Kein Ort zum Wohnen

Das Areal des Coop-Verteilzentrums Bern-Riedbach ist unwirtlich. Quartiervertreter kritisieren deshalb den Standort. Hans-Jürg Käser verteidigt das Vorgehen, er bereite sich auf Notlagen vor.

Hinter diesem Zaun befindet sich der Eingang zur Zivilschutzanlage des Coop-Verteilzentrums Bern-Riedbach, wo künftig Asylsuchende leben werden.

Hinter diesem Zaun befindet sich der Eingang zur Zivilschutzanlage des Coop-Verteilzentrums Bern-Riedbach, wo künftig Asylsuchende leben werden. Bild: Adrian Moser

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Eingeklemmt zwischen der Strasse und der Eisenbahn liegt das Coop-Verteilzentrum Bern-Riedbach. Es liegt am Ende der Stadt, wo die Recyclingfirma Resag vor einem Jahr ihr neues Werk einweihte und die BLS ihre Werkstätte bauen möchte. Ein robuster Zaun umgibt das Areal. Der Zutritt auf das Gelände ist laut Migrationsdienst des Kantons Bern zum jetzigen Zeitpunkt nicht erlaubt. Auch Coop will die Zivilschutzanlage nicht zeigen, da diese nun vermietet sei. Es bleibt der Blick von aussen: Eine Einöde aus Beton, eine kreisförmige Auffahrt in ein mehrstöckiges Parkhaus, ab und zu ­verlässt ein Lastwagen brummend das Areal. Zu sehen ist keine Menschenseele.

«Der Ort ist nicht einladend», sagt Bernardo Albisetti, Präsident der Quartierkommission Bümpliz-Bethlehem (QQB). Als Asylunterkunft findet er das Areal «schlichtweg ungeeignet.» Die Aufgabe der Betreiber, den Bewohnern in diesem Umfeld eine menschengerechte Tagesstruktur zu bieten, sei äusserst anspruchsvoll. «Fraglich ist zudem, ob die Nutzung überhaupt zonenkonform ist.»

Gefragt wurde die Quartierkommission so wenig wie die Stadt. Albisetti geht aber nicht davon aus, dass sich das QQB grundsätzlich gegen die Asylunterkunft stellen wird. Denn die Quartierkommission sei bereit, öffentliche Probleme lösen zu helfen. Es dürfe aber nicht der Eindruck entstehen, dass alles, was im Rest der Stadt keinen Platz findet, nach Westen komme. «Lösungen, die sich aufgrund der Platzverhältnisse im Westen einfach realisieren lassen, sind nicht immer die besten», sagt Albisetti.

Auf der anderen Seite der Strassenkreuzung liegt das Westside. Das Shoppingcenter dürfte von den Asylsuchenden rasch als Ort entdeckt werden, um sich die Zeit zu vertreiben. Zumal das Westside für sie wohl auch die nächste Einkaufsmöglichkeit sein dürfte. Den Standort des neuen Asylzentrums habe man zur Kenntnis genommen, sagt Andrea Bauer, Sprecherin Genossenschaft Migros Aare.

«Für die Migros Aare ist das oberste Gebot, dass sich die Kunden wohl und sicher fühlen», sagt sie. Intervenieren musste das Westside bisher bei Problemen mit Jugendlichen. Dabei wurde die Hilfe der Gasseninterventionstruppe Pinto beigezogen.

Hans-Jürg Käsers Replik

Scharf kritisiert wurde der Entscheid des Kantons, in Bern-Brünnen eine neue, unterirdische Notunterkunft zu eröffnen, vom Stadtberner Gemeinderat. Sozialdirektorin Franziska Teuscher (GB) sprach gar von einem «Affront».

In einer Replik legte gestern Regierungsrat Hans-Jürg Käser (FDP) seine Sicht der Dinge dar. Käser argumentiert, die Polizei- und Militärdirektion komme nicht umhin, «jede für Asylsuchende geeignete Unterkunft in Betrieb zu nehmen oder dafür vorzusehen». Sie stehe nicht nur mit Gemeinden im Kontakt, sondern prüfe auch die Angebote Privater. Bei privaten Anbietern gelte: «Solange nicht alle Details geregelt sind und ein unterzeichneter Vertrag vorliegt, werden keine Informationen bekannt gegeben.»

Damit erklärt Käser, warum auch die Stadt Bern, erst am 23. Mai – sofort nach der Vertragsunterzeichnung – über die neue Unterkunft im Coop-Verteilzentrum informiert worden sei. Käser sagt, eine Anlage innerhalb eines Verteilzentrums sei «eine nicht zu unterschätzende Angelegenheit». Dem Kanton sei es darum erst nach Klärung aller Fragen möglich gewesen, die Öffentlichkeit zu orientieren. Obwohl sich die Anlage in einem Industriegebiet befinde, werde übrigens ein runder Tisch organisiert: «Dadurch können allfällige Anliegen aufgenommen werden.»

Prognose: Plus 5500 Plätze nötig

Weiter betont Käser, man habe sich «auf allen Stufen» auf eine Notlage im Asylbereich vorzubereiten: «Die Prognose und die Entwicklung in den Konfliktregionen und entlang der Migrationsrouten bleiben nach wie vor schwierig abzuschätzen.» Die fürs Jahr 2016 geschätzten mindestens 40'000 neuen Asylgesuchen führten dazu, dass dem Kanton Bern mindestens 5500 Asylsuchende neu zugewiesen werden. Der Kanton Bern verfolge zwei Absichten: Einerseits «die Ausplatzierung in die zweite Phase zu intensivieren», also Wohnungen für Flüchtlinge zu finden.

Andererseits sei aber auch die Schaffung von weiteren neuen Kollektivunterkünften notwendig. Dabei unterstreicht Käser: «Die Polizei- und Militärdirektion bevorzugt ebenfalls oberirdische Unterkünfte. Sie kann jedoch zurzeit nicht auf die Nutzung von Zivilschutzanlagen als Asylunterkünfte verzichten.»

Für Fragen aus Bevölkerung zur Unterkunft Bern-Riedbach ist eine Hotline – 031 302 13 38 – in Betrieb. (Der Bund)

Erstellt: 01.06.2016, 07:41 Uhr

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