«Man darf die Situation nicht schönreden»

Christiana Colliard kümmert sich um Kinder mit Traumata. Für ihr Engagement in der «Wohngruppe Wolf» wurde sie am Samstag ausgezeichnet.

Christiana Colliard mit ihren zwölf «Wölfen».

Christiana Colliard mit ihren zwölf «Wölfen».

(Bild: Franziska Scheidegger)

Gegen Mittag trudeln die zwölf Kinder in der Wohngruppe Wolf ein. Christiana Colliard wartet im Eingangsbereich des grossen Bauernhauses, um alle in Empfang zu nehmen. Sie gründete 2003 die Wohngruppe Wolf, um traumatisierten Kindern in Niederwangen ein Zuhause zu schaffen. Mit ihr wartet die Hündin Mila schwanzwedelnd an der Tür. Als Colliard die Tür öffnet, rennt Mila hinaus, um die Kinder zu begrüssen.

Die Schützlinge lieben ihre Pflegemutter, zwei junge Mädchen fallen Colliard in die Arme, sie nennen sie Chrigi. «Es ist wichtig, dass sie mich nicht Mami nennen», erklärt Colliard. Denn die Kinder dürften nicht vergessen, dass sie eine Mutter hätten, die sie liebe. Deswegen arbeiten die Sozialpädagogen der Wohngruppe Wolf auch eng mit den Eltern zusammen. Nicht zu allen habe man gleich viel Kontakt, sagt Colliard. Es gebe Mütter oder Väter, von denen wisse man beispielsweise wochenlang nicht, wo sie seien. Andere wiederum kämen öfter zu Besuch oder kochten mittags auch einmal für die Kinder.

Jedes der Kinder hat sein eigenes Kästchen, in dem sie erst ihre Jacken aufhängen und ihre Schals versorgen. Einige Jüngere brauchen noch Hilfe beim Ausziehen der Jacke. Colliard hört, was die Kinder alles in der Schule erlebt haben. Obwohl alle durcheinanderreden, hört Colliard alles, hat für jedes Kind ein warmes Wort. «Für die Kinder ist das hier ihr Zuhause», sagt Colliard. Langweilig werde es hier nie. «Natürlich muss ich manchmal auf den Tisch hauen und sagen: ‹So gehts nicht!›»

Davon merkt man beim Mittagessen nichts: Die Kinder setzen sich um den langen Tisch im Wohnzimmer und geben sich die Hände. «Ä guätä zämä» rufen sie, bevor sie zu essen anfangen. Bei diesem harmonischen Anblick könnte man fast vergessen, aus welch schwierigen Verhältnissen sie kommen.

Situation nicht schönreden

Um traumatisierten Kindern zu helfen, müsse man ihnen Sicherheit und Geborgenheit bieten, sagt Colliard. Und man müsse immer ehrlich sein: «Man darf die Situation nicht schönreden, sondern muss sich damit aus­einandersetzen.» Die Tiere seien da eine grosse Hilfe.

«Die Leute haben sich wahrscheinlich gefragt, was für eine schlechteMutter ich bin.»

Neben dem Hund Mila und den sechs Pferden gibt es Schildkröten, Hasen und fünf Katzen. Die Tiere seien zwar ein grosser Aufwand, aber auch eine grosse Hilfe. «Was sie leisten, ist unersetzbar.» Sorgen trage man immer mit sich herum, manch schlaflose Nacht hat Colliard hinter sich, viele weitere werden noch folgen.

Sich um die Pflegekinder zu kümmern, ist ein Vollzeitjob. In vielen Institutionen kämen die Angestellten morgens zur Arbeit und gingen abends wieder heim, so Colliard. Dadurch erhielten die Kinder nicht die nötige Aufmerksamkeit. Man müsse den Kindern ein richtiges Daheim schaffen. Das bedeute, rund um die Uhr präsent zu sein. «Für mich sind sie nicht nur ein Job, sie sind mein Lebensinhalt», sagt Colliard. Für dieses Engagement ist sie mit dem Prix Sana ausgezeichnet worden .

Rund um die Uhr

«Kürzlich rief mich an einem Samstag eine junge Mutter in Not an», erzählt Colliard. Sie war gerade mit einigen Kindern einkaufen, denn am Wochenende hat ihr Team frei. «Die Mutter wusste nicht weiter, sie brauchte mich.» Währenddessen kauften ihre Pflegekinder ein, damit Colliard per Telefon helfen konnte. «Die Leute haben mich schräg angeschaut und sich wahrscheinlich gefragt, was für eine schlechte Mutter ich bin.» Die Kinder hingegen hätten sofort verstanden, in welcher Situation sie sich befunden habe.

Bei den meisten Kindern weiss man, dass sie nicht nach Hause zurückkehren können. Die meisten kommen aus Familien, in denen die Eltern psychische Probleme haben und sich deswegen nicht um ihren Nachwuchs kümmern.

Oft nimmt Colliard Kinder mit Migrationshintergrund auf. Sie kommen von überallher, aus England, Italien, Brasilien, der Schweiz oder aus dem Sudan. Derzeit kümmert sich Colliard mit ihrem Team auch um den eritreischen Flüchtling Sina, die seit fünf Jahren in der Schweiz lebt. 27 Kindern hat sie mit der Wohngruppe bisher geholfen. Mit vielen davon steht sie heute noch in engem Kontakt.

DerBund.ch/Newsnet

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