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Endstation Worb

Am Mittwoch vor 20 Jahren spielte Country-Ikone Johnny Cash sein letztes Konzert ausserhalb der USA – ausgerechnet im beschaulichen Worb.

Am 3. Mai 1997 stand Countrystar Johnny Cash in Worb auf der Bühne.
Am 3. Mai 1997 stand Countrystar Johnny Cash in Worb auf der Bühne.
Keystone
Obwohl er gesundheitlich angeschlagen war, spielte er eine halbe Stunde länger als geplant.
Obwohl er gesundheitlich angeschlagen war, spielte er eine halbe Stunde länger als geplant.
zvg
Ein Flyer für die Worber Geschichtsbücher: Johnny Cash in Worb.
Ein Flyer für die Worber Geschichtsbücher: Johnny Cash in Worb.
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Auf dem Parkplatz Hofmatt in Worb stehen ein paar Autos herum. Ein Bagger schaufelt Erde aus der aufgerissenen Strasse, ein Helikopter schleppt weiss verpackte Heuballen durch den grauen Himmel. Jürg Moogs Händedruck ist mindestens so stark wie seine Erinnerung an jenen Tag vor exakt 20 Jahren. Hier, eingeklemmt zwischen Eisbahn und Schwimmbad, spielte Johnny Cash, einer der berühmtesten Musiker des 20. Jahrhunderts.

Das lässt sich an diesem tristen Morgen nur schwer vorstellen. Moog hat Beweise mitgebracht. Einen davon fischt der Organisator des längst eingestellten Country Festivals Worb vom Beifahrersitz seines Wagens. Es ist ein T-Shirt in Übergrösse. «Ein Geschenk von Johnny Cashs Roadmanager», sagt Moog. Auf der Vorderseite prangt Cashs von Furchen durchzogenes Gesicht, auf der Rückseite sind die Tourstops des letzten Europa-Aufenthalts der Countrylegende aufgelistet. Die letzten vier Stationen: London, Berlin, Hamburg, Worb.

Wie verschlug es Cash von den Metropolen dieser Welt ins rurale Berner Mittelland? Alles begann im Februar 1997. Moog erhielt einen Anruf aus Nashville, Tennessee, der Hauptstadt der Countrymusik. In der Leitung war sein langjähriger Booking-Agent, der gleich zur Sache kam. «Er wollte wissen, ob ich Johnny Cash wolle», sagt Moog. Er war überrascht, dachte zuerst an einen Scherz. Es war keiner. Das Angebot: Johnny Cash spielt am 3. Mai 1997 am Country Festival Worb. Der Preis: 100'000 US-Dollar.

Eigentlich hatte Moog das Festivalprogramm bereits beisammen. Dennoch begann er im Kopf Zahlen hin- und herzuschieben. «Noch mit dem Hörer am Ohr rechnete ich aus, dass die Gage zu stemmen war, wenn ich die Eintrittspreise etwas anheben würde.» Das transatlantische Telefongespräch endete mit Moogs Zusage.

Eindrücke von Johnny Cashs Besuch in Worb:

Grössere Füsse als Bill Clinton

Der Tag des Konzerts begann für Moog in der Empfangshalle des Flughafens Zürich. Im Anzug und mit Blumenstrauss für Cashs Frau June Carter wartete er auf die Ankunft des Musikers. «Ich war sehr nervös», sagt Moog. Cash entstieg der Maschine aus Hamburg in seiner üblichen schwarzen Garderobe. Ungewöhnlich waren bloss die Hotelpantoffeln an seinen Füssen. «June erzählte mir, dass seine Schuhe in Hamburg vor der Abreise bereits eingepackt und auf dem Weg zum Flughafen waren.»

Es war jedoch nicht Cashs sonderbares Schuhwerk, das Moog Sorgen bereitete, sondern dessen Gesundheit. «Er wirkte fragil.» Cash hatte zu diesem Zeitpunkt bereits drei Bypass-Operationen sowie Lebensabschnitte geprägt von Drogen- und Alkoholmissbrauch hinter sich. Während des Konzerts stand ein Arzt am Bühnenrand bereit.

Cash verlangte Privatsphäre. Um ihn von der Öffentlichkeit abzuschirmen, legte Moog den bereits auf der Lauer liegenden Medien eine falsche Fährte. «Ich steckte ihnen, dass Cash in einem Hotel in Interlaken residiert.» Moog dachte jedoch nie daran, Cash im Oberland unterzubringen, sondern suchte ihm eine Bleibe in der Stadt Bern.

Er schickte Telex-Anfragen an das Bellevue und den Schweizerhof. Von Letzterem kam nie eine Antwort. «Die glaubten wohl nicht, dass Johnny Cash bei ihnen absteigen sollte.» Vom Bellevue kam eine Zusage. Von dort aus ging sich Cash mit Anhang den Bärengraben anschauen – nicht ohne erkannt zu werden. «Schnell machte das Gerücht die Runde, dass Johnny Cash in der Stadt gesichtet worden sei», sagt Moog.

Die Medien sollten doch noch auf ihre Kosten kommen. Moog organisierte eine Pressekonferenz – nicht etwa in einem Bellevue-Konferenzraum, sondern im Saal der Kirchgemeinde Worb. «Als ich dort mein Anliegen angemeldet habe, waren die ganz schön perplex.»

Cash gab dann vor rund 60 Journalisten Anekdoten zum Besten, wie sie im Kirchgemeinde-Saal wohl eher selten erzählt werden. «Er berichtete von einem Zusammentreffen mit dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton im Weissen Haus.» Cash wusste nicht, worüber er mit Clinton reden sollte, und habe ihn deshalb nach seiner Schuhgrösse gefragt. «Clinton nannte sie ihm, und Cash antwortete darauf, dass er ihn noch um eine Nummer schlage.»

Broncos räumten Strasse frei

Dann wurde die Zeit knapp – so knapp wie der Platz auf dem Autobahnzubringer Rüfenacht. Um 19.30 Uhr hätte Cash in Worb auf der Bühne stehen sollen, doch seine Limousine blieb im Stau stecken, der sich wegen seines Konzerts gebildet hatte.

Broncos-Chef Jimy Hofer nahm sich des Problems an. «Er organisierte zwei Harley-Fahrer, welche die Autobahn für Cash freiräumten.» So stand Cash pünktlich auf der Bühne des ausverkauften Konzertzelts auf dem Parkplatz Hofmatt. Anstatt der vertraglich abgemachten 90 Minuten spielte er zwei Stunden. «Die 3000 Besucher standen von der ersten Sekunde an», sagt Moog.

Seine Sorgen um Cashs Gesundheit waren verflogen. «Cash war wie verwandelt. Seine Stimme klang fantastisch.» Was Cash alles gespielt hat, kann Moog nicht mehr rekonstruieren. «Ich wollte mir noch eine Setliste auf der Bühne sichern, doch ich kam zu spät.» Cash schien sich in Worb wohl gefühlt zu haben. Nach dem Konzert habe er laut Moog seinen Manager angerufen, um ihm zu sagen, dass Worb das schönste Konzert der Tour gewesen sei.

Worb war Cashs letzte Station ausserhalb der USA. Er starb 2003 in einem Spital in Nashville. «Das hat wehgetan», sagt Moog und lässt seinen Blick über den immer noch kaum besetzten Parkplatz Hofmatt schweifen. Der Bagger rammt seine Schaufel ein weiteres Mal in die steindurchsetzte Erde, am Himmel rattert unaufhörlich der Helikopter. Cashs finstere Stimme, die hier Geschichten über Liebe, Hoffnung und die Unbequemlichkeiten des Lebens erzählte, hallt auch 20 Jahre später noch durch Moogs Erinnerungen.

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