. Die Kosten des Beschwerdeverfahrens muss der Kanton Bern übernehmen, denn die Vorinstanz habe einen Fehler gemacht, so das Obergericht: Sie habe es versäumt, ein neues Gutachten zu bestellen, obwohl das alte offenkundig überholt gewesen sei.

Der Bund

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