«Ich sehe in eine Welt, von der ich keine Ahnung hatte»

Der pensionierte Informatiker Jean-Pierre Guenter hilft Schreibschwachen und Migrantinnen beim «Kampf mit der Verwaltung».

In seinem Berufsleben war Guenter ein Informatiker der ersten Stunde.

In seinem Berufsleben war Guenter ein Informatiker der ersten Stunde. Bild: Franziska Rothenbühler

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«Es gibt Formulare, die muss ich selbst dreimal lesen, um sie zu begreifen», sagt Jean-Pierre Guenter mit ruhiger Stimme. Dabei rollt er das «r» mit einem nicht eindeutig zuordenbaren Akzent. Er ist zweisprachig im Kanton Freiburg aufgewachsen. «Wie soll ein Tamile diese Formulare ausfüllen?», fragt er. Guenter sitzt am Esstisch seiner hellen Attikawohnung in Ostermundigen und erzählt, wie er vor zehn Jahren den Schreibdienst in Ostermundigen gegründet hat, nachdem er sich frühpensionieren liess.

In seinem Berufsleben war Guenter ein Informatiker der ersten Stunde. Nach einer ausgedehnten Reise mit seiner Frau, die ebenfalls Frührentnerin war, habe er nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit gesucht und sich darum an die Gemeinde gewendet. «Aber die hatten keine Projekte für Freiwillige.» Dafür sei die Gemeinde offen gewesen für seine Idee. Angesichts des Ostermundiger Bevölkerungsmix habe er den Schreibdienst ins Leben gerufen.

«Die Lebenssituation unserer Klienten passt oft nicht ins Schema des Formulars.

Nun ist der Dienst jeden Donnerstag während zweier Stunden offen. In Räumen der Gemeinde helfen jeweils zwei Freiwillige aus einem Pool von rund zehn Personen allen Menschen, die vorbeikommen, Briefe zu schreiben oder Formulare auszufüllen. Ein Drittel der Aufgaben sei, Lebensläufe und Bewerbungen zu verfassen, sagt Guenter.

Meistens seien es Spontanbewerbungen um Hilfsjobs im Bereich Reinigung, Küche oder Garten. «Sehr low level», wie er sagt. Da die meisten Klienten nur wenig Deutsch sprächen oder eine Schreibschwäche hätten, werde die Mithilfe des Schreibdienstes in der Fusszeile des Schreibens ausgewiesen. «Lese- und Schreibschwäche ist übrigens auch unter Schweizern weiter verbreitet, als man annimmt», sagt Guenter. In den letzten Jahren waren laut Guenters Statistik etwa zehn Prozent der Klienten Schweizer und Schweizerinnen. Doch gab es Jahre, in denen die Schweizer 25 Prozent der rund 250 Klienten ausmachten. Die Zahl erstaunt. Doch Guenter ist anderer Meinung.

«Wenn jemand nach der obligatorischen Schulzeit in Beruf und Freizeit nur noch sehr wenig liest und schreibt, ist es leicht möglich, dass er die Fähigkeit wieder verliert.» Für Schweizer und Schweizerinnen mit einer Schreibschwäche sei es allerdings viel einfacher, im Alltag durchzukommen, als für Migrantinnen und Migranten. «Schweizer haben hier Freunde und Verwandte, die helfen können.» Deshalb hätten die meisten Klienten einen Migrationshintergrund.

Sehr komplex seien allerdings zahlreiche Formulare, die Klienten ausfüllen müssten, um etwa Prämienverbilligungen zu erhalten oder sich bei der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) anzumelden und damit Beiträge der Arbeitslosenversicherung zu bekommen. Diese Formulare seien nicht selten fünf bis sechs Seiten lang und verlangten Informationen zum Lebenslauf und der finanziellen Situation. «Doch die Lebensrealität der Klienten passe oft nicht ins Schema des Formulars.» Sie hätten häufig zahlreiche Kleinjobs nach- oder nebeneinander und Erwerbslücken.

Ein Problem stelle auch der amtliche Schreibstil mit seiner «gestelzten» Sprache und dem Verweis auf verschiedene Gesetzesartikel dar. Viele Menschen seien damit überfordert und legten den Brief dann einfach mal weg. Einmal spricht Guenter gar vom «Kampf mit der Verwaltung». Etwa dann, wenn Menschen «zwischen die Mühlen verschiedener Ämter» gerieten.

Er erzählt von einem Paar, das sich in einem Flüchtlingscamp in der Türkei kennen lernte und dort heiratete. Letztes Jahr wollte es in der Schweiz die Geburt des ersten Kindes anmelden. Auf dem Zivilstandsamt stellte sich heraus, dass der Vorname der Mutter in der türkischen Heiratsurkunde und in ihren provisorischen Papieren nicht identisch war.

Doch offizielle Papiere aus dem Fluchtland gab es nicht. Trotz einem Gerichtsurteil, das die Identität der Frau feststellte, habe sich das Zivilstandsamt geweigert, die Dokumente der Frau anzupassen. Da habe er in seinem Namen einen Brief an die Behörden geschrieben, sagt Guenter eine Spur bestimmter als sonst. «Manchmal sehen wir dann in eine Welt, von der wir als durchschnittliche Schweizer bisher keine Ahnung hatten.» (Der Bund)

Erstellt: 26.03.2018, 06:43 Uhr

Schreibdienste: Auch in Bern und Bümpliz

Seit zehn Jahren ist der Schreibdienst Ostermundigen an der Mitteldorfstrasse 6a jeden Donnerstag ab 17.30 offen. Hier helfen jeweils zwei freiwillige Mitarbeiter beim Lesen und Verstehen von Formularen, Verträgen oder amtlichen Briefen. Sie überprüfen Bewerbungen auf Fehler oder helfen gleich, sie zu schreiben. Und auch private Briefe oder Glückwunschkarten helfen sie schreiben.

Der Dienst ist gratis und steht allen Einwohnerinnen und Einwohnern von Ostermundigen offen. «Aber wir haben noch nie jemanden abgewiesen, weil er nicht von hier ist», sagt Gründer Jean-Pierre Guenter. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

In der Stadt Bern gibt es ein ähnliches Angebot im Generationenhaus am Bahnhofplatz 2. Jeden Montag von 14 bis 19 Uhr helfen auch hier Freiwillige bei der Korrespondenz mit den Ämtern. Und jeweils mittwochs von 14 bis 18 Uhr ist die Schreibstube im Treffpunkt Untermatt an der Bümplizstrasse 21 im Westen Berns offen. Diese beiden Angebote wurden vor 12 Jahren von Benevol ins Leben gerufen und werden heute von der Gemeinwesenarbeit (VBG) betrieben. (nj)

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