Wahlkampf mit dem orangen Haus

In Biel hat ein 68-Jähriger sein Haus ohne Baubewilligung knallorange angemalt. Die SVP nutzt den Fall, um sich als Retter des kleinen Mannes vor der roten Bürokratie zu inszenieren.

Das orange Haus in Biel: Eine Petition fordert, dass alles beim Alten bleiben soll.

Das orange Haus in Biel: Eine Petition fordert, dass alles beim Alten bleiben soll.

(Bild: Adrian Moser)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Ein Einfamilienhausbesitzer lässt sein beiges Haus in grellem Orange anstreichen, ohne dafür eine Baubewilligung einzuholen. Ein Nachbar beschwert sich, die Behörden schreiten ein und stellen fest: Die knallige Farbe ist in diesem Bieler Quartier nicht bewilligungsfähig. Der Hauseigentümer muss seine Liegenschaft mit einem dezenteren Farbton überstreichen lassen.

Diese Geschichte lässt sich auch anders erzählen: Ein einfacher Rentner möchte etwas Farbe ins trostlose Bieler Quartier Mett bringen. Er kratzt seine Ersparnisse zusammen und lässt sein Einfamilienhaus mit einem leuchtenden Orange auffrischen. Ein notorischer Nörgler alarmiert daraufhin die Ästhetikpolizei, welche mit Paragrafen und Kommissionen auffährt und den Rentner zwingt, seine Altersvorsorge in einen – diesmal amtlich bewilligten – neuen Farbton zu investieren.

Der SVP gefällt letztere Version deutlich besser. Sie unterstützt den Besitzer des orangen Hauses nicht nur in seinem juristischen Kampf gegen die Behörden, indem sie ihm einen Anwalt in Person des Langenthaler Grossrats Patrick Freudiger zur Seite stellt, sondern hat in den letzten vier Wochen auch beachtliche 4073 Unterschriften für den Erhalt der umstrittenen Farbe gesammelt. Anfang Woche wurde beim Verwaltungsgericht Einsprache gegen das Verdikt der Behörden eingereicht und gestern die Petition an die Stadtkanzlei übergeben. «Unterstützen auch Sie eine farbige Stadt», heisst es auf den Unterschriftenbögen.

Geschenk des Himmels

Willy Zysset, dessen Haus im Zentrum der Spätsommerposse steht, zeigt sich «überwältigt» von der Unterstützung – und dankbar für den Support der SVP. «Als einfacher Bürger hätte ich mich nicht so wehren können», sagt der 68-Jährige. Dass er von einer Partei für deren Wahlkampf instrumentalisiert wird, stört ihn nicht. Er hätte auch Hilfe von einer anderen Partei angenommen, sagt der Rentner.

Für die SVP ist das orange Haus ein Geschenk des Himmels. Sie kann während des Wahlkampfs für einen «einfachen Bürger» Unterschriften sammeln, gegen die rote Bürokratie in Biel wettern und Patrick Widmer in Stellung bringen. Der Politneuling möchte am Sonntag Stadtpräsident von Biel werden und lässt keine Gelegenheit aus, um über Amtsinhaber Erich Fehr (SP) herzuziehen, in dessen Stadtplanungsamt das orange Haus offiziell zum No-Go erklärt worden war. «Es ist typisch für Biel, dass einfache Bürger schikaniert werden», sagt Widmer.

Wirklich grell

Doch welches Zeichen möchte die SVP mit der Unterstützung des Hausbesitzers eigentlich setzen? Dass jeder machen kann, was er will? «Keinesfalls», betont Widmer. In diesem Fall plädiert er jedoch für eine pragmatische Lösung. Der Hausbesitzer sei vom Stadtplanungsamt falsch informiert worden. Nun solle die Stadt mit Willy Zysset das Gespräch suchen und die Sache mit einer Busse erledigen. Zysset hatte sich immer darauf berufen, bei der Stadtplanung telefonisch nachgefragt und die Information erhalten zu haben, für einen Neuanstrich brauche es keine Baubewilligung. Auch vom Malermeister sei er nicht darauf aufmerksam gemacht worden, dass es sehr wohl eine Bewilligung brauche, wenn man die Farbe wechsle.

Das Telefongespräch mit der Stadtplanung kann heute niemand mehr rekonstruieren. Dass eigentlich jeder Hausbesitzer wissen müsste, dass Änderungen an der Fassade bewilligungspflichtig sind und dass eine total andere Farbe eindeutig eine Änderung an der Fassade bedeutet, will Patrick Widmer nicht gelten lassen. «Nicht jeder Bürger kennt alle Gesetze», sagt der Kandidat der Recht-und-Ordnung-Partei. Nicht eruieren lässt sich, wie viele der 4073 Bielerinnen und Bieler, die die Petition unterschrieben haben, sich an einem derart orangen Haus stören würde, stünde es denn vor der eigenen Aussicht. Ein Augenschein zeigt jedenfalls: Es ist wirklich grell. Juristisch muss jetzt das Verwaltungsgericht entscheiden, ob die Behörden bisher richtig gehandelt haben. Politisch wird das Wahlvolk diesen Entscheid allerdings bereits morgen Sonntag fällen.

DerBund.ch/Newsnet

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