«Nicht einfach Jugendliche, die die Schule schwänzen wollen»

Auch in Bern haben Schülerinnen und Schüler zum Klimastreik aufgerufen. Nach der Versammlung auf dem Waisenhausplatz zogen sie durch die Innenstadt.

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Calum MacKenzie@CalumMacKenzie0

Politik statt Schule: Auf dem Berner Waisenhausplatz versammelten am Freitagnachmittag rund 1000 Schüler und Schülerinnen, um gegen die Untätigkeit der Politik in Sachen Klimawandel zu protestieren. An einem improvisierten Rednerpult forderte ein junger Mann die Regierung auf, die Verantwortung zu übernehmen.

Den Grossteil des Protests machen Schülerinnen und Schülern aus, doch sind auch viele jüngere Schulkinder mit ihren Eltern und auch ältere Demonstrierende anwesend. Bereits beim Berner Bahnhof wurde klar, dass sich in der Stadt etwas tut: Unter den Menschenströmen waren immer wieder Leute mit selbstgemachten Schildern und Transparenten zu sehen.

Die Klima-Demo in der Innenstadt.

Beim Betrachten der verschiedenen Schilder wurde deutlich, wie vielseitig die Klimaschutzproblematik ist: Einige verlangten ein Verbot von Billigflügen, andere richteten sich gegen Brasiliens rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro, der die Abholzung im Amazonas befürwortet. Andere wiederum griffen zu einer Analogie, um ihre Botschaft zu vermitteln: «Beim Klima ist es wie beim Bier: wenn es warm ist, ist es scheisse».

Umzug Richtung Bollwerk

Später bildetet sich die Versammlung zu einem Demoumzug um. Die Massen strömten durch die Marktgasse und legten die Hauptverkehrsachse der Innenstadt lahm. Ohrenbetäubend forderten hunderte Stimmen eine Revolution im Klimaschutz.

Der Demoumzug, der seitdem er den Waisenhausplatz verlassen hatte als unbewilligte Kundgebung galt, machte danach eine Tour durch Bern. Nach Zwischenstationen vor Zytglogge und Bundeshaus begaben sich die Demonstrierenden in Richtung Bahnhof.

Der Protest war leidenschaftlich, aber friedlich. Die Polizei gab sich zurückhaltend. Beim Bollwerk sorgte die Demo für vielsagende Bilder: die vorbeilaufenden Klimaschützer umringten die Autos auf der Strasse und brachten so den fossil angetriebenen Verkehr zum Stillstand.

Der Umzug fand sich schliesslich vor der Reitschule ein. «Viel mehr passiert heute nicht mehr», verkündete eine Stimme per Lautsprecher, «aber es war ‹huere geil›!». Ein paar Anweisungen zur sicheren Heimreise werden vorgetragen, dann ein Abschiedsgruss. Die Menge jubelte, dann begann sie sich zu zerstreuen. So nahm der Berner Klimastreik ein Ende, doch er wird wohl lange in Erinnerung bleiben.

Bereits Aktionen in den Schulhäusern

Der Klimastreik wurde bereits am Vormittag mit diversen Aktionen gestartet: Auf dem Pausenhof vor dem Hauptgebäude beim Gymnasium Kirchenfeld etwa versammelten sich Dutzende Schülerinnen und Schüler. Viele trugen Transparente und Plakate mit Aufschriften wie «Wir fordern den Klimanotstand» und «It’s getting hot in here».

Magistrale Unterstützung für die streikenden Schüler und Schülerinnen.

«Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut», skandiert die Menge. Dann kündigt die Schülerin mit dem Megafon das vorläufige Ende des Protests an: «Seid alle wieder pünktlich im Unterricht, damit die Schulleitung nichts zu motzen hat.» Die Versammlung löst sich auf, aber nicht für lange: Um 15 Uhr geht es auf dem Waisenhausplatz weiter.

«Wir hoffen, dass die Politik auf uns hört und uns nicht einfach als Jugendliche, die die Schule schwänzen wollen, abtut», sagte Sekundanerin Michèle Stauffer. «Wir sind böse, weil unsere Zukunft hier verhandelt wird.» Politiker würden nur kurzfristig mit Hinblick auf die Wiederwahl denken. «Wir wollen aber konstruktiv etwas ändern, nicht einfach nur mit Wut.»

Streikende Schülerinnen und Schüler beim Gymnasium Kirchenfeld.

«Diese Streiks werden so lange weitergehen, bis es Resultate gibt», sagte Tertianerin Meret Lavanchy. Sie fordere die Politik zu Verhandlungen mit den Schülerinnen und Schülern auf. Als Jugendliche sei es beängstigend, die Klimalage zu betrachten und zu wissen, dass man dafür nicht verantwortlich sei. Für den Klimaschutz müsse man neue, ganz andere Ansätze finden. «Man muss die Sache klar angehen und sagen, dass man den Wandel sofort stoppen will.»

Am Gymnasium Köniz-Lerbermatt wurde zeitgleich ein Sitzstreik durchgeführt. In der Eingangshalle habe man gemeinsam auf die Bewegung aufmerksam macht, wie eine beteiligte Schülerin dem «Bund» mitteilte.

Besondere Wirkung wollen die Streikenden durch ihre Abwesenheit von obligatorischen Schulstunden erreichen. Wie die Schulen damit umgehen, stellt die kantonale Erziehungsdirektion vor eine Denkaufgabe: In einigen Gymnasien wurden die Teilnehmenden dispensiert; in anderen war es unklar, ob freie Halbtage bezogen werden mussten. Laut Erziehungsdirektorin Christine Häsler (Grüne) bemühe man sich darum, dass die Gymnasien die Abwesenheiten einheitlich handhabten. Bereits im Dezember gingen Schülerinnen und Schüler schweizweit für das Klima auf die Strasse. Inzwischen hat sich eine gut organisierte Protestwelle entwickelt. Die nationale Bewegung wird über regionale Komitees und Whatsapp-Gruppenchats innerhalb der einzelnen Schulen koordiniert.

Die Streikenden fordern einen CO2-Emissionsstopp bis 2030 und die Ausrufung eines «Klimanotstands» nach Londoner Vorbild. Dieser helfe, die Massnahmen gegen den Klimawandel umzusetzen und die dazu benötigten finanziellen Mittel aufzubringen. Die schweizweiten Streiks sind Teil einer internationalen Bewegung. Am Freitag wird auch in mehreren Deutschen Städten demonstriert, in Lausanne etwa mit bis zu 6000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen, am Donnerstag fand in Brüssel ein Klimastreik statt. Die Proteste lassen sich von einer charismatischen Leitfigur inspirieren: Greta Thunberg. Die 16-jährige Schwedin begann bereits im Sommer letzten Jahres mit regelmässigen Schulstreiks, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Weltweit bekannt wurde sie im Dezember nach einer Rede an der UN-Klimakonferenz im polnischen Katowice.

Im vergangenen Jahr machten sich die Anzeichen des Klimawandels einmal mehr stark bemerkbar. In der Schweiz nördlich der Alpen war 2018 das wärmste Jahr seit dem Beginn der Messungen vor über 150 Jahren. Im Oktober warnte der Weltklimarat, dass nur noch 12 Jahre übrig blieben, um eine Erderwärmung um 1,5 Grad und damit irreversible ökologische Schäden zu verhindern.

Was halten Sie davon, dass Jugendliche ihren Frust über die politische Untätigkeit mit einem Streik kundtun? Was halten Sie von den Forderungen der Jugendlichen? Und: Waren Sie als Schüler oder Schülerin auch politisch aktiv? Diskutieren Sie mit im Stadtgespräch.

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