Mühleberg: Kritik an Damm-Nachrüstung

Die BKW will den Wohlensee-Damm gegen Erdbeben verstärken. Doch für Kritiker und Behörden ist offen, ob die Verstärkung des Damms wirklich mehr Sicherheit bringt.

Die BKW will das Stauwehr Mühleberg unterhalb von Mauer und Maschinenhaus mit Pfählen verstärken – die Massnahme weckt Bedenken.

Die BKW will das Stauwehr Mühleberg unterhalb von Mauer und Maschinenhaus mit Pfählen verstärken – die Massnahme weckt Bedenken.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Simon Thönen@SimonThoenen

Mit einer langen Reihe von über siebzig 18 Meter langen Stahlpfählen will die BKW das Stauwehr des Wohlensees verstärken. Die Nachrüstung soll verhindern, dass die Mauer bei einem Erdbeben ins Gleiten gerät, das heisst: unten wegrutscht. Die Massnahme steht in engem Zusammenhang mit dem AKW Mühleberg unterhalb der Stauanlage. Zwar hat das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) im Juli sowohl das AKW wie das nahe Stauwehr als erdbebensicher akzeptiert. Der Befund beruhte allerdings auf provisorischen Erdbebenberechnungen. Falls die Experten in ihrem Schlussergebnis stärkere Erdbeben am Standort für möglich halten, wäre die Betriebsbewilligung für das AKW infrage gestellt. Deswegen will die BKW die Sicherheitsmarge des Damms mit den Pfählen rasch erhöhen.

Gegen die geplante Nachrüstung haben der AKW-Kritiker Markus Kühni und Anwohner Einsprache erhoben. «Wir unterstützen selbstverständlich Massnahmen zur Verstärkung der Staumauer», schreiben sie. Sie befürchten aber, dass sich die geplante Verstärkung «als Verschlimmbesserung herausstellen könnte». Kühni stützt sich auf einen Bauingenieur mit Erfahrung bei Erdbebenanalysen. Die Befürchtungen des Experten sind auch für die Bundesbehörden zumindest ungeklärte Punkte. Dies zeigen Dokumente aus dem Einspracheverfahren, die dem «Bund» vorliegen.

Könnte Damm leichter kippen?

Der Bauingenieur befürchtet etwa, dass das Stauwehr – gerade wegen der Pfahlreihe – bei einem Erdbeben leichter kippen könnte. Das Betonstauwehr des Wohlensees ist keine senkrechte Mauer, sondern im Profil eher mit einem Schuh vergleichbar: Unten läuft der Betonsockel in die Aare aus, was das Stauwehr stabilisiert. Die geplante Reihe von Pfahlbohrungen, die fast aneinander anstossen, würde diesen fünf Meter dicken Sockel durchlöchern und eine Art Sollbruchstelle bilden, befürchtet der Ingenieur. Falls das Stauwehr bei einem Erdbeben ins Kippen geriete, würde sich der Drehpunkt gegenüber heute um mehr als drei Meter Richtung Wohlensee verlagern. Wegen der Hebelwirkung vermindere dies die Kippsicherheit um «etwa einen Fünftel».

Ob der Damm wegen der Pfähle bei einem Erdbeben tatsächlich rascher kippen könnte, ist für die Sektion Talsperren des Bundesamtes für Energie (BFE) zumindest eine zu klärende Frage. In einer Verfügung vom 21. September macht das BFE der BKW die Auflage: «Der Gesuchsteller hat vor Baubeginn nachzuweisen, dass die Kippsicherheit des Wehrs durch die geplante Baumassnahme nicht beeinträchtigt wird.»

Für BKW-Sprecher Antonio Sommavilla steht bereits fest, dass die BKW diesen Nachweis erbringen kann. «Die Kippsicherheit ist gegenüber heute nicht beeinträchtigt, im Gegenteil die Bohrpfähle verbessern die Kippstabilität», teilt er auf Anfrage mit. Zur Argumentation der Einsprecher äussert er sich nicht. «Die BKW wird die von den Behörden geforderten Unterlagen einreichen, darunter auch die Antwort an die Einsprecher», sagt er.

Weiter befürchtet der Bauingenieur eine generelle Schwächung des Bauwerks durch die Pfähle. Ein Thema, das auch die Atomaufsicht Ensi beschäftigt. In ihrer Stellungnahme nennt sie als Beispiel für ungeklärte Fragen «die Kraftübertragung der Pfahlgruppen in den Baugrund», und dies «inklusive der örtlichen Bauwerkschwächung».

Einsprecher fordern Transparenz

Es steht wohlverstanden nicht fest, dass die Befürchtungen tatsächlich zutreffen – auch nicht für Einsprecher Kühni: «Es handelt sich aber um grundlegende Bedenken. Wir fordern, dass BKW und Behörden sie seriös abklären und alle Fakten auf den Tisch legen.» Bisher zeigten die Bundesbehörden dabei allerdings wenig Elan. So würde das Ensi es lediglich «begrüssen», wenn die von der Atomaufsicht aufgeworfenen «Detailfragen» mit BKW und BFE «vor Bauausführung noch diskutiert und geklärt werden könnten». Das BFE hat nach eigenen Angaben die von der BKW «angestrebten Verbesserungen nicht quantitativ geprüft». Dies deshalb, weil die BKW die Nachrüstung freiwillig vornehme.

Ginge es nach dem BFE, dann wäre die Nachrüstung schon bewilligt. In seiner Verfügung vom 21. September genehmigte es den Umbau, wenn auch mit Auflagen. Eine ist die bereits zitierte Bedingung, dass die BKW die Kippsicherheit nachweist.

Kein Verständnis für dieses Vorgehen hat Kühni: «Eine so grundlegende Frage muss vor der Baubewilligung geklärt werden.» Er befürchtet, das BFE wolle mit seinem Vorgehen die Einsprecher ausschliessen. Das BFE weist dies auf Anfrage als «Unterstellung» zurück: «Es ist in diesem technischen Bereich üblich, die Beantwortung gewisser verbleibender Fragen als Auflagen in die Genehmigung aufzunehmen.» Nötigenfalls werde das BFE Massnahmen anordnen.

Die kantonale Baudirektion, deren Amt für Wasser und Abfall das Bewilligungsverfahren leitet, betont jedoch, dass «das Vorhaben der BKW mit der Projektgenehmigung des BFE keineswegs bewilligt ist». Generalsekretär Christian Albrecht sagt auf Anfrage: «Auch die Frage der Kippsicherheit muss innerhalb des Baubewilligungsverfahrens geklärt werden. Die Bewilligung kann nur erteilt werden, wenn diesbezügliche Zweifel ausgeräumt sind.»

Der Bund

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