Lenins Schatten ist gewichen

Weil Lenin dabei war, galt das Kientaler Geheimtreffen vor hundert Jahren lange als «Kommunistenkonferenz». Heute blickt man vor Ort gelassen zurück.

Lenin und die Gästeliste von 1916: Die Kientaler Konferenz ist im Bären noch allgegenwärtig.

Lenin und die Gästeliste von 1916: Die Kientaler Konferenz ist im Bären noch allgegenwärtig.

(Bild: zvg)

Als die internationalen Gäste am 25. April 1916 gegen Mittag mit Pferdekutschen in Kiental eintrafen, dürfte ihnen das kleine Dorf wie ein idyllisches Gegenbild zur damaligen Weltlage erschienen sein. Seit zwanzig Monaten tobte in Europa der Weltkrieg, auf den Schlachtfeldern starben Millionen, allein im Kampf um Verdun, der im Februar dieses Jahres begonnen hatte, liessen über zweihunderttausend Soldaten ihr Leben.

Im beschaulichen Dorf, das auf einer sonnigen Terrasse vor dem Blüemlisalp-Bergmassiv liegt, war von den Kriegsschrecken wenig zu spüren. Seit dem 19. Jahrhundert war das Tal ein beliebter Kurort, und nach der Eröffnung des Lötschbergtunnels 1913 reisten immer mehr ausländische Gäste an.

Die Ankunft der 44 Besucher aus 9 verschiedenen Ländern sorgte daher kaum für Aufsehen. Niemand dürfte geahnt haben, dass die Gäste, die im Hotel Bären am südlichen Dorfende für sechs Tage Quartier bezogen, mit dem Ziel angereist waren, dem hier so fern scheinenden Krieg in Europa ein Ende zu setzen.

Nicht Holland, sondern Kiental

Die Konferenz in Kiental war die Nachfolgekonferenz des Treffens in Zimmerwald, das sechs Monate zuvor stattgefunden hatte. Rund drei Dutzend sozialistische Kriegsgegner aus ganz Europa waren der Einladung des Berner Sozialdemokraten Robert Grimm ins kleine Dorf unweit von Bern gefolgt. Die abschliessende Erklärung des Treffens, das Zimmerwalder Manifest, hatte einen sofortigen Frieden verlangt – ein kühnes Anliegen im damaligen Europa, in dem Durchhalteparolen dominierten und selbst die Mehrheit der Sozialisten den Krieg unterstützte.

Dies und die Tatsache, dass in Zimmerwald mit Trotzki und Lenin zwei Herren mitdebattierten, die wenig später weltpolitischen Rang erreichen sollten, führte dazu, dass das treffen als bedeutende Friedenskonferenz in die Geschichte einging. Um den Forderungen des Manifests Nachdruck zu verleihen, machte sich der umtriebige Grimm alsbald an die Organisation einer Nachfolgekonferenz. Wie in Zimmerwald musste das Treffen geheim gehalten werden. Und wieder sollte es abseits der Hauptstadt stattfinden, um die Gefahr einer Infiltrierung durch Spitzel zu vermindern. War das Treffen in Zimmerwald noch als Besuch einer Ornithologen-Gruppe getarnt gewesen, wurde die Konferenz in Kiental zuerst «in einem noch zu bestimmenden Ort Hollands» angekündigt.

Hitzige Diskussionen

Im Konferenzsaal des Hotels Bären stand das fünfte Traktandum – «der Kampf für die Beendigung des Krieges» – im Mittelpunkt der Diskussionen. Obwohl alle Teilnehmenden einen sofortigen Frieden verlangten, ging es bei den Debatten teils hoch zu und her. «Es wurde heftig und bis spätnachts diskutiert, bei Meinungsverschiedenheiten lief man auch mal wortlos davon», weiss der Historiker Bernard Degen.

Der gemässigten Mehrheit um Grimm, die den demokratischen Weg suchte, stand eine revolutionäre Minderheit gegenüber, die den Weltkrieg als Sprungbrett für einen gewaltsamen Umsturz nutzen wollte. Angeführt wurde diese von Lenin, der bereits das Zimmerwalder Manifest als zu wenig radikal kritisiert hatte.

Trotz Differenzen gelang es Grimm erneut, alle Teilnehmenden zur Unterzeichnung eines Manifests zu bewegen. Kernpunkte waren wiederum die Forderung nach Frieden und einem Selbstbestimmungsrecht der Völker, hinzu kam ein Appell an die sozialistischen Parlamentarier, gegen alle Kriegskredite zu stimmen.

Als die Konferenz am Sonntag, dem 30. April 1916, frühmorgens um vier Uhr zu Ende ging, stand in der gemeinsamen Erklärung unmissverständlich: «Keine Sieger, keine Besiegten, oder vielmehr alles Besiegte, das heisst: alle verblutend, alle ruiniert, alle erschöpft, das wird die Bilanz dieses greuelreichen Krieges sein.»

Für den Historiker Degen liegt die Bedeutung der Konferenz vorab darin, dass sich im Berner Oberland neuerlich eine internationale Opposition gegen den Krieg vereinigte. «Dass sich Deutsche, Russen und Franzosen an einen Tisch setzten, dass sie gemeinsam nach Lösungen suchten und sich gar einig wurden – das war zu jener Zeit praktisch unvorstellbar.»

Wichtige Friedenskonferenz

Die Konferenzen waren aber nicht nur aus symbolischer Sicht bedeutsam. Zwar geriet die «Zimmerwalder Bewegung» mit der von Lenin angeführten Oktober-Revolution in Russland etwas in den Hintergrund. Je länger jedoch der Krieg dauerte, desto mehr Menschen teilten die in Zimmerwald und Kiental erstmals geäusserte Friedensforderung.

Vielerorts kam es zu Protesten, Demonstrationen und Streiks, in Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland sogar zu Revolutionen. An vielen dieser Bewegungen waren Persönlichkeiten beteiligt, die an einer der Konferenzen im Bernbiet teilgenommen hatten. «Dadurch haben die Treffen in Zimmerwald und Kiental dem Kriegsende mit den Weg geebnet», ist Degen überzeugt.

Dass die beiden Konferenzen in der Schweiz bald in Vergessenheit gerieten, hängt vorab mit Lenin zusammen. Die Anwesenheit des «Gründers der Sowjetunion» sorgte lange dafür, dass man sich an die Zusammenkünfte im Bernbiet primär als «Kommunistenkonferenzen» erinnerte.

In der Sowjetunion führte die Teilnahme Lenins derweil dazu, dass Zimmerwald und – in geringerem Masse – Kiental als eine Art «Wiege der Sowjetunion» mystifiziert wurden. Dabei sei der gemässigte Grimm an beiden Konferenzen die weit wichtigere Figur gewesen, sagt Monika Wicki, Präsidentin der Robert-Grimm-Gesellschaft. «Vielen ist erst in den letzten Jahren bewusst geworden, dass es sich im Kern um Friedenskonferenzen handelte – ein Erbe, auf das auch Kiental stolz sein darf.»

Der Bund

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