Erleuchtende Erkenntnisse in Berns Dunkelkammer

22–23 Uhr: Jetzt ist es dunkel. Wirklich? Nein. Wer die Dunkelheit sucht, muss die Stadt Bern hinter sich lassen.

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Marc Lettau

Schwarzes Loch: Im Gantrischgebiet ist es dunkel, wie sonst fast nirgends.

Nachts muss es doch in Bern auch einmal dunkel werden. Was aber heisst dunkel? Es dämmert uns schwach, wie der Geografielehrer seinerzeit der dösenden Klasse zu erklären versuchte, wie sich der Himmel – bevor er zum Nachthimmel wird – nach und nach verdunkle. Verschwinde die Sonne hinter dem Horizont, beginne zunächst die bürgerliche Dämmerung: In dieser Phase lasse sich draussen noch Zeitung lesen. Gegen ihr Ende hin seien für das blosse Auge die markantesten Himmelskörper sichtbar. Erst deutlich später, wenn sich die astronomische Dämmerung voll entfaltet habe, lasse sich die Frage beantworten, wie viele Sternlein denn überhaupt am Himmelszelte stehen.

Machen wir die Probe aufs Exempel und fragen abends unter Berns gläsernem Baldachin, wie viele Himmelskörper nachts am bernischen Firmament von blossem Auge zu sehen sind. Das Spektrum der Antworten belegt, dass des Berners Blick eher nicht nach oben gerichtet ist. Es reicht von «keine Ahnung» über «sicher mega viele» bis zu «Millionen? Milliarden?». Einer, der es präziser weiss, ist Karl Georg Scheuter, der Präsident der Schweizerischen Astronomischen Gesellschaft (SAG). Das Licht, das die Stadt abstrahle, trübe den Blick ins Universum: «Die Milchstrasse sieht man sicher nie.» Einzig ein paar Dutzend der hellsten Sterne vermöge man auszumachen. Das führt zur ersten Erkenntnis der nächtlichen Exkursion: Punkto – natürlichen – Nachtlebens kommt die stets Mitte-links wählende Bundesstadt in der Regel gar nicht über die bürgerliche Dämmerung hinaus.

Bern in der Spitzengruppe

Für Romantiker und Verliebte, die eine Sternschnuppe erhaschen möchten, ist Bern also nicht himmlisch. Scheuters Urteil: «Bern spielt zusammen mit Städten wie Zürich und Genf punkto Lichtverschmutzung in der obersten Liga mit.» Jede erdenkliche Lichtquelle strahle hier himmelwärts: Strassen-, Fassaden- und Infrastrukturbeleuchtungen, Reklameleuchten, leuchtende Plakatwände, künstlerische Beleuchtungen, dauerbeleuchtete Bahnhöfe. Scheuter, der auch Mitglied der gegen Lichtverschmutzung kämpfenden NGO Dark-Sky ist, wagt die Aussage: «Bern hat das Problem noch nicht richtig erfasst.»

Zwar habe das Bundesgericht geurteilt, nicht sicherheitsrelevante Beleuchtung müsse zwischen 10 Uhr abends und 6 Uhr früh abgeschaltet bleiben: «Aber das durchzusetzen, ist halt nicht sehr populär.» Was ist zu tun? Scheuter findet, es gelte «kompromisslos» alle technischen und organisatorischen Vorkehrungen zu treffen, um störendes Licht zu vermeiden. Doch der Ingenieur dämpft die Hoffnung: «Auch wenn alle Beleuchtungen sorgfältig geplant und optimal ausgerichtet werden, wird immer noch sehr viel Licht himmelwärts reflektiert.» Auf die Schnelle kriegt Bern seine nächtliche Dunkelheit nicht zurück.

Hinauf, hinauf, der Nacht entgegen

Wohin müssen Bernerinnen und Berner also gehen, wenn sie den Nachthimmel wirklich entdecken wollen? Alle angefragten Astronomen raten fürs Erste zu einem Fährtchen nach Niedermuhlern. Die dortige Sternwarte Uecht ist zwar eine recht bejahrte, aber ein Dauerrenner in Sachen erreichbarer und erfahrbarer Dunkelheit: «Für viele Familien ist der Abstecher in die Sternwarte Uecht eine Erfahrung ausserhalb der üblichen Lebenswirklichkeit», sagt Andreas Kleespies vom Sternwarten-Team: «Viele stehen hier und haben den Mund offen.»

Und es ist eine günstige Erfahrung dazu, denn jeweils mittwochs wird kein Eintritt verlangt: «Mit einer Familie ist man bei einem Ausflug ja schnell 100 Stutz los. Der Stiftungsrat der Sternwarte legt aber wert darauf, dass die Sternwarte öffentlich zugänglich ist», sagt Kleespies. Während Kleespies’ Kollege Stefan Wöhrle das Spiegelteleskop auf einen Sternenhaufen im Sternbild des Herkules richtet, überbrücken die Wartenden die Zeit mit einem Blick an den Nachthimmel – was gleich schon zur nächsten Erkenntnis verhilft: Auch von blossem Auge sind nun so viele leuchtende Punkte auszumachen, wie dies im Stadtzentrum niemals möglich wäre.

Die Erfahrung von Nacht braucht also nicht zwingend ein Teleskop, sondern in erster Linie Dunkelheit. Mittlerweile funkelt in der Ferne das bundesstädtische Lichtermeer und illuminiert den nördlichen Nachthimmel. Derweil schwärmt Kleespies von der im Süden liegenden Dunkelzone: Der dunkle Nachthimmel, der sich vom Längenberg übers Gantrischgebiet hin erstrecke, sei «europaweit bekannt». Wer die dunkelste Ecke dieser Dunkelheitsinsel suche – gewissermassen das Schwarze Loch des Bernbiets –, fahre am besten gleich auf den Gurnigel hoch. Gesagt, getan.

Astronomischer Dank ans Militär

Der Lotse in Richtung Dunkelheit heisst Martin Mutti. Der Rentner zurrt im Wagen sein Teleskop fest und fährt die kurvige Strasse zum Gurnigel-Berghaus und weiter zur Stierenhütte hoch. Sein Ziel sind die Panzerschiessplatten, eine Hinterlassenschaft der Armee, welche die Astronomen dankbar nutzen. Nebst dunklem Himmel über dem Kopf brauchen die Sternengucker nämlich auch soliden Boden unter den Füssen – damit nichts die Teleskope erschüttert. Mutti baut seine Beobachtungstechnik auf und erklärt, was er mit dem Nachthimmel am liebsten macht: Fotografieren. Himmelsobjekte zu fotografieren, sei nichts Hektisches: «Die Objekte laufen einem nur ganz langsam davon.» Aber gleichzeitig ist es eine hochkomplexe Sache: Für eine gelungene Aufnahme des beringten Planeten Saturn schiesst Mutti 500 Bilder, legt sie übereinander und zieht mo¬derns¬te Software bei, um aus der Menge das richtige Bild zu generieren.

Die Nacht auf dem Gurnigel ist mild und still. Nichts stört. Mutti widerspricht: «Vor allem Thun stört. Aber auch Bern.» Die nächtlichste aller Nächte erlebt er hier, wenn beide Städte unter einer dicken Hochnebeldecke stecken, der Gur¬ni¬gel klar darüber liegt und zugleich Neumond ist. Der nächste Neumond ist übrigens in der Nacht vom 14. auf den 15. August. Dann wird hier oben ein emsiges, dunkles Treiben über die Bühne gehen: Zum 27. Mal werden sich Astro-Freaks von weitherum zu einer Star-Party zusammenfinden. Den Organisatoren ist es wirklich ernst: Wer nachts seinen Wagen verschieben will, soll nur die Handbremse benutzen. Klar: Das Bremslicht würde das Dunkelheitserlebnis stören.

Weiter Horizont

Beim Blick ans Firmament ist die ziemlich platte Einsicht schnell da: Wie unbedeutend man sich angesichts der Endlosigkeit des Sternenhimmels doch fühlt! Gibt es eine Erkenntnis darüber hinaus? Astronom Karl Georg Scheuter spricht von einer schier metaphysischen Horizonterweiterung. Zunächst werde klarer, dass der Blick in die Ferne nicht an der nächsten Bergkette enden müsse: «Der Blick nach oben ist Horizonterweiterung in ganz direktem Sinn.» Vor allem aber rücke die Sternenbeobachtung «noch mehr unbeantwortete Fragen» in den Vordergrund, sagt er: «Was war beim Zeitpunkt null des Urknalls? Gab es ein Vorher?» Der Nachthimmel ist nichts für jene, die keine unbeantwortbaren Fragen ertragen.

Die Dunkelheit als USP

Die Verwaltung des Naturparks Gantrisch freuts übrigens, dass der Park des nachts ziemlich unterbelichtet ist. Sie hat sogar ein Projekt namens «Sternenlicht» lanciert. Laut Projektleiterin Nicole Dahinden wird geprüft, ob sich der Park als Lichtschutzgebiet zertifizieren lassen könne. Weltweit gibt es rund fünfzig Landschaften, in denen die nächtliche Dunkelheit als Schutzgut gilt.

Dahinden sagt, die Voraussetzungen, die Dunkelheit als Unique Selling Point (USP) der Region herauszuarbeiten, seien gut. Kein anderer Park der Schweiz denkt derzeit daran, sich über seine Dunkelheit zu profilieren: «Aber auch wir stehen noch ganz am Anfang.» Herausfinden müsse man zunächst, ob die Dunkelheit wirklich dunkel genug sei und ob die Gemeinden dafür gewonnen werden können, das Ansinnen zu unterstützen.

Eine Konfliktlinie ist sichtbar: Justement dort, wo die Sternengucker jeweils ihre Teleskope aufstellen, möchten Sportbegeisterte eine Biathlonanlage realisieren. Den Astronomen wird angesichts der Vorstellung, dass dereinst womöglich Flutlicht eine Trainingsrunde ausleuchtet, regelrecht schwarz vor Augen. Der Naturpark macht derweil ein weiteres Schrittchen in Richtung Dunkelheit.

Er nimmt besagte Star-Party zum Anlass, zu einer nachts stattfindenden Tagung – also zu einer Nachtung – zum Thema Sternenlicht und Nachtlandschaft einzuladen. Am öffentlichen Anlass sollen Parkbevölkerung und Gemeindebehörden erfahren, wie sehr sie bisher von der Pest namens Lichtverschmutzung verschont geblieben sind.

Die «Bund»-Redaktion hat ihren Blick gegen den Himmel gewendet. Hier stellen Redaktoren und Redaktorinnen ihre liebsten Sternbilder vor– und fragen: Was ist Ihr persönliches Lieblingssternbild?

DerBund.ch/Newsnet

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