Noch 356 Mal schlafen

Wenn die Langnau Jazz Nights vorbei sind, beginnt für «Poller»-Kolumnist Martin Lehmann der Blues.

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Was ist der Unterschied zwischen einem Pop- und einem Jazzmusiker? Ein Popmusiker spielt 5 Akkorde vor 10?000 Leuten, und ein Jazzmusiker spielt 10'000 Akkorde vor 5 Leuten.

Lustig, bloss: Für Langnau stimmt das überhaupt nicht. Hier sind eben die Jazz Nights zu Ende gegangen, und nun haben etliche den Blues. Immer wenn nach dem Schlusskonzert der letzte Saxofonton verklungen, der letzte Applaus verebbt, das letzte Mikrofon ausgeschaltet worden ist, dann legt sich eine stille Melancholie übers ganze Dorf – nun dauert es nämlich wieder zwölf lange Monate bis zu den nächsten Jazz Nights, und das ist ein Jammer.

Denn die fünf Tage in der letzten Juli-Woche sind vielen eine heilige Zeit. Zum einen natürlich wegen der Konzerte in der Kupferschmiede: Dort, neben dem Ilfisstadion, wo bald schon wieder die Tigers nach Puck und Punkten stochern, und der Markthalle, wo jeweils die Kälber- und Ziegen- und Schafmärkte stattfinden, treten Jahr für Jahr Jazz-Grössen aus aller Welt auf, die meisten ohne jegliche Allüren und ganz nah beim Publikum – heuer, an der 25. Ausgabe, etwa Top Shots wie der Saxofonist Branford Marsalis, der Bassist Dave Holland und der Pianist und Grammy-Gewinner Robert Glasper. Wale Schmocker, der Erfinder der Jazz Nights und selbst ein begnadeter Bassist, nutzt jeweils seine Connections in die USA, bezirzt die Crème de la Crème der Jazzszene und holt Leute ins Emmental, deren Namen Jazz-Aficionados auf der Zunge zergehen.

Aber Konzerte mit Stars gibts an anderen Festivals auch, und deshalb ist mir die zweite Bühne fast noch lieber: Die steht mitten im Dorf, auf dem grossen Platz unter den Linden, von einem riesigen Zelt überdacht. Hier treten an den Vorabenden die sogenannten Workshopbands auf. Denn – und das ist eine grandiose Eigenart der Langnauer Jazz Nights: Ein gutes halbes Dutzend der Stars, die abends in der Kupferschmiede auftreten, ist sich nicht zu schade, tagsüber als Lehrer tätig zu sein und mit blutjungen und betagten, einheimischen und hergereisten, hochbegabten und mittelmässigen Musikerinnen und -musikern ein Stück einzu­üben, das später hier, auf der öffentlichen Bühne, präsentiert wird.

Und so steht dann der zwölfjährige Bub, der kaum seinen sperrigen Kontrabass herumzuschleppen vermag, zwischen der feingliedrigen Drummerin, die hinter den Becken fast verschwindet, und dem hypernervösen Jungpianisten, und die drei tragen unter der wohlwollenden Leitung von Thana Alexa, einer New Yorker Jazzsängerin von Weltrang, einen Klassiker etwa von Herbie Hancock vor.

Und das Ganze eben vor einem überaus grossen und bunten Publikum. Das sitzt an langen Holztischen, isst und trinkt, lauscht und schwatzt, pfeift und applaudiert begeistert, wenn einer ein Solo abliefert. Es ist ein allabendliches Volksfest, mit Legionen von Kindern auch, die zwischen Bar und Pizzastand Verstecken spielen oder ganz vorne an der Bühne stehen, mitdirigieren oder das Spiel auf der Luftgitarre begleiten.

Eben: Der Witz ist ein Witz, zumindest bei uns, in Langnau. Es ist eins der Dörfer mit der grössten Dichte an Jazzfans, man begegnet hier Leuten, die noch nie etwas von Conchita Wurst gehört haben, aber sofort wissen, wie die letzte Platte von Ella Fitzgerald heisst.

Die Jazz Nights sind leider vorbei, doch es gibt Trost: Ende August startet schon das neue Programm des Kulturveranstalters Paragraph K, im September geht das Elite-Openair über die Bühne, wenig später fängt im Kellertheater die neue Saison an, und in 356 Tagen und 356 Nächten, am 26. Juli, beginnen die Langnauer Jazz Nights 2016. Punkt 17.30 Uhr, auf dem grossen Platz mitten im Dorf, nicht vor 5 Leuten, sondern bestimmt wieder vor einer Hundertschaft.

«Poller»-Autor Martin Lehmann ist Redaktor bei Radio SRF2 Kultur. Er lebt in Langnau und ist Vater dreier Töchter

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