Erbstreit um das vergessene Meisterwerk

In der Botschaft in Berlin taucht das Gemälde eines jüdischen Malers auf. Nun streitet sich das EDA mit den Erben – eine alte Berner Adelsfamilie – um das Bild.

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François de Diesbach vertrat die Schweizer Interessen in unruhigen Zeiten. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er nach Berlin beordert. In einer von den Besatzungsmächten militärisch kontrollierten Stadt sollte de Diesbach diplomatische Fäden knüpfen. Nach heutigem Verständnis wäre de Diesbach der Schweizer Botschafter, damals hiess die Schweizer Vertretung «Heimschaffungsdelegation». De Diesbach war damit beschäftigt, in den Kriegswirren verlorenen Schweizerinnen und Schweizern die Heimreise zu ermöglichen.

De Diesbach war jedoch nicht nur geschickter Diplomat, sondern auch ein kunstaffiner Adliger. Die de Diesbach sind ein bernisches Adelsgeschlecht, deren Berner Linie ausgestorben ist, die aber im Kanton Freiburg nach wie vor Schlösser und Ländereien besitzen (siehe Text unten).

Ist das Bild Raubkunst?

Auf einer Auktion im Berliner Kunsthaus Leo Spik erwirbt de Diesbach das Bild, das viele Jahre später das Berner Obergericht beschäftigen soll. Das gekaufte Gemälde ist von Max Liebermann, einem bekannten deutsch-jüdischen Maler, dessen Familie von den Nationalsozialisten verfolgt und umgebracht wurde. Liebermann malte das Bild «Grosse Seestrasse in Wannsee» 1923. Es zeigt die Strasse vor der 1940 zwangsversteigerten Familien-Villa: Die Nationalsozialisten beschlagnahmten die Immobilien und auch Kunstwerke der Liebermanns. Wie das von de Diesbach gekaufte Gemälde seinen Weg ins Auktionshaus fand, ist bis heute nicht restlos geklärt. Dies schreibt das Museum Liebermann-Villa am Wannsee auf Anfrage. Es liegen jedoch keine Hinweise vor, dass die Person, die dem Auktionshaus das Bild verkaufte, unrechtmässig in dessen Besitz gelangt wäre.

Ob Raubkunst oder nicht: Kurz nach Kriegsende wurde im Berliner Kunsthandel nicht zu genau hingeschaut. Die Reichsmark war entwertet worden, viele Leute brauchten Geld. Die Alliierten und auch die neue deutsche Regierung taten sich schwer mit der Restitution von beschlagnahmten Kunstwerken. Später behinderte die Teilung Deutschlands die Aufarbeitung. Erst mit der Wiedervereinigung 1990 kam Bewegung in die Sache. Seit 2014 bekannt ist, dass das Berner Kunstmuseum den Kunsthändler Cornelius Gurlitt beerben soll, ist die Problematik auch in der Schweiz einer breiten Öffentlichkeit bewusst. In Gurlitts Nachlass wird viel Raubkunst vermutet. Die Rückgabe ist jedoch aufwendig und schwierig. Die Nachfahren sind oft bereits verstorben, die Käufe, wie auch im Falle de Diesbach, sind schlecht dokumentiert.

«Wie das Gemälde den Weg ins Auktionshaus fand, ist bis heute nicht restlos geklärt.»Liebermann-Villa
Museum des deutsch-jüdischen Malers Max Liebermann

Dieses Umdenken erlebte de Diesbach jedoch nicht mehr. Bei einem tragischen Segelunfall kam er 1949 ums Leben. Dies dürfte auch der Grund sein, warum das Bild in Vergessenheit geriet. Es hing jahrelang in einer Wohnung im Botschaftsgebäude, die nach dem Tode von de Diesbach nur gelegentlich benutzt wurde. In den 1960er-Jahren wurde es inventarisiert, jedoch nicht mehr mit de Diesbach in Verbindung gebracht. So richtig aufmerksam auf das Bild wurde man aber erst nach 1990, als die Herkunft von Gemälden deutsch-jüdischer Maler stärker hinterfragt wurde. Die Schweizerische Vertretung in Berlin – die Botschaft befand sich damals noch in Bonn – entschied abzuklären, wem das Bild eigentlich gehört.

Erben fordern Bild ein

«Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) kontaktierte ab 1997 potenzielle Erben von de Diesbach», sagt François Wisard, Leiter des Historischen Dienstes des EDA. Direkte Nachkommen habe es keine gegeben. De Diesbach hatte kurz vor seinem Tod geheiratet, die Witwe war in den 1980er-Jahren verstorben. Dennoch gab es entfernte Verwandte, die Anspruch auf das Gemälde erhoben, von dessen Existenz sie erst gerade erfahren hatten. Ein potenzieller Erbe war mit der Witwe verwandt, ein anderer stammte auf Stufe Onkel von de Diesbach ab. Den Namen der alten Berner Adelsfamilie tragen sie nicht. Das EDA hat laut Wisard gegenüber diesen möglichen Erben klargestellt, dass eine Rückgabe nur möglich sei, wenn sie als Erbgemeinschaft aufträten. Zuerst hätte die Familie also klären müssen, wer erbberechtigt ist und wie ein allfälliges Erbe aufgeteilt würde. Dies geschah nicht.

Wieder wird es ruhig um das Gemälde, laut Wisard vernimmt das EDA jahrelang nichts mehr von den potenziellen Erben. Schliesslich will die damalige Schweizer Botschafterin, Christine Schraner Burgener, die Sache definitiv klären. Das EDA gibt ein Rechtsgutachten beim Genfer Kulturgüter-Experten Marc-André Renold in Auftrag. Das Gutachten zeigt, dass die Eidgenossenschaft so viele Jahre Besitzerin des Bildes war, dass sie wohl auch Eigentümerin geworden ist. Nach deutschem wie auch nach schweizerischem Recht hat sie sich das Bild «ersessen», weil niemand es vermisste und man in der Botschaft davon ausging, dass es der Eidgenossenschaft gehört.

EDA will Bild im Museum

Das EDA entscheidet also, das Bild einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und der Liebermann-Villa zu schenken. Die im Juni dieses Jahr eröffnete Ausstellung «Max Liebermann und Paul Klee. Bilder von Gärten» war der perfekte Zeitpunkt dafür, die Zeremonie und die Pressemitteilung waren bereits vorbereitet, der Bundesrat hatte seine Zustimmung gegeben. Doch die Nachkommen von de Diesbach gaben sich noch nicht geschlagen. Sie gelangten ans Berner Obergericht, das mit einer superprovisorischen Verfügung verbot, das Bild zu verschenken. Die Diplomaten mussten kurzfristig umdisponieren: Die Pressemitteilung wurde zurückgehalten, das Bild nur als Leihgabe übergeben.

Im August entscheiden die Richter dann aber doch zugunsten des EDA, wie ein kürzlich publiziertes Urteil zeigt: Das Berner Obergericht anerkennt die Eidgenossenschaft als Eigentümerin des Bildes, einer Schenkung steht somit nichts im Wege. Den Nachfahren de Diesbachs dürfte es auch weniger ums Gemälde als ums Geld gegangen sein: Sie strebten vor der offiziellen Verhandlung vor Obergericht einen Vergleich an und verlangten, finanziell entschädigt zu werden. Ähnliche Bilder von Max Liebermann werden jeweils für bis zu einer Million Franken versteigert. Wie Wisard sagt, müsste die Liebermann-Villa das Gemälde den früheren Eigentümern zurückgeben, sollten sich doch noch Beweise für Raubkunst finden lassen. Dies sei im Schenkungsvertrag so festgeschrieben.

Die «Grosse Seestrasse in Wannsee» dürfte also fast 100 Jahre nach ihrer Entstehung definitiv dorthin zurückkehren, wo das Bild einst gemalt wurde. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.11.2018, 06:42 Uhr

De Diesbach: In Bern ausgestorben, in Freiburg verbreitet

Die Familie von Diesbach war einst eine einflussreiche Berner Adelsfamilie. Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz dienten zwanzig Familienmitglieder der von Diesbach im Ancien Régime als Kleinräte. Dies war damals ein Mitglied in der Berner Regierung. 1917 ist mit Fürsprecher Robert von Diesbach die Berner Linie ausgestorben. Nach wie vor weit verzweigt ist die Freiburger Linie der von Diesbach, die sich französisch de Diesbach schreiben. Im 16. Jahrhundert waren Mitglieder der Familie nach Freiburg geflüchtet. In Freiburg konnten sie ihren katholischen Glauben ausleben, zudem standen sie in der Stadt Bern unter Korruptionsverdacht.

Der Diplomat François de Diesbach, Hauptfigur im Artikel, stammt aus dieser Freiburger Linie. Die potenziellen Erben, die gegen die Schweiz klagten, gehören nicht zur Kernfamilie: Sie tragen nämlich nicht den Familiennamen der de Diesbach. Im Kanton Freiburg wohnen aber nach wie vor de Diesbach in Schlössern: so etwa im Schloss Bourguillon. Bourguillon ist ein Ortsteil der Stadt Freiburg.

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