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Wollte das Opfer den «goldenen Schuss» wirklich?

Eine Frau steht in Bern vor Gericht, weil sie einem Mann half, sich tödliche Drogen zu spritzen.

Gemäss Anklage soll die Beschuldigte gewusst haben, dass die Injektion zum Tod führen würde – dennoch besorgte sie ihm die Drogen.
Gemäss Anklage soll die Beschuldigte gewusst haben, dass die Injektion zum Tod führen würde – dennoch besorgte sie ihm die Drogen.

Die Todesanzeige war knapp: «Wir hoffen, dass Du Frieden findest. Du fehlst uns sehr.» Dahinter verbarg sich ein ungewöhnlicher Todesfall: Der 43-jährige Mann war an einer Überdosis Drogen gestorben, wobei er angeblich diesen «goldenen Schuss» wollte. Die heute 27-jährige Frau, die ihm dabei half, muss sich derzeit vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland wegen vorsätzlicher Tötung verantworten. Staatsanwalt Thomas Perler hat in der Anklageschrift aber auch die Varianten «Verleitung und Beihilfe zum Selbstmord» oder «fahrlässige Tötung» aufgeführt.

Erinnerung ist verblasst

Die Frau ist seit einem Jahrzehnt drogensüchtig. Derzeit lebt sie bei einem Wohnpartner, der nichts mit Drogen zu tun habe. Ihre Lage habe sich stabilisiert, sie konsumiere seltener Drogen, sagte sie gestern vor dem Fünfergremium unter dem Vorsitz von Jürg Christen. Vielleicht werde sie eine Lehre absolvieren oder einen Entzug machen, sagte die Frau, die sich wegen des schwülen Wetters ständig Luft zufächelte.

Der Gerichtspräsident hatte ihr erklärt, dass sie die Aussage verweigern dürfe. Davon machte sie Gebrauch. Wie gestaltete sich das Treffen mit dem Mann? Hat sie die Spritzen verwechselt? Wie verlief die Geldübergabe? Dazu meinte sie, das stehe in den Akten und sie könne sich nicht mehr erinnern.

Tödliche Reaktion

Die beiden, die sich nicht kannten, trafen sich im November 2016 in einem Berner Restaurant, das als Drogenumschlagplatz gilt. Er gab ihr Geld und bat sie, den Stoff zu besorgen und bei der Injektion zu helfen, da er kein «Drögeler» war. Im Freien präparierte sie zwei Spritzen, da auch sie sich einen Schuss setzen wollte. In der einen befand sich ein Heroingemisch, in der anderen ein Heroin-Kokain-Cocktail. Möglicherweise vertauschte die Frau die Spritzen irrtümlich. Der Mann reagierte auf die Drogenabgabe heftig: Er lief blau an und sackte zusammen. Sie versuchte, ihn wiederzubeleben, flüchtete dann in Panik und alarmierte die Sanitätspolizei mit seinem Handy, das sie mitgenommen hatte – und später verkaufte.

Der Mann tue ihr leid, sagte die Frau und weinte in ein Taschentuch, das ihr Pflichtverteidiger Martin Schmutz reichte. Dieser plädierte für eine 10-monatige Freiheitsstrafe wegen fahrlässiger Tötung, aufgeschoben zugunsten einer stationären Suchttherapie. Für dieses Vorgehen sprach sich auch der Staatsanwalt aus, verlangte aber eine Freiheitsstrafe von 45 Monaten wegen vorsätzlicher Tötung. Die Anwältin der Opferfamilie bezeichnete die Selbstmord-Version als Fantasiegebilde einer kaltblütigen Täterin. Ein Mann, der sich am Abend umbringen wolle, kaufe am Morgen nicht noch ein ÖV-Monatsabo. Das Urteil wird morgen verkündet.

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