Park setzt auf die Kraft der Dunkelheit

Wenn heute Stararchitekt Mario Botta seine Pläne für die neue, futuristische Sternwarte in Niedermuhlern präsentiert, dann passt das bestens in die Zukunftspläne des Naturparks Gantrisch.

Arbeiten im Dunkeln: Nicole Dahinden unterwegs in Mühlethurnen – im Rahmen des anlaufenden Nachthimmelmonitorings im Naturpark Gantrisch.

Arbeiten im Dunkeln: Nicole Dahinden unterwegs in Mühlethurnen – im Rahmen des anlaufenden Nachthimmelmonitorings im Naturpark Gantrisch.

(Bild: Manu Friederich)

Marc Lettau

Übers Gantrischgebiet legt sich nach und nach die Nacht – aber im durchaus positiven Sinn: Der Naturpark Gantrisch will nämlich in den nächsten vier Jahren die Nacht thematisieren – und letztlich davon profitieren. Bereits bis anhin führte der Naturpark ein Projekt namens Sternenlicht, deckt er doch eines der raren Gebiete ab, wo der nächtliche Sternenhimmel noch weitgehend unbeeinträchtigt von Lichtverschmutzung beobachtet werden kann. Ab nächstem Jahr will sich der Naturpark Gantrisch nun noch viel breiter auf die Dunkelheit einlassen und startet das umfassendere Projekt Nachtlandschaft.

Naturschützerisches Anliegen

Was sich hinter dem Namen Nachtlandschaft verbirgt, umreisst Projektleiterin Nicole Dahinden: «Als Naturpark wollen wir uns künftig – was die Nacht anbelangt – nicht nur auf die Astronomie fokussieren, sondern wollen die Nacht in ihrer ganzen Breite zum Thema machen.» Kündigt ein Naturpark solches an, mündet das wohl früher oder später in «Produkte», die an «den Kunden» zu bringen sind. Oder ist das im Gantrischgebiet ganz anders? Dahinden betont, das übergeordnete Ziel bleibe eindeutig, für die Dunkelheit und deren Nutzen zu sensibilisieren. Werde die natürliche Dunkelheit im Park geschützt, werde damit primär ein naturschützerisches Anliegen erfüllt. Überlegungen zur «touristischen Bedeutung» wirklich dunkler Nächte seien nachgelagerter Art: «Rücken wir die Nacht stärker in den Mittelpunkt, könnte dies etwa dazu führen, dass wir den Mehrtagestourismus und somit die regionale Wertschöpfung stärken können.» Heute sei der Naturpark sehr stark abhängig von Tagesausflüglern.

Profil des Parks schärfen

Trotz des bereits gefällten Entscheids, sich vier Jahre lang ins Thema Nachtlandschaft zu vertiefen, müsse vieles erst noch konkretisiert werden, sagt Dahinden. Zu den ersten Umsetzungsideen zählten etwa Führungen in der Dämmerung, «beispielsweise zum Thema Fledermäuse», mit einer anschliessenden Visite in der Sternwarte Uecht. Denkbar sei auch, dass die Hotelbetriebe der Region die dunklen Nächte als sehr gutes Alleinstellungsmerkmal erkennten und nutzten, so Dahinden. Die Absenz von Lichtverschmutzung ermögliche es dem Naturpark auf jeden Fall, eine Facette seines Profils zu schärfen.

Bottas Projekt passt bestens

Die Nacht entschleunigt, ermöglicht Musse – und die Förderung von Musse zählt zu den Kernanliegen der Parkleitung. Gerade die Gegend um die heutige Sternwarte Uecht in der Gemeinde Niedermuhlern ist der Nukleus der «Erlebniswelt Musse» des Parks. Schon heute führt unweit der Sternwarte ein «Entschleunigungsweg» durch die hügelige Landschaft des Längenbergs. Der angekündigte Neubau der Uechter Sternwarte («Bund» vom 20. Januar 2015), ein Vorhaben, das heute Abend in Bern von Stararchitekt Mario Botta vorgestellt wird, passt somit bestens in Zukunftspläne des Naturparks. Der Neubau drängt sich auf, weil die öffentliche Sternwarte dem Besucherandrang derzeit kaum noch gewachsen ist.

Trotz der Vorfreude auf den erhofften Wurf des Stararchitekten mahnt Projektleiterin Dahinden, die zentralen Fragen nicht aus den Augen zu verlieren: Der allfällige touristische Nutzen dunkler Nächte könne sich im Naturpark Gantrisch nur dann entfalten, wenn es gelinge, die Dunkelheit überhaupt zu erhalten. Fürs Erste gehe es darum, die Gemeinden fürs Anliegen zu sensibilisieren, allfällige Lichtverschmutzungsquellen zu orten und die Behörden nötigenfalls zu beraten. Einige Zielkonflikte sind unübersehbar: Je mehr Begeisterte die Dunkelheit im Naturpark Gantrisch erfahren wollen, desto mehr Autos – fahrende Lichtquellen – dürften des Nachts herumkurven.

Erster Sternenpark als Fernziel

Das eigentliche Fernziel in Sachen Dunkelheit ist hoch gesteckt: Letztendlich will sich der Naturpark Gantrisch als Sternenpark – respektive als Lichtschutz­gebiet – zertifizieren lassen. Solche Zertifizierungen nimmt beispielsweise die Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature) vor, die damit den Natur- und Artenschutz antreiben will. Weltweit gibt es derzeit 50 Gegenden, in denen die nächtliche Dunkelheit als Schutzgut gilt.

Nicole Dahinden erachtet die Chancen als gut, dass der Naturpark Gantrisch dereinst ebenfalls zum exklusiven Kreis gehört: «Wir sind überzeugt, dass wir die Zertifizierung im Jahr 2019 erreichen werden. Wir erhoffen uns davon eine grosse Wirkung nach aussen, nicht nur für Astronomen und Liebhaber eines sternenklaren Nachthimmels, sondern auch als Ausweis dafür, dass wir dieses Projekt erfolgreich ab­schliessen konnten», sagte sie unlängst in einem Interview mit der NGO Dark-Sky Switzerland, die in der Schweiz den Feldzug gegen die Lichtverschmutzung anführt. Gelingt die Zertifizierung, wäre der Naturpark Gantrisch schweizweit der erste Sternenpark überhaupt.

«Hat nichts Negatives an sich»

Der erste Sternenpark: Das angestrebte Ziel klingt danach, als ob in der Region halt doch Marketingüberlegungen die Bemühungen antrieben. Nicole Dahinden verneint dies dezidiert. Wohl sei es so, dass mit dem Schutz des «immateriellen Guts Dunkelheit» die unterschiedlichsten Leute angesprochen werden könnten. Aber der naturschützerische Nutzen der Schutzstrategie sei unübersehbar. In der Tat liegen beispielsweise weite Teile des Naturparks in einem wichtigen Vogelschutzgebiet, der Important Bird Area (IBA) Gurnigel-Gantrisch. Einerseits brüten hier viele bedrohte Vogelarten. Anderseits queren zahlreiche Vogelzüge die Wasserscheide Gurnigel – und gerade Zugvögel sind des Nachts auf sternenklare Himmel angewiesen (siehe Text links).

Im Gegensatz zu vielen anderen Eingriffen zugunsten des Naturschutzes empfinde aber niemand den Einsatz für sternenklare Nächte als bedrängend, sagt Dahinden: «Es hat nichts Negatives an sich.» Mehr noch: «Eigentlich kann ja niemand ‹pro Lichtverschmutzung› sein.» Wer für dunkle Nächte sorge, sorge letztlich auch für seine eigene Gesundheit.

Der Bund

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