Frischer Wind in der Vertikalen

In der Tiefenau können Berner und Bernerinnen bald ihre Kletterkünste trainieren: Im ehemaligen Gymnastiktrakt einer Pfleger-Schule wird derzeit an Berns erster Boulderhalle geschraubt.

Schrauben ihre eigenen Routen: Ramon und Pascal Trachsel (vorne) mit Wolfgang Antz und Söhnen in der neuen Boulderhalle in der Tiefenau.

Schrauben ihre eigenen Routen: Ramon und Pascal Trachsel (vorne) mit Wolfgang Antz und Söhnen in der neuen Boulderhalle in der Tiefenau.

(Bild: Valérie Chételat)

Zürich hat mehrere, Genf, Basel, Luzern haben eine, ja, in so mancher Kleinstadt gibt es sie: Boulderhallen. Bouldern, so nennt man das Klettern auf Absprunghöhe über Matten. Einst Trainingsmethode ambitionierter Kletterer für nasskalte Tage, hat sich Bouldern längst zum eigenständigen Trendsport gemausert. Mit ein paar Jahren Verspätung im nationalen Vergleich erhält nun auch die Stadt Bern eine eigene Halle.

Im stillgelegten Gymnastiktrakt der ehemaligen Schule für Pflegepersonal an der Reichenbachstrasse 118 in der Tiefenau gewinnt sie an Gestalt unter den kräftigen Händen der Gebrüder Trachsel, zweier breitschultriger junger Berner mit dichten Vollbärten. Gemeinsam mit Wolfgang Antz, Wahlberner und deutscher Bergführer, haben sie unter dem Schirm der jungen Bimano Gmbh das Projekt auf die Beine gestellt.

«Ein Ort, der allen Freude bereitet»

In Shorts, T-Shirt und ohne Schuhwerk trifft man die Brüder auf der leicht chaotisch anmutenden Baustelle. An einer alten Sprossenwand hängen Schraubzwingen, davor steht eine Werkbank, die der Musikanlage und dem Getränkesortiment ebenso Platz bietet wie Schleif- und Bohrmaschine. Die Unbekümmertheit der Bauherren zieht sich durch das Projekt. Auch wenn ein kommerzieller Betrieb entsteht, Leute angestellt und Löhne bezahlt werden sollen, geht man es locker an: Betriebskonzept? Preispolitik? Die Brüder grinsen. «Wir wollen einfach einen Ort, der allen Freude bereitet», sagt Pascal Trachsel. «Wir sind ohnehin das ganze Jahr am Klettern – statt woanders Eintritt zu bezahlen, schrauben wir jetzt eben eigene Boulder.»

«Ob wir Erfolg haben, wird sich zeigen», pflichtet Bruder Ramon bei. Am Ideenmangel soll es jedenfalls nicht scheitern: Dieses Wochenende hält Ramon, der auch mit Pinsel eine gute Figur abgibt, eine Vernissage in der Halle. Ein Klavier und Livemusik zum Bouldern fände man gut, und von einer Gastgewerbebewilligung träumt man heimlich.

1000 farbige Plastikgriffe

Mit knapp sieben Metern Höhe und 180 Quadratmetern Bodenfläche ist die Halle eher klein bemessen, geklettert wird auf 200 Quadratmetern Holzwand. Das ist, verglichen mit dem Kletterzentrum Magnet in Niederwangen etwa, sehr wenig. «Wir wollen uns durch die Qualität unserer Boulder-Routen abheben», betont Antz. Er gibt sich überzeugt, als langjähriger Boulderer verfüge man über das richtige Know-how.

Das Herzstück der Halle bildet ein vier Meter hoher, massiger Holzwürfel mit überhängenden Platten und schrägen Kanten. Voraussichtlich ab August sollen sich die Berner daran austoben dürfen, noch liegen die farbigen Plastikgriffe – rund 1000 Stück stehen zur Auswahl – allerdings in buntem Durcheinander in der angrenzenden Umkleidekabine. «Auf das Routenschrauben freuen wir uns», bestätigt Pascal Trachsel. «Noch mehr aber aufs Bouldern», fügt er an, und die Hallenbauer lachen.

Zum Lachen haben sie guten Grund, denn sie sind zwar nicht die Ersten, die in Bern den Traum einer Boulderhalle träumen, aber die Ersten, die ihn verwirklichen werden. Bern schien für derartige Vorhaben kein leichtes Pflaster. So bemühte sich eine Gruppe von Berner Spitzenkletterern während Jahren vergeblich, einen geeigneten Standort für eine Halle zu finden. Andere scheiterten zuletzt 2012 im Lorrainequartier, wo sie eine grosse Halle an Land gezogen hatten. Sie kämpften mit ähnlichen Schwierigkeiten: Der Betrieb einer Boulder-halle ist laut dem Bauinspektorat nur in der Dienstleistungszone vorgesehen.

Stolperstein Umnutzung

Idealerweise liegt eine Boulderhalle indes möglichst zentral, ist mit dem ÖV gut erschlossen, wartet mit möglichst viel Platz und zahlbarem Mietzins auf. «In Berns Dienstleistungszone findet man so etwas nicht», sagt Simon Riediker, einer jener Kletterer, die in der Lorraine scheiterten. Also schaute man sich auch in der gemischten Wohnzone um und wurde am Randweg in der Lorraine fündig. Die Liegenschaftsverwaltung zeigte sich laut Riediker sehr interessiert. Doch Umnutzungen erfordern in Bern ein Baubewilligungsgesuch, dessen Ausgang erst nach mehrmonatigem Prozess gewiss ist.

So lange mochten die Verwaltungen nicht warten: Zweimal wurden den hoffnungsvollen Jungunternehmern so geeignete Hallen vor der Nase weggeschnappt. Riediker ist inzwischen dennoch fündig geworden, allerdings in Winterthur. Dass es so leicht klappen würde, hätten die Hallenbauer um Wolfgang Antz denn auch nicht erwartet. «Wir hatten aber das Glück, bei der Stadt auf einen wohlgesonnenen Liegenschaftsverwalter zu treffen, der uns die Halle vermittelte», berichtet Antz. Einen Haken hat die Hilfsbereitschaft der Stadt allerdings: Die Boulderhalle in der Tiefenau bleibt ein Provisorium. In fünf Jahren will die Stadt über die weitere Nutzung entscheiden, geplant sind neue Wohnungen. «Wir hoffen natürlich, dass die Boulderhalle eine Zukunft hat», sagt Wolfgang Antz.

Ohne eine Portion Unbeschwertheit lässt sich in der Stadt Bern wohl keine Boulderhalle aufziehen.

Der Bund

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