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Ist das Trinkwasser gefährdet?

Die Revitalisierung beim Muribad und die Verlegung des Aarewegs berge zu grosse Risiken für das Trinkwasser, sagt der Geologe Hans Rudolf Keusen. Der Kanton hält die Befürchtung für unbegründet.

Die geplante Revitalisierung sei nicht mit dem Schutz des Trinkwassers vereinbar, sagt der Geologe Hans Rudolf Keusen.
Die geplante Revitalisierung sei nicht mit dem Schutz des Trinkwassers vereinbar, sagt der Geologe Hans Rudolf Keusen.
Franziska Rothenbühler

Gegen die Verlegung des Aarewegs in Muri werden emotionale Argumente vorgebracht: Es ist doch schön so, wie es ist, wir spazieren immer hier am Ufer entlang, früher lagen wir auf den Sporen und Buhnen in der Sonne und gingen in der Aare baden. Oder man stösst ins Reich der Mutmassungen vor: Die heute bestehende Gonzenbachgiesse ist ein ökologisch wertvolles Habitat, ein ungestörtes Kleinod, das zerstört würde, wenn die Aare dort hindurchflösse und ein neuer Weg dem Hang entlang gebaut würde. Der Lebensraum würde nicht zerstört, kontern die Befürworter, durch die Renaturierung könne vielmehr ein neues Biotop entstehen, das der Fauna und Flora zahlreiche Möglichkeiten zur Entfaltung biete. Was denn nun ökologischer wäre, bleibt ein Streitfall.

Projekt liegt in der Schutzzone

Die Gegner der Verlegung führen neben Naherholung und Ökologie jedoch noch ein weiteres Argument ins Feld: Es sei gar nicht möglich, der Aare an diesem Ort mehr Raum zu geben, weil ein Teil der engeren Schutzzone 2 der Trinkwasserfassung Wehrliau zum neuen Flussbett würde und so durchbrochen wäre. Diese Schutzzone reicht praktisch bis vor die Tore des Muribads. «Es besteht der Grundsatz, dass eine Revitalisierung in der Schutzzone 2 unzulässig ist», sagt der Geologe Hans Rudolf Keusen, der während über 30 Jahren als Geschäftsleiter und Verwaltungsrat der Firma Geotest in Zollikofen tätig war. Keusen unterstützt die Anliegen der Petitionäre, welche den bestehenden Weg erhalten wollen. Die Petition war von über 3400 Personen unterschrieben worden.

Keusen sagt, es handle sich um die «offizielle Doktrin», die im Rahmen der Wasser-Agenda 21 mit Unterstützung des Bundesamts für Umwelt (Bafu) für Fachleute erarbeitet und auf einem Faktenblatt festgehalten worden sei. Der Kanton Zürich etwa plane nach diesen Grundsätzen.

Die engere Schutzzone muss so bemessen sein, dass das Wasser während zehn Tagen im Boden verbleibt und auf natürliche Weise gefiltert wird, bevor es gefasst wird. Von dieser Verweildauer hängt die Qualität des Trinkwassers ab. Die Schutzzone könnte nur dann reduziert werden, wenn eine Gefährdung des Grundwassers ausgeschlossen wäre. Laut Keusen ist dies in Muri aber nicht der Fall. «Für die Revitalisierung müsste die Schutzzone stark verkleinert werden, dadurch würde die Grundwasserqualität beeinträchtigt.» Die Schutzzone soll vor allem sicherstellen, dass keine krankheitserregenden Mikroorganismen ins Trinkwasser gelangen. Der Kanton stellt sich auf den Standpunkt, dass die geplante Aufweitung bereits seit 2012 bewilligt sei. Aus Pumpversuchen und Abklärungen habe sich ergeben, dass durch das Projekt keine Beeinträchtigung der Trinkwasserfassung zu erwarten sei. Eine «neue Durchströmung» des Gebiets sei sogar positiv zu bewerten, heisst es in einer schriftlichen Stellungnahme der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion BVE.

«Direkt aus dem Lehrbuch»

«Auf diesem kurzen Abschnitt bringt die Revitalisierung nicht viel für den Hochwasserschutz. Warum also dafür die intakte Trinkwasserfassung aufs Spiel setzen?», fragt Keusen dagegen. Ein wichtiges Kriterium sei die Standortgebundenheit. Es wäre schwierig bis unmöglich, eine Trinkwasserfassung an einem anderen Ort in der Gemeinde Muri zu realisieren; zudem wäre dies mit beträchtlichen Kosten verbunden. Die Revitalisierung dagegen sei deutlich weniger stark an den Standort gebunden, sagt Keusen. Da Klimatologen von einer zunehmenden Trockenheit in der Schweiz ausgingen, verfüge man nicht für immer über Trinkwasser im Überfluss.

«Es braucht dringend eine genaue Abwägung, ob der Auenschutz wirklich dem Trinkwasserschutz vorgehen soll», sagt Keusen. Unterdessen solle die Erosion zum Beispiel mit Bäumen, die in die Strömung gelegt werden, verlangsamt werden, um Zeit zu gewinnen. Für den Geologen könnte die Entwicklung bei Muri «direkt aus dem Lehrbuch» stammen. Durch die Aufweitung des Flusses und die Entfernung der Buhnen und Sporen verringerte sich die Fliessgeschwindigkeit der Aare: Auf der Seite von Kehrsatz lagerte sich Kies ab, das eine mächtige und lange Bank bildet. Das Wasser strömt deshalb verstärkt gegen das Ufer auf der Seite von Muri, gräbt dort eine tiefe Rinne und unterspült das Ufer: Ein Mäander entsteht. Durch die Erosion wird der bestehende Uferweg auf dem Damm über kurz oder lang weggespült.

Doch es gibt dort nur wenig Platz für eine solche Flussbiegung: Sicher müsste auch der Parkplatz mit einer Verbauung, zum Beispiel aus Blocksteinen, geschützt werden, sagt Keusen. Bei Hochwasser würden sonst nicht nur der Parkplatz, sondern auch die angrenzende Trinkwasserfassung überschwemmt. «Die Aufgabe des äusseren Dammes mit dem Aareweg würde mit grosser Wahrscheinlichkeit das Problem vergrössern, statt es zu beheben.»

Der Kanton bestätigt, dass eine Verstärkung des Damms beim Parkplatz nötig wäre. Eine ähnliche Verbauung einige Dutzend Meter aareaufwärts ist aber nach Ansicht der BVE nicht möglich: In diesem Abschnitt «stehen dem Auengebiet von nationalem Interesse keine gleichwertigen Interessen entgegen, welche eine Interessenabwägung zulassen würden». Denkbar sei jedoch, den Weg auf einem Steg zu führen, statt ihn zu verlegen.

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