Mühleberg-Anwohner suchen ihre Tabletten

Die neue Informationskampagne zum Verhalten bei einem AKW-Unfall stösst in den Leserbrief- und Kommentarspalten auf wenig Gegenliebe. Bei den Behörden melden sich indes vorwiegend Leute, die ihre Jodtabletten nicht mehr finden.

Gefragte Jod-Tabletten: Die Nachfrage ist gestiegen.

Gefragte Jod-Tabletten: Die Nachfrage ist gestiegen.

(Bild: Keystone)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Die «Informationskampagne zum Notfallschutz bei Kernkraftwerken», die der Bund letzte Woche zusammen mit den Kantonen lanciert hat, zeigt Wirkung – in unterschiedlicher Form. Auf DerBund.ch/Newsnet löste der Artikel vom Mittwoch in der Kommentarspalte eine rege Diskussion aus. «Das ist doch nur noch zynisch», schrieb eine Leserin und brachte damit die Stossrichtung der Mehrheit der Kommentare auf den Punkt. Ein «Bund»-Leser schrieb gestern in einem Leserbrief, in den Unterlagen werde ein «anzunehmender Störfall im AKW» verniedlicht. Und ein Mann aus Bern bemängelt die Informationen in einem Brief an das kantonale Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär, der dem «Bund» vorliegt, als unvollständig – unter anderem, weil darin Angaben zum Verhalten bei einer Evakuierung fehlen.

«Kaum» Beschwerden beim Babs

«Es gibt Reaktionen, sowohl bei uns wie auch bei den Kantonen», sagt Kurt Münger, Sprecher des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz (Babs). Beim Babs seien bisher rund 100 Anfragen eingegangen. Darunter seien aber «kaum solche» gewesen, die das fehlende Evakuierungskonzept bemängelten. Auch habe sich bisher «kaum jemand» darüber beschwert, dass die Unterlagen nur in Deutsch und Französisch verfügbar seien. «Die meisten Anfragen betreffen die Versorgung mit Kaliumiodid-Tabletten», sagt Münger. So stellten nun viele Leute fest, dass sie ihre Tabletten nicht mehr fänden oder nie erhalten hätten. Ausserdem kam es in einigen Fällen zu Missverständnissen. So hätten sich Leute erkundigt, weshalb ihrem Couvert keine Jodtabletten beilägen.

Die Verteilung der Unterlagen ist nun abgeschlossen. «Angesichts dessen, dass wir über 600'000 Dossiers versandt haben, ist die Zahl an Rückmeldungen überschaubar», sagt Münger. Wie viele Leute die Hotline anrufen, die das Babs vom 1. bis zum 10. Februar anbietet, kann er noch nicht sagen.

Die Leute suchen ihre Tabletten

«Die Kantone haben die Gemeinden bereits vorgängig darauf aufmerksam gemacht, dass mit der Kampagne die Nachfrage nach Jodtabletten steigen könnte», sagt Münger. Deswegen seien bei der zuständigen Geschäftsstelle Kaliumiodid-Versorgung bereits im Verlauf des Januars vermehrt Nachbestellungen der Gemeinden eingegangen. Münger: «Darüber, ob jetzt aufgrund der Kampagne in den einzelnen Gemeinden vermehrt Anfragen eingegangen sind, haben wir keinen Überblick.»

Urs Schweizer von der Berufsfeuerwehr Bern sagt, aus der Stadt Bern seien bisher seit dem Versand der Unterlagen rund 20 Anfragen von Einwohnern eingegangen, die angaben, keine Jodtabletten zu haben. «Grundsätzlich bekommt jeder Neuzuzüger die Jodtabletten zusammen mit den anderen Unterlagen, die er bei der Anmeldung erhält», sagt er. Wer sie dennoch nicht habe, bekomme sie rezeptfrei in Apotheken oder «unbürokratisch» bei den Einwohnerdiensten der Stadt Bern. Die Zahl der Anfragen halte sich «in Grenzen», sagt Schweizer. Es sei «weniger schlimm», als er gedacht habe. «Ich habe mit 50 bis 80 Anfragen pro Tag gerechnet.»

In Köniz erkundigten sich in den letzten Tagen ebenfalls rund 20 Personen nach den Jodtabletten, wie Jürg Schlichting, Stabschef im Gemeindeführungsorgan, sagt. Etwa gleich viele seien aber bereits vor einem knappen Jahr, nach der Katastrophe in Fukushima, mit dem gleichen Anliegen an die Gemeinde gelangt. So war es laut Urs Schweizer auch in Bern.

Nichts Neues bei grossen Betrieben

Nicht nur Privathaushalte, sondern auch alle Unternehmen in den Gefahrenzonen 1 und 2 um das Atomkraftwerk Mühleberg haben in der vergangenen Woche die neuen Unterlagen erhalten. Wie die Privatpersonen wurden auch sie in den Jahren 2004 und 2005 mit Jodtabletten beliefert. Drei Betriebe aus Bern seien in den letzten Tagen an ihn gelangt, weil sie keine Jodtabletten hätten, sagt Schweizer.

Keine Auswirkungen hat die Kampagne hingegen auf grosse Unternehmen wie die Post oder die Swisscom. Beispielsweise am Hauptsitz in der Schönburg seien die Tabletten zentral eingelagert, sagt Post-Sprecher Mariano Masserini. Eine Gruppe von Mitarbeitern sei als «Notorganisation» geschult und im Notfall – auf Anordnung der Behörden – dafür zuständig, das Medikament zu verteilen. Ähnlich klingt es bei der Swisscom: «Aufgrund der Informationskampagne der Kantone wurden bei Swisscom keine speziellen zusätzlichen Massnahmen eingeleitet», teilt die Medienstelle per Mail mit. Die Tabletten seien an jedem Standort zentral gelagert und würden bei Bedarf an die Mitarbeitenden verteilt.

Der Bund

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