In sechs Jahren hat Bern einen Stadtteil Ostermundigen

2024 könnten die ersten gemeinsamen Wahlen von Bern und Ostermundigen stattfinden. Vorerst soll eine Studie die Vor- und Nachteile der Fusion aufzeigen.

Das Berner Wappen klebt schon drauf, doch noch ist Ostermundigen eine eigene Gemeinde. Bald könnte sich das aber ändern.

Das Berner Wappen klebt schon drauf, doch noch ist Ostermundigen eine eigene Gemeinde. Bald könnte sich das aber ändern.

(Bild: Manuel Zingg)

Naomi Jones

Lauter neue Gesichter im Berner Rathaus. Weil ihr übliches Sitzungslokal anderweitig besetzt war, hielten die Ostermundiger Parlamentarier ihre letzte Sitzung des Jahres am Donnerstagabend in Bern ab und probten gewissermassen, wie sich die Sitze im Stadtparlament anfühlen.

Doch bis die ersten Ostermundiger Politiker regelmässig hier sitzen, ist viel Arbeit nötig. Thomas Iten (parteilos), Gemeindepräsident von Ostermundigen, und der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) präsentierten im Rathaus die nächsten Schritte in Sachen Fusion. Ihr Zeitplan ist ambitioniert. Schon im Sommer 2023 sollen Berner und Bernerinnen sowie Ostermundigerinnen und Ostermundiger über den Fusionsvertrag befinden können. Bereits für 2024 sind die ersten gemeinsamen Wahlen geplant.

Ursprünglich wollte der Ostermundiger Gemeindepräsident Thomas Iten eine Konsultativabstimmung durchführen, um herauszufinden, ob die Bevölkerung an einer Fusion auch wirklich interessiert ist. Diese Idee hat er nun aber verworfen. «Unsere Gemeindeordnung sieht das gar nicht vor», erklärt er. Stattdessen hätten der Gemeinderat zusammen mit dem Gemeinderat der Stadt Bern «das Mustervorgehen bei Fusionen» gewählt.

Im Verhältnis 7:1

Das heisst: Als erstes wollen die beiden Gemeinden eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben. Dazu wird der Berner Gemeinderat dem Stadtrat einen Kredit von 430 000 Franken beantragen. Ostermundigen will zusätzliche 60 000 Franken beitragen. Diesen Betrag kann der Ostermundiger Gemeinderat aber selbst beschliessen. Die Kosten der Studie sollen entsprechend der Einwohnerstärke der Gemeinden aufgeteilt werden, also im Verhältnis sieben zu eins.

Eine knappe halbe Million Franken scheint ein sehr hoher Betrag für eine Studie zu sein. Laut Thomas Scherer von der Luzerner Stadtverwaltung kostete eine ähnliche Studie der Universität Bern zur Fusion mit der Gemeinde Littau vor 15 Jahren rund 100 000 Franken. Zur Berner Studie sollen aber auch verschiedene Anlässe gehören, die der Bevölkerung die Möglichkeit geben, ihre Ideen zur Fusion einzubringen, wie Iten sagt.

Die Studie solle aufzeigen, wie die fusionierte Gemeinde politisch organisiert werden kann, sagt er. Also zum Beispiel ob Wahlkreise sinnvoll seien, oder ob die politische Vertretung der Ostermundiger in der fusionierten Stadt auf andere Art sichergestellt werden könne. Natürlich solle sie die finanziellen Auswirkungen auf die beiden Gemeinden berechnen. Und schliesslich müsse sie auch die Frage beantworten, was mit den rund 200 Angestellten der Gemeinde Ostermundigen geschehen würde. «Aber der Fragenkatalog ist noch viel länger und noch lange nicht fertig», sagt Iten.

Die Studie der Universität Bern zur Fusion Luzern und Littau zeigte auf, wie sich die Fusion auf die Organisation, die Finanzen und die Politik der Gemeinden auswirkten. Sie untersuchte zudem welche Auswirkungen die Fusion auf den Verkehr, die Wirtschaft und die Raumplanung haben würde. Zur Untersuchung gehörten auch immaterielle Auswirkungen wie das Image der Gemeinden und rechtliche Aspekte. Für jeden Punkt zeigten die Wissenschaftler auf, welche Vor- und Nachteile die Fusion für die Bevölkerung hätte. In der Summe legte die Studie dar, dass die Fusion machbar war und für die Bevölkerung vor allem positive Auswirkungen hatte.

Auch der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried will eine umfassende Studie. Sie habe aber nicht die Fusion zum Ziel, sonder solle ergebnisoffen eine verbesserte Zusammenarbeit aufzeigen. «Das kann am Schluss die Fusion sein.» Dabei müssten auch Innovationsprojekte wie etwa die Digitalisierung der Verwaltung geprüft werden. Die Fusion von Bern und Ostermundigen wäre die grösste Gemeindefusion im Kanton Bern. «Eine solche Studie kann man nicht einfach aus der Schublade ziehen», sagt von Graffenried. Darum habe man in die Kostenschätzung alle möglichen Eventualitäten einbezogen.

Stadtrat soll sich äussern

Die grosszügige Kostenschätzung hat aber noch einen andern Grund, wie von Graffenried sagt. «Wir wollen den Berner Stadtrat einbeziehen.» Dieser wird Ende Februar oder Anfang März über den Kredit befinden. Der Stadtpräsident ist zuversichtlich, dass der Stadtrat den Kredit bewilligen wird. Verschiedene zum Teil überparteiliche Vorstösse aus dem Stadtparlament signalisierten eine grundsätzliche Offenheit für das Thema.

Und was wäre, wenn der Berner Stadtrat den Kredit doch nicht bewilligen würde? Dann müsste der Ostermundiger Gemeinderat gemäss dem überwiesenen Vorstoss der FDP die vertiefte Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden prüfen und zwar bis hin zur Fusion.


Zwischen Bern und Ostermundigen herrscht Tauwetter: Eine Fusion scheint plötzlich wieder möglich. Was halten Sie von Fusionen im Raum Bern? Diskutieren Sie mit im Stadtgespräch.
stadtgespraech.derbund.ch

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt