Klicken statt Kleckern

Schulen im Kanton Bern rüsten sich für die Digitalisierung. Um die Kinder für die digitale Welt fit zu machen, braucht es aber mehr als nur moderne Arbeitsgeräte. Ein Augenschein im digitalen Klassenzimmer.

«Öffnet jetzt bitte Google Maps» – Andy Marchand, Lehrer und IT-Verantwortlicher am Oberstufenzentrum Worbboden, gibt gerade eine Geografiestunde für die 9c. Die 16 Schülerinnen und Schüler – zwischen 15 und 16 Jahre alt –, sitzen in Hufeisenanordnung an zugeklappten Holzpulten und aufgeklappten Notebooks. Statt kratzender Füllfeder und quietschender Kreide hallt das Klicken von 16 Mäusen durch das Geozimmer. Thema heute: die Gewässer der Schweiz. Tradition und Moderne treffen aufeinander. Dank einem leistungsstarken WLAN können die Schüler in Gruppen auch ausserhalb des Schulzimmers selbstständig arbeiten und im Internet recherchieren. Neben Google Maps verwenden die Schüler im Geo auch die Onlinekarten des Topografischen Instituts auf Swisstopo.ch. Als ein Schüler am Ende der Stunde nach vorne kommt und routiniert sein Notebook an den Beamer anschliesst, kann sich Marchand folgenden Kommentar nicht verkneifen: «Du hast aber viele Sachen auf deinem Desktop». Willkommen im digitalen Klassenzimmer.

Dezentral und mobil

Punkto Digitalisierung ist das Oberstufenzentrum Worbboden heute vielen Berner Volksschulen voraus: Den Informatikraum mit fix installierten PCs hat die Schulleitung schon vor zwei Jahren abgeschafft. Damit setzt die Schule heute um, was die Erziehungsdirektion erst letztes Jahr im Leitfaden «Medien und Informatik» den Berner Gemeinden empfohlen hat. Demnach soll künftig Informatik in der Schule denselben Stellenwert haben wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Denn längst gilt heute Informatik als wichtige Kulturtechnik. Um den Kindern Digitalkompetenz zu vermitteln, setze die Schule auf «Dezentralisierung und Mobilität», sagt der IT-Verantwortliche Marchand. So werden Word und Excel heute im Deutsch- und Matheunterricht eingebunden und nicht mehr separat im Informatikraum gelernt. Auch Französisch, Deutsch oder Bio lernen die Kinder im Worbboden heute mithilfe der mobilen Geräte – wenn der Lehrer dies für sinnvoll hält. Falls ja, stehen den Schülern eine nicht mehr zu überblickende Anzahl Lernapps zur Verfügung: Geo büffeln mit «iSchweiz», Bruchrechnen mit «Mathsapp» oder Franz lernen mit dem «mille feuille»-App: erhältlich im Google Play Store. Vor allem in der Unterstufe sind diese Lernapps beliebt. In der Oberstufe recherchieren die Schüler eher mit Google. «Aber es braucht eben auch die Skills, um zu unterscheiden, was vertrauenswürdig ist und was nicht», sagt Marchand.

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Digitale Aufrüstung geht ins Geld

Die Erziehungsdirektion empfiehlt den Berner Gemeinden, ihre Schülerinnen und Schüler künftig mit mobilen Geräten und die Schulen mit WLAN auszurüsten. Doch jeden Schüler und jede Schülerin ab einer gewissen Stufe mit einem Gerät auszustatten, geht ins Geld. Viele Gemeinden fürchten sich deshalb vor einem massiven Kostenanstieg. Im Worbboden hat sich die Schulleitung deshalb auch aus Kostengründen gegen eine individuelle Lösung entschieden. Statt jedes Kind mit einem eigenen Notebook auszurüsten, setzt die Schule auf «sharing». 150 Geräte, sogenannte Convertibles – halb Tablet, halb Notebook –, werden von den Schülerinnen und Schülern selbstständig ausgeliehen. Mittels Strichcode können die Geräte innert weniger Minuten klassenweise bezogen werden. Der Andrang ist gross, doch bislang reichten die 150 Geräte für die rund 400 Oberstufenschülerinnen und -schüler, wie Marchand versichert. Bislang sei noch kein einziges Gerät weggekommen. Seine Geräte hätten eine Auslastung von 85 Prozent. Das sei sicher mehr als bei einer 1:1-Lösung, sagt Marchand.

Im Kanton Bern sind derzeit viele Gemeinden daran, ihre ICT-Infrastruktur aufzurüsten. Die Stadt Bern will 17 Millionen Franken investieren, Thun bezahlt 5,6 Millionen für eine moderne Schulinformatik, und Muri kauft gerade für 1,5 Millionen iPads und Notebooks. Diese Entwicklung bereitet dem Schulvorsteher von Ostermundigen, Henrik Schoop (FDP), Sorgen. Sein Problem: Finanzstarke Gemeinden können insgesamt mehr Geld für Schulinformatik ausgeben. «In extremen Fällen ist die Chancengleichheit in Gefahr», sagt Schoop. Er kritisiert das Fehlen einer einheitlichen Strategie und die «vagen Vorgaben» der Erziehungsdirektion. Gerade beim obligatorischen Französischlehrmittel stehe geschrieben, dass für jedes Kind ein Gerät benötigt werde, sagt Schoop. Wenn der Kanton digitale Lehrmittel festlege, solle er sich auch an den Kosten der Geräten beteiligen, sagt Schoop.

Vom Dozenten zum Coach

Der technikaffine Marchand ist ein Glücksfall für die Schule Worbboden. Vor allem kleinere Gemeinden sind auf Informatik-Cracks wie ihn angewiesen. Diese kümmern sich gegen ein paar Stellenprozente mehr um die nötige Infrastruktur, holen Offerten ein und geben ihren Kollegen Workshops zu E-Learning. Doch gerade Lehrerinnen und Lehrer, welche selber noch analog unterrichtet wurden, tun sich oft schwer mit den neuen digitalen Möglichkeiten. Viele Schüler sind ihren Lehrern in der Anwendung der Geräte und Apps oftmals überlegen. Und ganz egal, wie viel die Lehrer wissen: Wikipedia, nur zwei Clicks entfernt, weiss meist mehr. Aber um nacktes Wissen geht es in der Schule schon lange nicht mehr. Gefragt ist heute viel eher vernetztes Denken. Wie etwas gelernt wird, ist wichtiger als was genau. Die Digitalisierung führt so zwangsläufig zu einem neuen Lehrerbild: «weg vom Dozenten hin zum Coach», sagt Schulleiter Oliver Rüesch.

Thematisieren statt kontrollieren

An der Wandtafel des Depotraums steht – überraschend altmodisch mit Kreide geschrieben – der «Notebook Codex Worbboden». Der mahnt die Schüler, das persönliche Passwort nicht weiterzugeben oder die eigenen Daten auf der Cloud zu speichern und nicht auf der lokalen Festplatte. Punkt 7 weist die Kinder darauf hin, dass «rassistische, brutale, pornografische und illegale Inhalte» nicht auf den Worbboden gehören. Zwar verfüge das WLAN der Schule über einen Filter, einen kompletten Schutz vor unerwünschten Seiten gebe es aber nie, sagt Rüesch. «Wenn die Kinder Pornos gucken wollen, können sie das sowieso jederzeit auf ihren Smartphones». Die Aufgabe der Schule sei es eher zu thematisieren, «was ist anständig und was nicht?». Rüesch spricht davon, die Lernenden in die digitale Welt zu begleiten. Dazu gehöre es vor allem, sie mit kritischen Fragen zu konfrontieren. «Was geschieht mit meinen privaten Daten? Habe ich die Kontrolle darüber? Wer hat ein Interesse daran und warum?» Da sei die Schule stark gefordert, sagt Rüesch, «immer wieder».

Droht der gläserne Schüler?

Diese «Datenfrage» wird sich künftig noch dringlicher stellen. Dabei geht es insbesondere darum, wer die Kontrolle über die Ausbildungsdaten der Schüler erhält. Heute liegen solche Daten oft noch nicht digital vor und beschränken sich auf Zeugnisnoten und Abschlüsse. Brisant wird es jedoch, wenn es in Zukunft gelingt, diese Daten mit dem persönlichen Verhalten der Kinder im Netz zu verknüpfen. «Jedes Kind, das auf einem Tablet eine Rechenübung löst, ein Buch liest oder ein Game spielt, hinterlässt mit jedem Swipe und Click persönliche Daten», schreiben Ernst Hafen und Mathias Brauchbar in einem kürzlich erschienenen Essay des «Schweizer Monats». Kombiniere man diese Daten mit den Daten, welche auf Online-Lernplattformen erhoben worden seien, entstehe so ein «Bildungsprofil einzelner Personen, das viel präziser ist als der Fünfer im Zeugnis».

Der Bund

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