Jetzt brauchts Geld für Gostelis Erbe

Dem Archiv der Schweizer Frauenbewegung geht das Geld aus. Ein Schweizer Spielfilm half dabei, dass nun auf Bundesebene für die Erhaltung der Berner Gosteli-Stiftung gekämpft wird.

97 Nationalräte verlangen vom Bundesrat, dass er das von Silvia Bühler geleitete Gosteli-Archiv unterstützt.

97 Nationalräte verlangen vom Bundesrat, dass er das von Silvia Bühler geleitete Gosteli-Archiv unterstützt. Bild: Adrian Moser

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Die Zukunft der Gosteli-Stiftung ist gefährdet. «Uns geht das Geld aus», sagt Silvia Bühler, Leiterin des in Worblaufen beheimateten Archivs. Die Stiftung, welche das Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung betreut, erhält bisher keine finanziellen Mittel durch die öffentliche Hand und stellt den Betrieb durch Spenden und eigene Mittel sicher. Zwar hat die Berner Burgergemeinde im März den mit 100'000 Franken dotierten Kulturpreis an die Stiftung ausgerichtet, doch das ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Der jährliche Aufwand für die ganze Institution betrage rund 250'000 Franken, sagt Bühler. «Ende 2016 verfügten wir noch über 360'000 Franken. Jährlich schrumpft das von Marthe Gosteli eingebrachte Vermögen aber um etwa 120'000 Franken». Ohne Hilfe könnten sie noch etwa zwei Jahre überleben.

Fünf Vorstösse im Nationalrat

Die Stiftung erhält nun Unterstützung auf verschiedenen politischen Ebenen. Nach dem Filmbesuch «Die göttliche Ordnung» wollte die Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer (SP) vom Bundesrat wissen, ob er nicht der Meinung sei, dass der Weiterbestand des Archivs gesichert werden müsse. Sie hatte erfahren, dass die Regisseurin Petra Volpe sich für ihren Spielfilm über die Einführung des Frauenstimmrechts im Gosteli-Archiv inspirieren liess – die Sammlung in Worblaufen aber um den Fortbestand bangt. Die Antwort des Bundesrats fiel wohlwollend aus: Es bestehe kein Zweifel daran, dass das Archiv eine wichtige Dokumentation zu einem der bedeutendsten Aspekte der politischen und sozialen Geschichte der Schweiz seit dem frühen 20. Jahrhundert darstelle, schrieb er in seiner Antwort im März. Ohne genauere Angaben zu den konkreten Bedürfnissen sei es aber nicht möglich, abschliessend Stellung zu nehmen.

Das ermutigte fünf Nationalrätinnen unterschiedlicher Parteien, den Bundesrat in einem Postulat aufzufordern, den Fortbestand des Gosteli-Archivs zu sichern – zusammen mit dem Kanton Bern und allenfalls anderen Partnern. Fast 100 Nationalräte haben das Anliegen mitunterzeichnet.

Auch die Berner GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy setzt sich für die Gosteli-Stiftung ein: «Es kann nicht sein, dass die Geschichte der Männer in staatlichen Archiven untergebracht ist, während jene der Frauen privat finanziert werden muss», sagt sie. Aktiv werden will ebenfalls Doris Fiala (FDP): «Ich werde mich bemühen eine Stiftung zu finden, welche das Archiv unterstützt», sagt Fiala auf Anfrage. Bleibe diese Suche erfolglos, werde sie sich dafür einsetzen, dass der Bund einspringe. «Die Geschichte der Gleichberechtigung ist eine gesamtschweizerische und kann nicht auf den Kanton Bern abgeschoben werden», sagt Fiala. Es sei wichtig, dass man für die kommenden Generationen die wichtigen Zeitdokumente erhalte. Das im Wortlaut gleiche Postulat eingereicht haben auch Maya Graf (Grüne) und Barbara Schmid-Federer (CVP).

Auch auf kantonaler Ebene ist im März ein Vorstoss für die Unterstützung des Archivs eingereicht worden. Stiftungsrat und Grossrat Beat Giauque (FDP) möchte den Regierungsrat beauftragen, dass er das Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung als Kulturgut von nationaler Bedeutung anerkennt und Bund und Kanton jährlich einen Betrag von je 100'000 Franken an die Institution überweisen. «Der Kanton zeigt wenig Interesse, wenn der Bund nicht mitfinanziert – und umgekehrt», sagt Giauque. Dass der Kanton wieder sparen müsse, erschwere die Sache zusätzlich. «Die wiederkehrende finanzielle Unterstützung ist wichtig, damit das Archiv nicht aufgelöst wird oder etwa in einen anderen Kanton abwandert», sagt Giauque.

Um die Zukunft des Gosteli-Archivs sorgt sich weiter der Verband der Schweizer Akademikerinnen: «Wir begrüssen die Vorstösse und hoffen, dass sich das Parlament der Sache annimmt», so Vereinspräsidentin Doris Boscardin. Gleichzeitig will der Verband selbst Geld fliessen lassen: «Wir werden uns mit einer Jahrespauschale von 700 Franken beteiligen.» Sie möchte weitere Frauenverbände ermutigen, nach Möglichkeit das Gleiche zu tun. «Die Akten unseres Verbandes zählen 18 Laufmeter, es ist uns ein Anliegen, dass diese sicher und professionell aufbewahrt werden.»

Berset solls richten

Über die breite Unterstützung freut sich Silvia Bühler: «Unser Ziel ist es, das Archiv im Sinn von Marthe Gosteli am jetzigen Standort unabhängig und neutral weiterzuführen.» Anfangs April haben sich verschiedene Vertreter der Stiftung mit dem Bundesarchivar Andreas Kellerhals getroffen, um sich über mögliche Fördertöpfe beim Bund informieren zu lassen. Vor drei Jahren hatte die Stiftung vom Bundesamt für Kultur noch eine Absage erhalten. Es gebe keine gesetzliche Grundlage, das Archiv zu unterstützen, hiess es damals. Auch 1992 entschied sich der Bundesrat gegen einen Bundesbeitrag. Leutenegger Oberholzer ist zuversichtlich, dass es dieses Jahr aber klappen könnte: «Bundesrat Alain Berset weiss von der Wichtigkeit dieser Institution – zudem hat er auch den Film gesehen.» (Der Bund)

Erstellt: 27.05.2017, 08:07 Uhr

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