Das Autobahnwunder von Biel

Ein breit abgestütztes Bürgerkomitee hat eine Alternative zum umstrittenen Westast der Umfahrung von Biel ausgearbeitet: Halbe Kosten, halbe Bauzeit, keine Enteignungen.

Enteignung wegen A5 Westast: Familie Balmer ist davon betroffen. Die Gegner des Westasts der Autobahn A5 in Biel schlagen eine Alternative vor, die nur halb so viel wie das ursprüngliche Projekt kosten soll.

Enteignung wegen A5 Westast: Familie Balmer ist davon betroffen. Die Gegner des Westasts der Autobahn A5 in Biel schlagen eine Alternative vor, die nur halb so viel wie das ursprüngliche Projekt kosten soll.

Reto Wissmann@RetoWissmann

Haben sie das Ei des Kolumbus gefunden oder versprechen sie das Blaue vom Himmel? Die Eckdaten der Alternative zum umstrittenen Westast der Bieler Autobahnumfahrung, die das Komitee «Westast so nicht!» gestern vorgestellt hat, tönen auf jeden Fall verlockend: Anstatt 2,2 Milliarden Franken soll ihre Variante nur die Hälfte kosten. Statt 20 müsste nur 10 Jahre lang gebaut werden. Die 745 Bäume und 74 Häuser im Bauperimeter könnten stehen bleiben. Offene Autobahnabschnitte mitten im Stadtzentrum würden vermieden. Und die 600 000 Lastwagenfahrten in der Innenstadt wären auch nicht nötig.

So viel steht fest: Hinter der Variante stehen keine Scharlatane. Das Komitee wurde vor zwei Jahren gegründet und zählt unterdessen über 1700 Mitglieder. Zur Arbeitsgruppe, die das Alternativprojekt erarbeitet hat, gehören renommierte Architekten und Planungsfachleute. Beigezogen wurde zudem Bauingenieur Martin Gysel, der unter anderem massgeblich am Zimmerberg-Tunnel der SBB oder an der Zürcher Durchmesserlinie beteiligt war.

Doch wie will das Komitee, das unterdessen zu einer ernst zu nehmenden politischen Kraft geworden ist, das Autobahnwunder von Biel konkret bewirken? Grosse Teile der bereits bis zur Ausführungsreife geplanten Westumfahrung sollen gar nicht angetastet werden. Der Vingelztunnel zur Entlastung des Bieler Vororts am linken Seeufer sowie der Porttunnel als Zubringer vom rechten Ufer seien sinnvoll, betonte Lars Mischkulnig vom Komitee-Vorstand. Streichen wolle man hingegen die Anschlüsse Bienne Centre und Seevorstadt. Diese riesigen Ein- und Ausfahrtsbauwerke seien es, die städtebaulich unverträglich seien. So ist für den Anschluss Bienne Centre ein 270 Meter langer und 45 Meter breiter offener Graben direkt hinter dem Bahnhof nötig.

Der Verzicht auf die Anschlüsse mache es möglich, anstelle einer im Tagbau erstellten und anschliessend wieder überdeckten Autobahn mitten durch die Stadt einen bergmännischen Tunnel von der Verzweigung Biel Süd bis zum Vingelztunnel zu graben. An der Oberfläche würde sich dadurch praktisch nichts verändern. Die bestehenden Strassen sollen zum «Rückgrat des Lokalverkehrs» und zu Zubringern der Autobahn ausgebaut werden.

Entlastung ohne Anschlüsse?

Die grosse Frage bei der Prüfung der Variante wird sein, ob die Stadt auch ohne die zwei Anschlüsse vom Verkehr entlastet werden kann. Beim Komitee geht man davon aus, dass die Entlastung mindestens ebenso gross sein wird wie beim Projekt von Bund und Kanton. «Autobahnanschlüsse pumpen auch zusätzlichen Verkehr in die Stadt», sagt Lars Mischkulnig. Er fordert im Namen «eines grossen Teils der Bielerinnen und Bieler» einen Marschhalt und eine Prüfung der Alternative durch den Kanton.

Die Behörden äussern sich zurückhaltend zu den Forderungen des Komitees: «Wenn eine Alternative die gleichen verkehrlichen Vorteile bringt, sollte sie genauer angeschaut werden», sagt der Bieler Stadtpräsident Erich Fehr (SP). Ob die Variante des Komitees diese Voraussetzung erfülle, werde man prüfen. Auch in Nidau müsse man den Vorschlag erst genau anschauen, um sich eine Meinung bilden zu können, sagt Stadtpräsidentin Sandra Hess (FDP). Die kantonale Baudirektion als Bauherrin wollte sich gestern gar nicht äussern.

Eine klare Haltung vertritt hingegen das Komitee Pro A-5-Westast: «Die vorgeschlagene Alternative bietet keinen gangbaren Weg, die Verkehrsprobleme unserer Region zu lösen.» Die Westast-Befürworter befürchten zudem, dass mit einer weiteren Neuplanung das ganze Projekt gefährdet werde. Und: Die Variante ohne Anschlüsse sei bereits vor fünf Jahren von der Arbeitsgruppe unter dem damaligen Stadtpräsidenten Hans Stöckli (SP) geprüft und als «nicht zielführend» beurteilt worden.

Der Bund

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