Keine Begeisterung in Burgdorf

Die Grossräte aus der Region Burgdorf mögen sich nicht am Vorschlag erfreuen, das wegziehende «Tech» durch ein Cleantech-Zentrum zu ersetzen. Sie signalisieren aber leise Bereitschaft, das später nachzuholen.

Auf dem Areal Gsteig in Burgdorf könnte dereinst ein neuer Campus für die Technische Fachschule entstehen.

Auf dem Areal Gsteig in Burgdorf könnte dereinst ein neuer Campus für die Technische Fachschule entstehen.

(Bild: Valérie Chételat)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Ist Burgdorf trotzdem zufrieden? Die Antwort auf diese Frage wird in einem Jahr darüber entscheiden, ob es dem bernischen Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) gelingt, die bestehenden Departemente der Berner Fachhochschule (BFH) auf die Standorte Bern und Biel zu konzentrieren.

Mit ebendiesem Plan ist der Regierungsrat 2012 im Parlament gescheitert – Burgdorf müsse BFH-Standort bleiben, hat der Grosse Rat entschieden. Am Dienstag hat Pulver mehrere Möglichkeiten vorgestellt, wie es in der Standortfrage weitergehen könnte («Bund» vom Mittwoch). Sein Favorit: Die Hochschule der Künste (HKB) und das Departement Wirtschaft, Gesellschaft und Soziale Arbeit (WGS) sollen in Bern bleiben. Dafür soll in Burgdorf ein neues Cleantech-Kompetenzzentrum entstehen, das die BFH zusammen mit der Technischen Fachschule Bern (früher Lehrwerkstätten) betriebe, die nach Burgdorf in einen neuen Campus zöge.

Widmer: «Ich will den Beweis»

Hört man sich bei Politikern aus der Region Emmental-Oberaargau um, wird bald klar: Pulvers Vorschlag wird nicht grundsätzlich abgelehnt, aber die Skepsis ist gross. Am deutlichsten sagt es der ehemalige BDP-Grossrat Dieter Widmer: «Bevor ich die Variante mit einem Cleantech-Kompetenzzentrum in Betracht ziehe, will ich den Beweis, dass Burgdorf als Standort für das Departement WGS weniger geeignet ist als Bern.» Widmer war vor drei Jahren die treibende Kraft hinter dem Beschluss des Grossen Rats, Burgdorf als BFH-Standort beizubehalten. Damals wie heute ging es um regionalpolitische Interessen. In den Vordergrund stellt Widmer nun aber das finanzielle Argument: «Das Departement WGS nach Burgdorf zu verlegen, wäre für den Kanton billiger, als es in Bern zu konzentrieren.»

Widmer bezieht sich auf eine Studie, die die Stadt Burgdorf in Auftrag gegeben hatte. Sie ergab, dass es rund 250 Millionen Franken weniger kosten würde, für die BFH in Biel und Burgdorf einen neuen Campus zu bauen und die HKB in Berner Mietliegenschaften zu lassen als die BFH in Bern und Biel in je ­einem neuen Campus zu konzentrieren. Allerdings: Die HKB in den Mietliegenschaften zu lassen, ist laut den Varianten, die Pulver vorgestellt hat, keine Option. Kosten für einen Neubau in Bern entstünden also in jedem Fall.

Um alle Seiten in die BFH-Standortdiskussion einzubeziehen, hat Erziehungsdirektor Pulver schon vor längerem eine Begleitgruppe ins Leben gerufen. Es ist auffallend, dass die Grossräte, die dieser Gruppe angehören, sich diplomatischer zu Pulvers Vorschlag äussern als die anderen. So spricht etwa die Burgdorfer Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch (SP) von einer «interessanten Option». Und Grossrat Samuel Leuenberger (BDP) sagt: «Ich verschliesse mich keiner Lösung, mit der Burgdorf BFH-Standort bleibt.»

Lüthi: «Kein richtiger Standort»

Deutlicher sagt es Grossrätin Andrea Lüthi (SP), die nicht in der Begleitgruppe sitzt: «Ich bin dankbar, dass es nun eine Auslegeordnung gibt. Aber aus regionalpolitischer Sicht wünsche ich mir natürlich, dass Burgdorf ein richtiger BFH-Standort bleibt.» Im Umkehrschluss: Ohne Departement, dafür mit einem Kompetenzzentrum für Cleantech wäre Burgdorf für Lüthi kein «richtiger» BFH-Standort mehr. «Unter Umständen könnte sich trotzdem eine gute Situation ergeben», sagt sie. Um das beurteilen zu können, müsse sie aber mehr wissen.

Das ist im Moment die Krux: Die Vertreter der Region Burgdorf wollen sicher sein, dass die Technische Fachschule und das Kompetenzzentrum das nach Biel ziehende «Tech» vollständig ersetzen können, bevor sie öffentlich Sympathie für Pulvers Vorschlag bekunden. Diese Sicherheit kann es vorerst aber nicht geben, weil das Kompetenzzentrum noch nicht mehr als eine Idee ist. «Es geht darum, diese Idee jetzt gemeinsam zu entwickeln», sagt Pulver.

Wie viele Studierende und Mitarbeitende dereinst in Burgdorf tätig sein könnten, ist unklar. Einen Anhaltspunkt können die Zahlen der bestehenden Ins­titutionen geben. Die BFH hat in Burgdorf derzeit 188 Vollzeitstellen und gut 700 Bachelor- und Masterstudenten. Die Technische Fachschule in Bern hat 80 Vollzeitstellen und gut 500 Vollzeit-Lernende. Die Grösse des neuen Kompetenzzentrums müsste also der Differenz entsprechen, wenn der Wegzug des «Techs» ganz kompensiert werden soll.

Der Bund

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