«Ich kenne mich mit Diskriminierung aus»

Thulani Thomann ist der erste schwarze Parlamentspräsident im Kanton. Er meint: «Wir haben kein Ausländerproblem.»

Nach der Sitzung lädt Thulani Thomann die Gemeindeparlamentarier in Steffs Kulturbistrot ein.

Nach der Sitzung lädt Thulani Thomann die Gemeindeparlamentarier in Steffs Kulturbistrot ein. Bild: Franziska Rothenbühler

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Herr Thomann, Sie sind der erste schwarze Parlamentspräsident von Ostermundigen und der erste im Kanton Bern. Sind Sie stolz?
Ja. Dass ich als junger Schwarzer höchster Ostermundiger bin, hat eine Signalwirkung. Darauf bin ich stolz.

Spielt Ihre Hautfarbe in Ihrer Politik eine Rolle?
Nein. In der Politik spielt meine Farbe keine Rolle. Ich wurde in der Politik auch nie diskriminiert. Allerdings kenne ich mich mit Diskriminierung aus. Und Politik ist der Ort, um Ungleichheiten zu bekämpfen. Aber ich bin noch weit davon entfernt, etwas zu verändern. In der Gemeindepolitik geht es um anderes. Aber als Parlamentarier und nun als Parlamentspräsident kann ich für das Thema sensibilisieren.

Sie sind also doch wegen Ihrer Hautfarbe diskriminiert worden.
Ja, kar. Vor allem von Polizisten.

Wie oft sind Sie schon kontrolliert worden, als Sie am hellen Tag durch die Stadt gegangen sind?
Ich habe das mindestens zwanzig Mal erlebt, viele meiner Kollegen jedoch nie. Oft merkte ich, dass die Polizisten ihr Interesse an mir verloren, sobald ich Berndeutsch sprach. Doch mussten sie ihre Show durchziehen.

Das ist Racial Profiling, also auf Stereotypen basierendes Verhalten von Beamten.
(lacht) Genau. Krass war es, als ich nach der Rekrutenschule zum obligatorischen Schiessen verpflichtet war. Ich war zu Fuss auf dem Heimweg. Das Sturmgewehr trug ich wie üblich auf dem Rücken. Nachdem ein Streifenwagen an mir vorbeigefahren war, wendete er sogleich, und die Polizisten hielten mich auf dem Trottoir an, weil sie dachten, ich hätte das Sturmgewehr geklaut. Aber wer ist schon so blöd, dass er mit einem geklauten Gewehr auf dem Rücken durch die Gegend spaziert?

Sie reden in der Vergangenheitsform. Ist es heute anders?
Ja, die Kontrollen haben abgenommen. Ich sehe viel jünger aus, als ich bin, und ich glaube, dass sich die Zeiten geändert haben. Dass es besser geworden ist.

Fühlten Sie sich als schwarzes Kind in Ostermundigen anders als die anderen, oder war das kein Thema?
Für mich nicht. Nur die anderen haben ein Thema daraus gemacht. Mein Vater erzählt heute noch, wie ich als Kleiner aus der Schule heimkam und fragte, ob es schlimm sei, dass wir grün seien. Ich meinte zwar braun, verwechselte aber die Farben, weil mein Vater bei den Grünen politisierte.

In der Migrationspolitik gibt heute die SVP den Ton an. Es habe zu viele Ausländer, sagt sie.
Nein. Wir haben nicht zu viele Ausländer im Land. Und wir haben auch kein Ausländerproblem. Aber wir müssen dafür sorgen, dass sie sich integrieren können. Das bedeutet, dass wir von ihnen verlangen, dass sie sich integrieren und möglichst rasch die Sprache lernen. Aber das kostet natürlich etwas. Die SVP will jedoch genau dort sparen. Damit schafft sie erst die Probleme und den Nährboden für die fremdenfeindliche Politik. Wenn die Ausländer die Sprache nicht können und nicht arbeiten dürfen, dann hängen sie herum.

Ostermundigen hat einen Ausländeranteil von fast einem Drittel. Ist das nicht etwas hoch?
Nein. Die Ausländer gehören zum Ortsbild. Ostermundigen ist multikulturell.

Was gefällt Ihnen denn so an der Gemeinde?
Dazu habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Ich bin hier daheim.

Die Gemeinde ächzt aber unter anderem unter der finanziellen Last. 18 Prozent der Steuerpflichtigen zahlen keine Steuern, weil sie zu wenig verdienen.
Die SP warnt seit Jahren davor, dass Ostermundigen ein strukturelles Defizit hat, und forderte deswegen mehrmals eine Steuererhöhung. Nun sind wir mit offenen Augen ins Desaster geschlittert. Wir können nicht hoffen, dass starke Steuerzahler in die Gemeinde ziehen, und gleichzeitig bei der sozialen Infrastruktur sparen. Dann gehen die guten Steuerzahler gleich wieder weg.

Nun hofft der Gemeinderat, mithilfe der Ortsplanungsrevision bessere Steuerzahler anzulocken. Mit anderen Worten: Ostermundigen soll aufgewertet und gentrifiziert werden, um die Ärmeren zu verdrängen.
Mir ist nicht bekannt, dass das eine aktive Politik wäre. Gentrifizierung findet in vielen Gemeinden statt. Doch muss es in Ostermundigen weiterhin auch bezahlbaren Wohnraum geben. Dafür werde ich mich einsetzen.

Wir stehen kurz vor der kantonalen Tram-Abstimmung. Die Gegner mobilisieren auf dem Land gegen das «Luxustram». Verstehen Sie das?
Nein. Dafür habe ich kein Verständnis. Wenn es um Kantonsstrassen auf dem Land geht, zeigen wir uns schliesslich auch solidarisch. Überall in der Schweiz werden Tramprojekte realisiert, weil sie die beste Lösung sind. Geografisch ist Ostermundigen mit Bern zusammengewachsen. Das Tram hat mehr Kapazitäten als der Bus. Die Strasse wird damit wieder freier. Ich hoffe sehr, dass das Tram Ostermundigen durchkommt.

Das Politisieren haben Sie vermutlich von ihrem Vater geerbt.
Ja, er hat immer politisiert und Politik war zu Hause oft Thema. Irgendwann beschloss ich, selber etwas zu machen, statt immer nur zu mäkeln. Das war vor sechs Jahren.

Das bereuen Sie nicht?
Nein. Die Politik liegt mir, und ich habe auch gewisse Ambitionen. Aber am Anfang war es nicht immer lustig, als Stammtischphilosoph in einer Parlamentssitzung zu sitzen. Ich hatte keine Ahnung davon, wie das System funktioniert. Meine ersten Vorstösse und Motionen wurden alle abgelehnt. Langsam habe ich dann gelernt, wie es funktioniert, und ich traue mir nun zu, eine Parlamentssitzung zu leiten. (Der Bund)

Erstellt: 22.02.2018, 06:34 Uhr

Thulani Thomann: Ostermundigen und Zimbabwe

Thulani Thomann (SP) ist nah an der Politik aufgewachsen. Der 34-Jährige ist Sohn des Ostermundiger Gemeinderats Andreas Thomann (SP). Seine Mutter stammt aus Zimbabwe. Als Kind habe er oft mit der Familie die Sommerferien dort verbracht, erzählt Thomann. Doch sonst verbinde ihn nicht viel mit dem Land. Zum letzten Mal sei er vor 19 Jahren dort gewesen.

Vor fünf Jahren rutschte Thulani Thomann anstelle von Norbert Riesen (SP) ins Parlament. Im Herbst 2016 ist er mit dem viertbesten Resultat wiedergewählt worden. Thomann wohnt in Ostermundigen und arbeitet heute als Fitnessinstruktor. Er hat eine grössere Schwester und eine kleine Halbschwester, mit der er oft auf dem Spielplatz oder im Wald beim Bräteln anzutreffen ist.

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