Freude und Kälte beim Staatsbesuch

Geschichte

Haile Selassie I. weilte vor 60 Jahren in der Schweiz – das Museum im Schloss Jegenstorf widmet dem Kaiser von Äthiopien eine Ausstellung. Der König der Könige residierte während vier Tagen im Schloss.

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Simon Wälti

Ende November 1954 rollte die Schweiz den roten Teppich aus: Kaiser Haile Selassie I. (1892–1975) besuchte die Schweiz. Es war erst der siebte Staatsbesuch für die Schweiz, und Haile Selassie war erst der zweite Kaiser nach dem deutschen Kaiser Wilhelm II. in offizieller Mission in der Schweiz. Haile Selassie war im Mai 1954 zu einer grossen mehrmonatigen Tour durch die Welt aufgebrochen. Bundespräsident Rodolphe Rubattel nannte den Besuch «une joie profonde». Man verständigte sich auf Französisch. Vier Tage lang, vom 25. bis zum 28. November, wohnte er herrschaftlich im Schloss Jegenstorf. Das Museum widmet ihm eine Sonderausstellung mit vielen Dokumenten und Fotografien.

Die Schweiz hatte auf diplomatischen Kanälen vorgefühlt, ob der Kaiser von Äthiopien auch in der Schweiz Station zu machen gedenke. Erst als Zeichen der Zustimmung vorlagen, sprach die Schweiz eine offizielle Einladung aus. Die Vorsicht hatte historische Gründe. 1936 trat der durch die Truppen von Mussolini vertriebene Kaiser vor dem Völkerbund in Genf auf und hielt eine viel beachtete Rede, in der er die italienische Aggression geisselte und den Einsatz von Giftgas durch Italien verurteilte.

Angst vor Verwicklungen

Die Schweiz wollte etwas gutmachen, denn 1936 hatte die offizielle Schweiz ihm die kalte Schulter gezeigt. Man schrieb damals, der Kaiser solle wegen des Abessinien-Kriegs von einer dauernden Niederlassung in der Schweiz absehen, denn das würde unweigerlich zu «Unzukömmlichkeiten» führen, wie es in einem Dokument der Bundesbehörden heisst. Eine zeitgenössische Karikatur zeigte den als Mussolini-Bewunderer geltenden Bundesrat Motta, der dem flüchtenden Kaiser die Türe vor der Nase zuschlägt. «Es tuet mir leid, ich dörf niemer ineloh», steht unter der Zeichnung. Die Rede in Genf wurde von faschistischen Journalisten aus Italien mit Zwischenrufen unterbrochen.

Der Hilfeschrei an den Völkerbund verhallte ohne Folgen, und der Kaiser ging ins Exil nach London. 1928 war Ras Tafari Makonnen zum Negus und 1930 zum Negus Negesti gekrönt worden, dem König der Könige – was hierzulande als Kaiser wiedergegeben wurde. Da es sich bei Negus Negesti um eine Transkription aus dem Amharischen handelt, kommen auch andere Versionen wie Negusa Negast vor.

Haile Selassie ist der Krönungsname und bedeutet Macht der Dreifaltigkeit, der Kaiser war auch Oberhaupt der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Er galt als von Gott auserwählt und war der 225. Nachfolger Meneliks, des ersten äthiopischen Königs, welcher der Sohn der Königin von Saba und Salomons gewesen sein soll. Darum wurde er auch der siegreiche Löwe vom Stamme Juda genannt. 1941 kehrte er an der Seite britischer Truppen nach Äthiopien zurück und erneuerte seine Herrschaft. Für die Rastafaris in Jamaika ist Haile Selassie der wiedergeborene Messias. Bob Marley huldigte ihm in mehreren Reggae-Songs.

Badezimmer für 18 000 Franken

Die Ereignisse von 1936 und die schmähliche Behandlung waren 1954 noch nicht vergessen. Haile Selassie hatte in der westlichen Welt ein hohes Ansehen. Er war Man of the Year im «Time Magazine» und wurde von Präsident Eisenhower empfangen – die USA waren die erste Station seiner Reise. Er galt als Verteidiger der Freiheit, Anhänger des Fortschritts und Vorreiter der afrikanischen Unabhängigkeit. Auch in der Schweiz machte der zierliche und doch so majestätisch wirkende Monarch Schlagzeilen. Die Illustrierte «Sie und Er» zeigte ihn auf dem Titelblatt.

Da die sanitären Einrichtungen im alten Gemäuer nicht auf einem besonders modernen Stand waren, baute man für 18 000 Franken ein Badezimmer ein. Das Badezimmer fiel nicht besonders luxuriös aus, ein beträchtlicher Teil der Kosten entstand, weil das Bad in die mehrere Meter dicke Mauer des mittelalterlichen Bergfrieds gebohrt wurde. Nach dem Besuch verbreitete sich das Gerücht, der Negus Negesti habe das Bad gar nie benutzt.

In Jegenstorf war auch die rund 20-köpfige Entourage des Kaisers untergebracht, er selber schlief im ersten Stock mit Blick auf den Schlosspark und den Weiher. Kontakte zur Bevölkerung gab es nicht oder sind jedenfalls nicht überliefert. Das Schloss war gut bewacht, Dutzende von Soldaten, Polizisten und Detektiven riegelten das Anwesen ab. Vor dem Tor wurde eine Schildwache postiert.

Kanone als Objekt des Interesses

Ein Empfang jagte den nächsten. Haile Selassie entstieg unter den Klängen der Bereitermusik in Hindelbank dem Zug, dann ging es im vierspännigen Landauer nach Jegenstorf. Die Schulkinder winkten mit Schweizer Fähnchen. Noch am gleichen Tag zog der Kaiser beäugt und bestaunt von Zehntausenden von Schaulustigen durch die Gassen Berns. Danach folgte das Staatsbankett im Bellevue. Der verschlossene Mann war kein grosser Trinker und Esser, während andere dem Champagner zusprachen, beschied er sich mit einem Fruchtsaft.

Am nächsten Tag, dem 26. November, ging es schon früh in Zivil und im Roten Pfeil nach Zürich, ein Besuch bei Fabrik Oerlikon, Bührle & Co. einschliesslich Demonstration im Schiesskanal stand auf dem Programm. Das Objekt des Interesses war die berühmte 20-Millimeter-Maschinenkanone aus dem Hause Bührle. Im Krieg gegen Italien war Haile Selassie nach Aufsetzung seines Testaments selber ins Feld gezogen. Ein westlicher Journalist berichtete, wie der Kaiser sich den Stahlhelm aufsetzte und eigenhändig mit einer solchen Kanone bei einem Fliegerangriff auf die feindlichen Flugzeuge feuerte.

Äthiopien war ein guter Kunde der Zürcher Waffenschmiede. Emil Bührle war Honorar-Generalkonsul für Äthiopien in der Schweiz.Am 27. November wurde Haile Selassie im Rathaus von den kantonalen und städtischen Behörden empfangen. Am gleichen Tag zeigte man dem illustren Gast auch das Können der Schweizer Luftwaffe bei einer Schiessdemonstration in Payerne. Am 28. November schliesslich besuchte er noch Genf, wo nun die UNO, die Nachfolgeorganisation des Völkerbunds, ansässig war, sowie die Firma Brown Boveri in Baden.

«Une certaine froideur»

Nur wenig ist darüber bekannt, wie der Kaiser die Avancen der Schweiz aufnahm. Empfand er sie als Heuchelei? Dachte er noch an die Kränkung von 1936 zurück? Beim Besuch soll er sich nicht negativ geäussert haben, ein internes Memorandum des Bundesrats verzeichnete aber «une certaine froideur». Auf jeden Fall traf das lange erwartete Dankesschreiben aus Addis Abeba erst im März 1955 ein. Immerhin unterzeichnete der Kaiser mit «le grand ami». Bezeichnend waren auch die Geschenke, welche der Negus Negesti mitbrachte. Zürich und Genf erhielten gewissermassen das volle Programm: Elefantenstosszähne, Speere und einen verzierten Buckelschild, für die Stadt Bern gab es Speere und Buckelschild, aber keine Stosszähne. Für den Kanton Bern reichte es noch für einen Teppich – die Schweiz aber musste sich mit einer gerahmten Fotografie des Kaisers begnügen.

Weggeführt im VW Käfer

Noch 20 Jahre lang konnte sich der zähe Löwe von Juda an der Macht halten. Hungersnöte führten zu Studentenunruhen, es folgte ein Militärputsch, bei dem er 1974 gestürzt wurde. In einem hellblauen VW Käfer wurde er weggebracht. Nach einem Jahr Hausarrest wurde er tot in seinem Bett aufgefunden. Wahrscheinlich wurde er mit einem Kissen erstickt. Jetzt wurden auch die Schattenseiten seiner Ära zum Thema: Die gegen aussen zur Schau getragene Fortschrittlichkeit war nur eine Kulisse, die Rückständigkeit des feudalen Herrschaftssystems war nicht mehr zu verbergen. Unklar blieb, wie viel Geld der Herrscher auf Schweizer Bankkonten beiseitegeschafft hatte. Man sprach von Milliardenbeträgen, gefunden wurden die Reichtümer jedoch nicht.

«Ein Kaiser zu Gast. Haile Selassies Staatsbesuch 1954» ist als Sonderausstellung vom 7. Mai bis zum 19. Oktober im Museum für bernische Wohnkultur im Schloss Jegenstorf zu sehen. Heute um 18 Uhr findet die Vernissage statt.

Der Bund

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