«Es war normal, zwischen zwei Welten zu pendeln»

Der Bioinformatiker aus Belp Samuel Neuenschwander rennt am Swiss Irontrail, um Geld für Afrika zu sammeln – seine zweite Heimat.

Wasser, auch für Menschen in Benin: Samuel Neuenschwander an der Aare.

Wasser, auch für Menschen in Benin: Samuel Neuenschwander an der Aare.

(Bild: Adrian Moser)

Markus Dütschler

Grün fliesst die Aare während des Gesprächs im Dählhölzli vorbei: Wasser im Überfluss. Im Wasserschloss Europas spült man sogar das «Bisi» auf der Toilette quasi mit Mineralwasser hinunter.

Das ist in Afrika anders, etwa in Benin. Dort legen Menschen lange Fussmärsche zurück, um aus einem Flüsschen trübes Wasser in einen Behälter zu füllen und die Last auf dem Kopf wieder ins Dorf zurück zu balancieren. Das ist so aufwendig, dass manche Kinder nicht einmal Zeit haben, den Schulunterricht zu besuchen.

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Und schon sind wir mitten drin in Samuel Neuenschwanders Leben, das sich zwischen den beiden Polen Schweiz und Afrika bewegt. Der 41-Jährige wurde in Belp geboren, verbrachte jedoch die ersten sechs Jahre seines Lebens in Griechenland.

Vor der Einschulung kehrte die Mutter mit den Kindern nach Belp zurück. Sein Vater Peter Neuenschwander arbeitete als Wissenschaftler in Nigeria und später in Benin, wo er ein Projekt für biologische Schädlingsbekämpfung erfolgreich aufbaute.

«Ich war erstaunt, wie rasch ich mich in Benin wieder zu Hause gefühlt habe.»

«Im Sommer besuchten wir ihn», und zwar für drei bis vier Monate. Es sei nicht leicht gewesen, die lange Abwesenheit mit der Schule zu regeln. «Für mich war es normal, zwischen den Welten zu pendeln.» Er habe die Länder nie als besser oder schlechter empfunden, «sondern einfach als anders».

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Benin, das kleine westafrikanische Land westlich von Nigeria, liess Samuel Neuenschwander nicht mehr los. Nach der Matura radelte er Mitte der 1990er-Jahre los, durchquerte die Sahara auf dem Sattel und erreichte Benin.

«In der Wüste wurde mir so richtig klar, wie wichtig und wertvoll Wasser ist.» Deshalb gehe man dort sehr sorgfältig mit dem kostbaren Nass um. In diesem Frühling, zwei Jahrzehnte später reiste Neuenschwander erneut nach Benin, diesmal aber mit dem Flugzeug. Ein Kulturschock? Nein, sagt Neuenschwander: «Ich war erstaunt, wie rasch ich mich wieder zu Hause gefühlt habe.» Es habe ihm gleich wieder «den Ärmel hereingezogen».

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Besonders gefallen hat ihm, dass die Leute trotz ihrer Armut «glücklich und zufrieden» seien, während man in der Schweiz oft «auf hohem Niveau jammert». Benin sei eines der friedlichsten afrikanischen Länder, was auch damit zusammenhänge, dass «es dort wenig zu holen gibt», Bodenschätze gebe es kaum.

Bei der Reise im Frühjahr begleiteten ihn zwei seiner drei Kinder. Sie hätten Benin als «easy und angenehm» empfunden und sich stets sicher gefühlt. Schon in seiner Kindheit hätten sie dort – anders als im Nachbarland Nigeria – nie in einem eingezäunten Campus gewohnt.

Neuenschwander hat gewisse Gemütsübereinstimmungen zwischen den Menschen in Bern und Benin entdeckt: «Nume nid gschprängt, es chunnt scho guet.» Die Leute in Benin seien heute realistischer als früher.

Die bedingungslose Bewunderung Europas sei verschwunden. «Sie trauen sich zu, selbst etwas bewirken zu können.» Das Handy hat die dortige Gesellschaft ebenso erobert wie die hiesige.

Dieses Kommunikationsmittel sei in Afrika äusserst wichtig, um etwa als Bauer zu wissen, wie hoch die derzeitigen Getreidepreise in der Stadt seien, oder als Reisender rechtzeitig über eine gesperrte Brücke informiert zu sein.

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Touristen verirren sich selten in das Land, in dem unzählige Sprachen gesprochen werden – mit Französisch als Lingua franca. Ein Begriff ist Benin vor allem für Voodoo-Enthusiasten, die das Mutterland dieses magischen Kults aufsuchen wollen, in dem der Glaube an geheimnisvolle Kräfte bei Anhängern der verschiedenen Religionen ungebrochen ist.

Mit den Sklaven, die am Hafen «La Porte du Non Retour» durchschritten, verbreitete sich der Kult in die Welt, so etwa in die Karibik. Weil Benin politisch stabil und friedlich ist, gerät es fast nie in die Schlagzeilen. «Ich war darum sehr erstaunt, als ich sah, dass Helvetas dort Projekte hat.»

In den Medien habe er zuvor noch nie davon gehört. Umso mehr fühlt sich Neuenschwander angesprochen, sich für dieses Brunnenprojekt zu engagieren. Allerdings habe er sich zuerst selber überzeugen wollen, ob das Konzept etwas tauge.

Es werde nicht nur schnell etwas hingestellt, findet er anerkennend. Vielmehr würden die Dorfbewohner einbezogen und geschult. So sei die Gefahr kleiner, dass die Brunnen wieder verödeten.

Der Bund

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