Risse führen nicht zu Aus für AKW

Die Kernmantelrisse im AKW Mühleberg liegen für BKW und Ensi klar innerhalb der Sicherheitsmargen. Dass die Ursache der Risse unbekannt ist, wirft für AKW-Gegner Fragen auf.

Störung im Verhalten des Regelölsystems einer Turbogruppe: Im AKW Mühleberg ist es am 2. September zu einer Reaktorschnellabschaltung gekommen.

Störung im Verhalten des Regelölsystems einer Turbogruppe: Im AKW Mühleberg ist es am 2. September zu einer Reaktorschnellabschaltung gekommen.

(Bild: Keystone Alessandro Della Bella)

Simon Thönen@SimonThoenen

Das Hochfahren des Atomkraftwerks Mühleberg nach der Sommerrevision begann mit einer Panne. Am Mittwochabend um 20.40 Uhr löste eine Störung bei der Steuerung der Turbinen eine Schnellabschaltung aus. Nachdem die Störung behoben war, erlaubte das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) das erneute Hochfahren des Reaktors.

Kernmantelriss geht durch Wand

In der Jahresrevision hatte die BKW auf Geheiss des Ensi eine neue Wasserversorgung für den Notfall eingebaut, die von der Aare unabhängig, wenn auch nicht erdbebenfest ist. Dies war eine der Bedingungen, damit die BKW ihr AKW noch bis 2019 betreiben darf. Zudem hat sie die Risse im Kernmantel, der wichtige Sicherheitssysteme des AKW stützt, gemessen. Das Ensi hatte dazu Kenngrössen festgelegt. Wären diese überschritten worden, dann hätte das AKW nicht wieder ans Netz gehen dürfen.

Wie zuvor bereits das Ensi hält auch die BKW nun fest, dass diese Grenzwerte «für einen sicheren Betrieb» mit «grosser Marge unterschritten werden». Laut der BKW sind die 17 Risse längs der Schweissnähte des Kernmantels nicht weiter gewachsen. Bei den neuartigen Rissen quer zu den Schweissnähten, die erst 2014 neu entdeckt wurden, stieg die Zahl der Risse von 8 auf 10. Der längste Riss bleibt knapp zehn Zentimeter lang. Neu wurde aber festgestellt, dass er auf einem Teil der Länge ganz durch die Wand des Stahlzylinders hindurchgeht.

Für BKW und Ensi ist dies kein Grund zur Sorge. Nach ihren Modellrechnungen würde der Kernmantel auch dann nicht brechen, wenn man von der Annahme ausginge, dass alle Querrisse ganz durch die Stahlwand hindurchgingen, wie die BKW auf Anfrage mitteilt.

Ursache der Querrisse unbekannt

Anders sieht dies Jürg Joss von der ­Organisation Fokus Anti-Atom. «Es ist erschreckend, dass ausgerechnet einer der neuartigen Querrisse durch die Stahlwand hindurchgeht.» Beunruhigend sei «das überraschende Ausmass» der neuartigen Risse, «weil man deren Ursache immer noch nicht kennt». In der Tat bestätigt BKW-Sprecher Tobias Fässler auf Anfrage, dass «gesicherte und dokumentierte Ergebnisse anhand von Materialuntersuchungen» zur Ursache der Risse «weiterhin nicht vor Ende 2015 zu erwarten sind».

Kenntnisse wichtig für Messungen

Dass man nicht weiss, aus welchem Grund die Querrisse entstehen, wirft die Frage der Genauigkeit der Messungen auf. Diese ist keineswegs einfach so gegeben, wie die Ausführungen von Experten des Schweizerischen Vereins für technische Inspektionen (SVTI) an einer Fachtagung im österreichischen Salzburg im Mai 2015 zeigten. Der SVTI überwacht im Auftrag des Ensi Materialmessungen in schweizerischen AKW. Laut dem Beitrag des SVTI im Tagungsband, der dem «Bund» vorliegt, können unterschiedliche Messergebnisse entstehen, je nachdem wer mit welchem Messsystem die Messungen vornimmt. Eine «wichtige Erkenntnis» der SVTI-Experten war: «Der Schadensmechanismus muss bekannt sein.» Nur so könne die geeignete Messmethode gewählt werden.

«Prinzipiell ist die Aussage des SVTI korrekt», räumt BKW-Sprecher Fässler ein. Trotz offener Fragen seien sich aber «alle Experten» über die wahrscheinliche Ursache einig. Für Joss ist diese Annahme «vor dem Vorliegen gesicherter Untersuchungsergebnisse unseriös».

Joss kritisiert zudem, dass die BKW den Reaktordruckbehälter in Mühleberg nicht auf Unregelmässigkeiten untersuchte, wie sie im AKW Beznau I jüngst entdeckt wurden. Die BKW sieht dafür «keinen Handlungsbedarf». Fässler verweist darauf, dass die BKW den Behälter schon 2012 untersuchte. Damals wurde dieser allerdings nur teilweise geprüft.

Tages-Anzeiger

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