Im Grauholz tanken die wenigsten nur Benzin

2-3 Uhr: Nachtchauffeure machen Pause, ein Zeitungslieferant wartet auf Zeitungen, und Jugendliche schauen sich «geile Autos» an. Ein Augenschein.

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Naomi Jones
Gianna Blum

Es ist zwei Uhr nachts, doch an der Autobahnraststätte Grauholz ist noch viel los. Der Migrolino-Tankstellenshop in Fahrtrichtung Zürich ist hell beleuchtet. Drinnen werden Schinkengipfeli, Benzin und Kaffee verkauft, draussen stehen rauchende und plaudernde Menschen. Eine Stunde auf der Raststätte.

Grauholz–Österreich: 600 km

Nur der Bildschirm seines Laptops beleuchtet Stephan Milletich, der sich an einen Tisch des geschlossenen Restaurants ins Dunkle gesetzt hat. Bloss wenn ein Auto vorbeifährt, wird es etwas heller, weil die Strassenlampen mit einem Bewegungssensor ausgestattet sind. Milletich lebt in Österreich. In der Schweiz ist er unterwegs, um in einer Bäckerei eine Lebensmittelkontrolle durchzuführen. Nun ist er sechzig Kilometer weit durch die Nacht gefahren, um ein geöffnetes Lokal zu finden. «In der Schweiz kann man sich im Gegensatz zu Österreich nachts ja nirgends reinsetzen», sagt er mit breitem österreichischem Akzent. Am Nachmittag hat er noch ein paar Stunden in einem Hotel bei seinem Einsatzort geschlafen, bald muss er zurück, um seine Arbeit zu beginnen.

Grauholz–Conthey: 155 km

Carlos Barnabe und André Luc sind Freunde. Die beiden welschen Walliser sind Nachtchauffeure. In dieser Nacht sind sie vom Wallis nach Kölliken gefahren und nun auf dem Rückweg. An der Tankstelle Grauholz treffen sie sich, um ein bisschen zu plaudern und eine Pause zu machen. Ihre Schicht hat um sieben Uhr abends begonnen. Sie liefern, was auch immer ihre Firma per express zustellt. «Einmal musste ich Bienen transportieren», erzählt Luc. «Da war ich eine Nacht lang wie auf Kohlen.»

Er habe einen kleinen Sohn, sagt André Luc. Eineinhalb Jahre alt sei der Kleine. Jedes Mal, wenn er ihn sehe, sei der Junge wieder gewachsen. «Manchmal kommt er morgens und versucht mich zu wecken» sagt Luc und drückt sein Kind nachahmend mit den Fingern auf seine Augen.

Die Nachtarbeit sei für das Sozialleben eine Herausforderung, sagt auch sein Freund Carlos Barnabe, eine Bifi-Salami in der Hand und das Headset noch im Ohr. «On vit à l’envers de tout le monde», sagt er, man lebe umgekehrt zum Rest der Welt. Barnabe lacht über die Frage, ob er auch mal in die Stadt Bern reingehe. «Ich fahre seit 10 Jahren an ihr vorbei», sagt er. «Reicht das nicht?»

Grauholz–Yverdon: 80 km

Am Ende des Parkplatzes sitzt ein Mann im Halbdunkel und wartet. Neben ihm ein weisser Lieferwagen mit der Aufschrift «International Press». Philippe Steiner liefert die Zeitung «L’agefi» nach Lausanne und Genf aus. Um Mitternacht ist er von zu Hause losgefahren. Heute hat sein Lieferant Verspätung. Über eine Stunde nach dem verabredeten Empfangstermin sind immer noch keine Zeitschriften in Sicht. Steiner nimmt es gelassen. «Vielleicht ein Problem mit der Druckerei», sagt der Romand. An fünf Nächten die Woche macht er die Fahrt ins Grauholz. Früher sei er Polizist gewesen, sagt er, «irgendwann hatte ich aber die Nase voll von den ständig wechselnden Vorgesetzten». Kennt er sich als ehemaliger Polizist also mit all den autobahntechnischen Rechtsfragen und ihren Schlupflöchern aus? Steiner grinst breit und zwinkert. «Aber sicher doch!»

Grauholz–Studen: 30 km

Vor dem Tankstellenshop sitzt eine Gruppe Jugendlicher auf dem Randstein. Vor ihnen ist ein tiefgelegtes schwarzes Auto parkiert, dessen Vordertüren weit offen stehen. Zum Tanken sind sie nicht hier. Sie rauchen, reden, werfen sich in Pose. Mik, Chloe, Sascha und Lara sind zwischen 15 und 20 Jahre alt und stammen aus Aegerten, Studen und Umgebung. «Wir fahren einfach rum», sagt Lara, die Jüngste in der Runde. «Manchmal nur bis um elf, manchmal die ganze Nacht.» Sie lacht schüchtern, auch dann, als Sascha sie anschreit, sie habe seine Schuhe mit ihrem Getränk bekleckert. «Das putzt du mir, du Bitch!» Laras Freundin Chloe verdreht die Augen, während Sascha weiterredet, als wäre nichts geschehen. «In der Stadt ist es langweilig», sagt er, Zigarette in der rechten, Energy-Drink in der linken Hand, die Tankstelle sei lustiger. «Hier sieht man geile Autos und trifft Kollegen.»

Grauholz–Müntschemier: 27 km

Drinnen vor der Bäckereitheke wartet ein junger Punk in kurzen Hosen und Lederstiefeln und mit tätowierten Armen darauf, bedient zu werden. Er kauft ein paar Arbeitshandschuhe, weil er seine zu Hause vergessen hat. Sebastian Wöhlert ist Lastwagenführer aus Müntschemier. Auch er fährt seine Ware immer nachts aus. Heute fährt er nach Basel, gestern war er im Wallis. Er sei froh um den Tankstellenshop im Grauholz, sagt er. Anders als in der Ostschweiz gebe es hier weit herum keinen anderen, der die ganze Nacht offen sei.

Grauholz–Bern: 3 km

«Die Nacht ist eine Welt für sich», sagt einer der beiden Polizisten, die neben ihrem Streifenwagen vor dem Shop stehen. Im Blickfeld haben sie die Jugendlichen. «Die Tankstelle ist das beste Beispiel. Wenn man zehn Minuten hier steht, sieht man alles Mögliche.» Einer der beiden ist eigentlich Autobahnpolizist. Etwa sechs Nächte im Monat müsse er unterwegs sein, sagt er. In dieser Nacht sind die beiden Männer in Uniform allerdings nicht auf Streife, sondern auf dem Rückweg von einem Einsatz in der Stadt. Worum es ging, wollen sie nicht sagen. «Da müssen Sie mit der Medienstelle reden.» Am Grauholz haben sie haltgemacht, um sich zu verpflegen.

Grauholz–Ittigen: 0 km

Louan Halili arbeitet seit einem Jahr als Tankstellenassistent im Migrolino-Shop. Mit einem Staubsauger reinigt er den Boden des Ladens, bevor er ihn mit einem feuchten Lappen aufwischt. Halili arbeitet jeweils einen Monat lang in der Nachtschicht von halb elf Uhr bis Viertel vor sieben am nächsten Morgen. «Am Wochenende läuft hier viel», sagt Halili. «Da haben wir keine ruhige Minute.» Jetzt sei es ruhig, meint er, und blickt zu den vier Kunden, die gerade im Laden sind. Von draussen hört man das Gelächter der Jugendlichen.

An der Kasse steht Walter Bieri, der zweite von drei Tankstellenassistenten in dieser Nacht. Auch er arbeitet nur nachts, im Schnitt allerdings nur eine Nacht pro Woche. Bieri ist eigentlich pensioniert. «Ich war immer Tankwart», sagt er. 1964 habe er seine Lehre auf einer Tankstelle gemacht. Im Grauholz stehe er meist an der Kasse. Die Tankstelle ist nicht bedient. Die Autofahrer kommen bloss in den Laden, um die Tankfüllung zu bezahlen.

«In der Nacht machen wir alles», sagt Janine Hüsgen. Die junge Deutsche ist heute für die Bäckereitheke zuständig. Sie sorgt dafür, dass immer frische Backwaren in der Auslage liegen. Sie hat Chirurgenhandschuhe angezogen und legt kleine Laugenzöpfchen auf ein Backblech zum Aufbacken. Danach wird sie die Gipfeli vorbereiten. Ab 3.30 Uhr finden die Kunden frische Gipfeli im Laden. Um 4 Uhr wird Hüsgen die Sandwiches für den Tag streichen. Dazwischen bedient sie Kunden und putzt Tischchen. «In der Nacht sind die Kunden anders: weniger gestresst», sagt sie. Deshalb möge sie die Nachtschicht.

In dieser Nacht sind an der Tankstelle Grauholz vor allem Berufsleute unterwegs: die Chauffeure, die Polizisten, der Zeitungslieferant. Am Wochenende kämen dagegen vor allem junge Erwachsene, die im Ausgang seien, sagt Hüsgen. Obwohl es draussen immer wieder Schlägereien gebe, fühle sie sich sicher. «Die Polizei ist oft hier.»

Vor dem hell erleuchteten Laden stehen inzwischen gleich zwei Streifenwagen, und die Stimmung ist friedlich. Die gläsernen Schiebetüren des Ladens öffnen sich, Lebensmittelkontrolleur Stephan Milletich tritt ein. Er gönnt sich einen letzten Kaffee, bevor er sich auf den Weg zu seiner Arbeit macht.

DerBund.ch/Newsnet

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