Neue Dämme gegen die Aare-Fluten

Der Kanton will den Hochwasserschutz bei der Oberen Belpau verbessern und das Naturschutzgebiet aufwerten. Ob das Projekt bei der Bevölkerung ankommt, muss sich noch zeigen.

Beim «Jahrhunderthochwasser» war die Landschaft im Gürbetal kaum mehr wiederzuerkennen: der Belpmoos-See von 1999.

Beim «Jahrhunderthochwasser» war die Landschaft im Gürbetal kaum mehr wiederzuerkennen: der Belpmoos-See von 1999. Bild: Archivbild / Comet

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Die Auenlandschaft Obere Belpau ist geprägt von Amphibiengewässern, Feuchtgebieten und Fischrefugien. Auch der Biber hat sich hier an manchen Stellen niedergelassen. Geht es nach dem Willen des Kantons, sollen im beliebten Naherholungsgebiet aber schon bald die Bagger auffahren. Tatsächlich ist die Auenlandschaft der Gemeinden Belp, Münsigen und Rubigen weniger natürlich, als sie auf den ersten Blick erscheint.

So trennt heute ein über hundertjähriger Damm das Gebiet von der natürlichen Dynamik der Aare. Dieser Damm sollte bei Hochwasser das Belpmoos vor Überschwemmungen schützen. Doch spätestens die Überflutungen von 1999 und 2005 haben gezeigt, dass der derzeitige Schutz nicht ausreicht. «In dem Gebiet haben wir derzeit das grösste Hochwasserschutzdefizit an der Aare zwischen Thun und Bern», sagt Thomas Wüthrich, zuständiger Projektleiter beim Tiefbauamt der Kantons. Um Überflutungen wie 1999 und 2005 zu verhindern, will der Kanton im Naturschutzgebiet neue Dämme bauen.

Mehr Platz für die Aare

In einer ersten Phase soll auf der Belper Seite ein neuer, zweieinhalb Meter hoher Damm entstehen. Dieser reicht bis zur Hunzigenbrücke bei der Autobahnzufahrt Rubigen. An manchen Stellen wird der Damm bis zu 300 Meter landeinwärts reichen. Dabei sollen in einer zweiten Phase rund 30 Hektaren für einen natürlichen Flussverlauf der Aare freigelegt werden. «Je mehr Platz die Aare hat, um sich auszutoben, desto effektiver ist der Hochwasserschutz», sagt Wüthrich. Das heisse aber nicht, dass die ganze Fläche zu einem breiten Flussbett werde. Vielmehr werde der Aare Raum zugestanden, um sich selber neue Seitenarme zu bahnen, sagt Wüthrich. Auch auf der gegenüberliegenden Münsinger Seite soll ein neuer Damm entstehen, allerdings fast einen Meter weniger hoch. Er soll vor allem die Badi und die Autobahn vor Hochwasser schützen.

Baubeginn bereits 2021?

Insgesamt rechnet der Kanton mit Kosten von 15 Millionen Franken. Läuft alles nach Plan, könnte bereits im Winter 2021 mit dem Bau des Damms begonnen werden. In einer ersten Planung wollte der Kanton auch die 140-jährige Schützenfahrbrücke bei der Münsinger Badi abreissen. An den zwei Mittelpfeilern der vom Denkmalschutz als erhaltenswert eingestuften Brücke bleibt immer wieder Holz hängen. Nun prüfe man aber eine Sanierung der Brücke mit Entfernung der mittleren Pfeiler, sagt Wüthrich.

Der Streit um den Aareweg bei Muri vom letzten Jahr hat gezeigt, wie sensibel Anwohner und Spaziergänger reagieren, wenn lieb gewonnene Wege auf einmal einem natürlicheren Aareverlauf weichen sollen. Für die Uferwege in der Oberen Belpau gibt Wüthrich aber vorerst Entwarnung: «Die bisherigen Wege werden zumindest in den nächsten zwanzig Jahren erhalten bleiben.» Die eigentliche Verbreiterung beginnt gemäss Wüthrich erst nach 2036. Bis dahin wird der alte Damm bestehen bleiben und die Trinkwasserfassung Belpau vor Hochwasser schützen.

Wie das Projekt aufgenommen wird, dürfte sich bald zeigen. An zwei Infoanlässen will der Kanton die Pläne der Öffentlichkeit präsentieren. «Wir haben starke Vorbehalte gegen das Projekt», sagt etwa Walter Straub, Präsident der IG Belpau. Man sei sich zwar bewusst, dass etwas getan werden müsse, allerdings sehe man nicht ein, weshalb der Damm schon jetzt gebaut werden müsse, da noch nicht klar sei, ob die Wasserfassung 2036 ersetzt werden könne.

Informationsanlässe: Mo, 23. 4., um 19 Uhr im Dorfzentrum Belp; Do, 26. 4., um 19 Uhr im Gemeindesaal Münsingen. (Der Bund)

Erstellt: 17.04.2018, 06:45 Uhr

Mangelhafter Hochwasserschutz

«Auf dem Belpmoos liegen Tausende und Abertausende Kubikmeter Wasser», zitierte der «Bund» einen Betroffenen der Überschwemmungen vom Mai 1999. Der Flughafen musste für fast zwei Wochen den Betrieb einstellen, und auch in der Stadt Bern schwappte die Aare über die Ufer. In der Matte und im Altenberg lagen ganze Strassenzüge unter Wasser. Die Flut von 1999 verursachte Schäden von gegen 70 Millionen Franken. Damals sprach man von einem Jahrhunderthochwasser.

Doch bereits im August 2005 kam es wieder zu einer grossen Überschwemmung. Wieder standen Matte und Flughafen tagelang unter Wasser. «Die Hochwasser von 1999 und vom August dieses Jahres haben uns innert sechs Jahren drastisch vor Augen geführt, dass der heutige Hochwasserschutz erhebliche Mängel aufweist», sagte die kantonale Baudirektorin Barbara Egger (SP) damals vor den Medien.

Doch die geplanten Massnahmen des Kantons verliefen im Sand. Vor allem bei den Grundeigentümern stiessen sie auf Widerstand. Nur 2 von 22 Massnahmen wurden umgesetzt. Der Kanton beabsichtigte, Dämme zurückzuversetzen und so Gebiete dem Fluss zu überlassen. Seitdem wird mit kleineren Projekten und stärkerer Mitwirkung der Betroffenen versucht, den Hochwasserschutz zu erhöhen.

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