Ostermundigen bleibt vorerst ledig

1919 hat Bümpliz aus Geldnot mit der Stadt Bern fusioniert. Steht das Ostermundigen bald bevor? Von Graffenried sieht Parallelen.

Trotz Wachstum hat die Gemeinde Ostermundigen mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Zu einer Fusion mit Bern wird es aber vorerst nicht kommen.

Trotz Wachstum hat die Gemeinde Ostermundigen mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Zu einer Fusion mit Bern wird es aber vorerst nicht kommen.

(Bild: Adrian Moser)

Martin Erdmann@M_Erdmann

Die Stadt Bern hat eine Wachstumsstörung – zumindest wenn es um die Fläche geht. Seit 99 Jahren hat sich die Gemeinde um keinen Quadratmillimeter vergrössert. Seit der Eingliederung von Bümpliz 1919 haben sich die Berner Stadtgrenzen nicht mehr bewegt. Immer wieder gibt es politische Bestrebungen, der Stadt Wachstumshormone zu verpassen. Auch Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) macht keinen Hehl daraus, dass er das städtische Territorium erweitern will. In der «Bund»-Ausgabe vom Samstag spricht er von «ehrgeizigen Zielen». Er strebe eine engere Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden an – «bis hin zur Fusion». Zu diesen Nachbarn gehört auch das finanziell gebeutelte Ostermundigen. Mit Blick auf die Vorortsgemeinde sagt von Graffenried: «Vielleicht ist es so, dass der finanzpolitische Rahmen einer Gemeinde ein Fenster öffnet, und dann muss man handeln.»

In Ostermundigen lösen von Graffenrieds Worte keinen Druck aus, die Gemeindeautonomie über Bord zu werfen. Von einer Fusion komplett distanzieren will sich Gemeindepräsident Thomas Iten (parteilos) aber auch nicht. «Es ist eine Frage der Perspektive, man muss die Sache von allen Seiten betrachten», sagt er. «Vielleicht gibt es Ansätze, die bisher noch nicht diskutiert worden sind.»

So fragt er sich, wie Ostermundigen denn in der Stadt Bern untergebracht werden soll. Denn dem Bümplizer Beispiel will er nicht folgen. «Das Quartier ist in der städtischen Politik stark untervertreten.» Zudem bezweifelt er, dass die Ostermundiger Politkultur mit jener der Stadt Bern kompatibel ist. «Bei uns wird mehr der Sache als der Partei gedient.»

Tiefe Mieten, wenig Steuern

Vor der Fusion mit Bern hatte Bümpliz das gleiche Problem wie Ostermundigen heute: einen tiefen Steuerertrag. Die Ursachen dafür lassen sich jedoch nicht vergleichen. Im Bümpliz von 1919 herrschte ein anderes Steuersystem. Die Abgaben wurden dort berappt, wo gearbeitet wurde – in der Stadt Bern.

Ostermundigens Schwäche mit der Steuerstärke ist anderer Natur. Laut Finanzvorsteher Erich Blaser (SVP) ist sie paradoxerweise mit dem Wachstum verknüpft. «Die Gemeinde wächst und wir müssen bauen. Doch der Steuerertrag kann die Kosten nicht decken.» Mit einem Steuerertrag von 2300 Franken pro Person steht Ostermundigen sehr schlecht da. Die Gründe dafür sieht Blaser beispielsweise im mangelnden Gebäudeunterhalt. Viele Liegenschaften in der Gemeinde seien über Jahre nicht renoviert worden, weshalb der Mietzins immer niedrig geblieben sei. «Das ist eben nur für Menschen mit geringem Budget attraktiv.» Dennoch will Blaser nichts von einer Fusion wissen. «Dadurch würden wir unsere politische Kraft und Eigenständigkeit verlieren.»

Er glaubt an die finanzielle Kehrtwende. «Wir brauchen einfach Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen.» Konkret meint er damit fünf bis zehn Jahre. Viel Hoffnung steckt er in das 100 Meter hohe Bären-Hochhaus, das kommenden Herbst gebaut werden soll. «Da entstehen Wohnungen, die in einer höheren Preisklasse liegen.»

Ideen einer Megafusion

Seit 2009 verbreitet der Verein Bern neu gründen Fusionsgelüste in den Berner Gemeinden. 2014 präsentierte er in einer 92-seitigen Studie die Vorteile von neuen «Zusammenarbeitsmodellen» mit dem Ziel, bis 2030 die Stadtregion Bern zu schaffen. Darin wird der Schluss gezogen, dass in der Fusion aller Gemeinden um Bern mit der Stadt Bern grosses Potenzial liege. Damit würde die zweitgrösste Stadt der Schweiz entstehen.

Es ist ein Plan, dem auch Stadtpräsident Alec von Graffenried alles andere als abgeneigt ist. Im vergangenen Mai hielt er an der Mitgliederversammlung des Vereins eine Rede. Zu diesem Zeitpunkt war unklar, wie er als frisch gewählter Stadtpräsident zur Fusionsfrage stehen würde. Er machte jedoch deutlich: «Klar, ich stehe nach wie vor hinter der Idee des Vereins.»

Der Bund

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