Freude über Neubau – Sorgen um die Zukunft

In Lyss wird dieses Wochenende die Eröffnung der modernsten Heilpädagogischen Schule des Kantons gefeiert. Der Platz ist aber bereits wieder knapp, und die Kinderzahlen steigen weiter.

Heilpädagogische Schulen sollen sich heute so wenig wie möglich von anderen Schulhäusern unterscheiden. Bild: Manu Friederich

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Auf diesen Moment musste die Heilpädagogische Schule (HPS) Lyss lange warten. 13 Jahre hat die Trägerstiftung an Sanierungs- und Neubauprojekten gearbeitet. Dieses Wochenende kann sie endlich ihr neues Schulhaus einweihen. Im Lysser Grentschel-Quartier haben die Zürcher Met Architekten einen modernen Minergie-Bau aus Holz und Sichtbeton erstellt. 24 Millionen Franken kostete das Projekt. 2 Millionen steuert die Stiftung bei, den Rest zahlt der Kanton.

Nach den Herbstferien haben die Schülerinnen und Schüler mit geistiger oder mehrfacher Behinderung im Alter von 4 bis 18 Jahren den Neubau in Beschlag genommen. Ihnen scheint er zu gefallen. Endlich haben sie auf dem Pausenplatz genügend Raum, um Fussball zu spielen, und für den Sportunterricht müssen sie dank der eigenen Turnhalle keine weiten Wege mehr zurücklegen.

Auch Schulleiter Christian Hertig ist angetan von seinem neuen Arbeitsort. Begeistert führt er durch die 13 hellen Schulzimmer, zeigt den Besuchern das grosszügige Entree, das Malzimmer, die Schulküchen, die Räume für Logopädie oder Physiotherapie, die gedeckte Pausenhalle und den Wickelraum. Am Einweihungsfest vom Samstag kann sich die Öffentlichkeit nun selber ein Bild der modernsten Heilpädagogischen Schule im Kanton Bern machen.

Trotz Integration mehr Separation

In die Freude über das neue Schulhaus mischen sich aber auch Sorgen um die Zukunft. Alle Klassenzimmer im Neubau sind bereits voll belegt. Weil heute Kinder, die nicht der Norm entsprechen, schneller professionell abgeklärt werden und mit der Umsetzung des Integrationsartikels in der Volksschule viele Kleinklassen als «Auffangbecken» weggefallen sind, steigen die Kinderzahlen in den Heilpädagogischen Schulen stetig.

Laut Angaben der Gesundheits- und Fürsorgedirektion waren es im letzten Schuljahr kantonsweit 2073 Kinder, fast 500 mehr als noch vor sieben Jahren. «Allein in Lyss werden derzeit 750 neue Wohnungen gebaut. Das lässt darauf schliessen, dass die Schülerzahlen auch bei uns weiter steigen werden», sagt Christian Hertig. Kinder nach Biel zu verweisen, sei auch keine Lösung. Die dortige HPS wird zwar für 16 Millionen Franken saniert, mehr Schüler können künftig aber auch nicht aufgenommen werden.

In Lyss wurde quasi in letzter Minute noch eine 13. Klasse im Bauprogramm untergebracht, doch auch diese ist schon wieder voll. Leere Räume als Reserve zu schaffen, könne man sich nicht leisten, heisst es vom Kanton. Die Trägerstiftung beabsichtigte, ihr altes Schulhaus zu behalten, um bei Bedarf darauf zurückgreifen zu können.

Doch laut Stiftungsratspräsidentin Kathrin Bodmer fehlt dafür die gesetzliche Grundlage. Die alten Gebäude müssen verkauft werden, damit die Stiftung ihren Anteil an die Baukosten bezahlen kann. «Wenn die Entwicklung der Schülerzahlen so weitergeht, bekommen wir ein Problem», sagt Schulleiter Hertig.

Nach heutiger Gesetzgebung sind die Heilpädagogischen Schulen im Kanton Bern gar nicht verpflichtet, Kinder aufzunehmen. Dies wird jedoch als völlig veraltet angesehen. In den letzten Monaten hat unter anderem der «Beobachter» über Berner Schüler berichtet, deren Eltern während Monaten keinen Sonderschulplatz gefunden haben.

Diesen Missstand will der Kanton mit einer Unterstellung der Sonderschulen unter die Volksschule und der Einführung einer Aufnahmepflicht beheben. Dann wären nicht mehr die Eltern, sondern die Erziehungsdirektion für die Suche nach einem Platz zuständig. Die neue «Sonderschulstrategie» wird laut Erziehungsdirektion aber erst 2020 umgesetzt.

Begonnen hatte die HPS Lyss vor bald 50 Jahren mit zehn Kindern in zwei Mietwohnungen. Danach wurde ständig erweitert. Bis zum letzten Schuljahr waren die 90 Kinder und gut 60 Angestellten auf zwei Standorte und vier Gebäude verteilt. Die «heimelige» Atmosphäre der alten Schule ist nun zwar verschwunden, doch das entspricht dem «Normalisierungsprinzip» in der Sonderpädagogik, wie Schulleiter Hertig erklärt. Früher wollte man den behinderten Kindern ein zweites Zuhause bieten, heute soll sich ihre Schule möglichst wenig von anderen Schulen unterscheiden.

Inklusion (noch) kein Thema

Noch weiter geht das Prinzip der Inklusion, das in Fachkreisen derzeit hochaktuell ist. Es geht davon aus, dass jedes Kind in seiner Individualität akzeptiert wird und voll und ganz am sozialen Leben teilnehmen kann. Mit der Umsetzung des Integrationsartikels ab 2008 hat der Kanton Bern einen Schritt in diese Richtung gemacht.

In Lyss zum Beispiel arbeiten die HPS und das Grentschel-Schulhaus bereits eng zusammen. Gemäss dem Prinzip der Inklusion müssten jedoch alle Kinder gemeinsam in normalen Schulklassen unterrichtet und die Sonderstellung von integrierten Kindern müsste aufgehoben werden.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob der Bau von neuen Sonderschulen heute überhaupt noch gerechtfertigt ist. Für die Gesundheits- und Fürsorgedirektion ist klar: «Die bestehenden Strukturen sind noch nicht auf Inklusion aller Kinder und Jugendlicher ausgerichtet.

Es ist davon auszugehen, dass es immer Kinder und Jugendliche geben wird, deren spezifischer Bedarf in einem separativen Schulsetting besser abgedeckt werden kann.» Um die Durchlässigkeit zu verbessern, will die Erziehungsdirektion mit ihrer «Sonderschulstrategie» aber den Volksschullehrplan auch in den Sonderschulen einführen. (Der Bund)

Erstellt: 27.10.2016, 14:12 Uhr

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