Eine Mini-Bibliothek für jede Asylunterkunft im Kanton

Freiwillige sammeln Geld, um Flüchtlingen Lesestoff zur Verfügung zu stellen. In vielen Bibliotheken dürfen Asylsuchende keine Bücher ausleihen.

Rosim, Kasim und ihre Mutter lassen sich von Maja Mores mit vielen Handzeichen die neue Bücherbox erklären.

Rosim, Kasim und ihre Mutter lassen sich von Maja Mores mit vielen Handzeichen die neue Bücherbox erklären. Bild: Adrian Moser

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Für Rosim ist klar, sie will die «Wut der kleinen Wolke» ausleihen. Das kurdische Mädchen aus Syrien schätzt an diesem Kinderbuch, dass die kleine Wolke ihre Abenteuer auf Arabisch und Deutsch erzählt.

Auch ihr Bruder Kasim nimmt schnell ein kurdischsprachiges Heft aus der Kiste voller Bücher und zieht sich damit in sein Familienzimmer zurück.

Das Interesse freut Maja Mores. Die Leiterin der Könizer Bibliotheken hat gestern in der Heilsarmee-Kollektivunterkunft Sandwürfi die erste ihrer Bücherkisten für Flüchtlinge abgegeben. In einer Plastikbox warten nun 40 speziell für Flüchtlinge ausgewählte Lektüren auf ihre Ausleihe.

Neben den zweisprachigen Kinderbüchern liegen in der Kiste auch verschiedene Bücher bereit, die mit Bilder die Verständigung erleichtern. Zudem gibt es einfach verständliche Lexika über Europa, die Schweiz und Fussball.

«Wir wollen Flüchtlingen Zugang zu Lesestoff bieten», sagt Mores. Das Problem sei, dass noch im Asylverfahren befindliche Asylsuchende in der Könizer Bibliothek keine Medien ausleihen dürfen.

Zu gross sei die Gefahr, dass sie plötzlich die Unterkunft wechseln müssen und die Bücher so verloren gingen. Fleissig ist Mores darum bereits daran, die nächsten Bücherkisten vorzubereiten. Sie sollen den Flüchtlingen in Schwarzenburg und im Zieglerspital zugutekommen.

Bezahlt werden die 1'000 Franken pro Bücherkiste von Stiftungen, Privatspenden und allfälligen Projektgeldern des Kantons sowie der Gemeinden. Koordiniert wird die Aktion von einem dafür gegründeten, ehrenamtlichen Verein. Je mehr Geld gesammelt wird, desto mehr Bücherboxen können verteilt werden.

Bilder erklären den Arztbesuch

Verliehen werden die Bücher von den Betreuern in den Unterkünften. Zudem will man dort den neuen Lesestoff in der täglichen Arbeit selber einsetzen. «Ich hatte bisher Mühe, mich mit schwangeren Frauen zu verständigen», sagt Heilsarmee-Mitarbeiterin Simone Mathieu.

In der Kiste findet sie nun ein Erklärungsbuch mit Abbildungen, die Gespräche über den Körper und Krankheiten unterstützen. «Dies vereinfacht auch die Arztbesuche der Flüchtlinge», so Mathieu.

In der Heilsarmee-Zentrale in der Stadt Bern freut man sich ebenfalls über die Bücher, die vielen Unterkünften bald zur Verfügung gestellt werden sollen. «Die Auswahl ist für die Zielgruppe sehr passend», meint Andreas Flury, der für die Freiwilligenangebote in den Asylzentren der Heilsarmee zuständig ist. Er habe auch schon Bücherspenden erhalten, die nur komplizierte Werke auf Deutsch umfassten. «Die konnten wir direkt ins Broki weitergeben», so Flury.

Dass die Heilsarmee den Flüchtlingen bisher keine Bücher anbieten konnte, hat laut Flury finanzielle Gründe. 36.50 Franken erhält die Hilfsorganisation pro Person und Tag. Davon werden 9.50 Franken an die Asylsuchenden ausgezahlt, mit dem restlichen Geld würden die Miete der Unterkünfte und Löhne der Mitarbeiter bezahlt.

«Da bleibt kein Geld für Bücher übrig», meint Flury. Mehr Geld vom Kanton gebe es erst, wenn die Asylsuchenden als Flüchtlinge anerkannt oder vorläufig aufgenommen würden.

Der Helfer-Boom hält an

Umso mehr ist die Heilsarmee für die Integration von Flüchtlingen auf Freiwillige angewiesen. In der Kollektivunterkunft Sandwürfi wird laut Mathieu der gesamte Sprachunterricht von Freiwilligen bestritten.

Auch ein Fussballtraining und einen Animationsnachmittag für die Kinder bieten sie an. Auch in den andern Unterkünften der Heilsarmee engagieren sich zahlreiche Bernerinnen und Berner.

Laut Integrationsleiter Flury melden sich 20 bis 50 Personen, die helfen wollen, sobald eine neue Unterkunft eröffnet wird. Seit die Flüchtlingskrise vor gut einem halben Jahr ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt ist, setzen sich viele Menschen für Flüchtlinge ein.

«Man kann nicht mehr von einem Boom sprechen, die Zivilgesellschaft engagiert sich», so Flury. Dies komme den Flüchtlingen, aber auch den Bernern selber zugute: «Die Flüchtlinge werden auf diese Weise besser integriert.»

Diese Zusammenarbeit mit den Freiwilligen ist nicht immer einfach. Schwierig sei es, wenn Menschen mit Helfersyndrom helfen wollen. Personen, die laut Flury mit den schlimmen Geschichten aus den Medien nicht klarkommen.

«Da spürt man manchmal, dass es ihnen mehr um sich selbst als um die Sache geht.» Ganz generell sei es anspruchsvoll, alle Freiwilligen sinnvoll einzusetzen: «Das ist manchmal auch schwierig zu erklären.» (Der Bund)

Erstellt: 04.03.2016, 07:57 Uhr

Asylunterkunft in Zollikofen

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