Ein Hochhaus mit Breitenwirkung

Wenn die Ostermundiger Bevölkerung am 29. November über die Überbauungsordnung Bärenareal abstimmt, geht es vor allem um die zukünftige Entwicklung der Gemeinde.

Das Bären-Hochhaus würde das Swisscom-Hochhaus überragen.

Das Bären-Hochhaus würde das Swisscom-Hochhaus überragen.

(Bild: Adrian Moser)

Lisa Stalder

Der Bären Ostermundigen war lange die Visitenkarte der Gemeinde schlechthin. Er galt als «Landgasthof, der dem Bundeshaus am nächsten liegt». Seinen einstigen Glanz hat er verloren, Restaurant und Hotel können nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden. Für die Besitzer ist deshalb klar: Der Bären muss weg, um einem 100 Meter hohen Hochhaus Platz zu machen. Es ist das höchste, das in der Region Bern je geplant wurde. In diesem sollen neben Wohnungen ein Panoramarestaurant, Praxen, Wohnungen und Läden untergebracht werden. Vor dem Gebäude ist ein öffentlicher Platz vorgesehen, in einem Nebenbau ein Hotel mit 100 Zimmern. Der Ostermundiger Gemeinderat spricht von einem «Leuchtturmprojekt für die ganze Region Bern».

Auch wenn diese Beschreibung ein wenig hoch gegriffen sein mag: Aus Ostermundiger Sicht gibt es gute Gründe, am 29. November ein Ja zur Überbauungsordnung Bärenareal in die Urne zu legen: Dank dem Bau gehobener Wohnungen würden zahlungskräftige Leute in die Gemeinde gelockt. Dies würde einerseits helfen, die gebeutelte Gemeindekasse aufzubessern. Andererseits sorgten sie für eine etwas stärkere soziale Durchmischung. In den letzten Jahren sind in Ostermundigen etliche Arbeitsplätze verloren gegangen. Ein Teil könnte dank neuer Betriebe auf dem Bärenareal kompensiert werden. Das wohl gewichtigste Argument: Mit dem Bau des 33-stöckigen Gebäudes käme Bewegung in das Gebiet rund um den Ostermundiger Bahnhof. Dieses gilt seit 20 Jahren als kantonaler Entwicklungsschwerpunkt, verändert hat sich bisher aber kaum etwas. Vielmehr prägen heruntergekommene Gebäude, düstere Ecken und viel Asphalt das Bild. Es ist an der Zeit, dass sich das ändert.

Verdichten, aber nicht hier

Die Hochhaus-Abstimmung ist indes nicht nur für Ostermundigen von Bedeutung. Seit einigen Jahren wird landauf, landab verdichtetes Bauen propagiert. Die Zukunft gehöre der Siedlungsentwicklung gegen innen und nicht dem Einfamilienhaus im Grünen, werden Planer und Politiker regelmässig zitiert. Mit der Annahme des neuen Raumplanungsgesetzes hat sich auch die Schweizer Bevölkerung ganz klar für den Schutz des Kulturlandes sowie für eine bessere Nutzung von bereits eingezonten Flächen ausgesprochen. Das ist in vielen Köpfen klar, doch von der Umsetzung ist noch recht wenig zu spüren. Geht es um die Realisierung konkreter Projekte, regt sich oftmals Widerstand. «Nicht hier, nicht bei uns», so lautet jeweils der Tenor. Die Angst vor Veränderungen hat rund um Bern schon manch ein Projekt scheitern lassen – in Ostermundigen wurde sie nicht zuletzt dem Tram Region Bern zum Verhängnis.

Auch Hochhausprojekte schüren grosse Ängste, wie dies beispielsweise in Wohlen deutlich wurde, als 2008 über den Bau eines 60 Meter hohen Gebäudes in Hinterkappelen abgestimmt wurde. Das geplante Hochhaus sei monströs, versperre die Sicht, füge sich nicht ins Siedlungsbild ein und werfe zu lange Schatten. Ähnliche Befürchtungen wurden auch in Ostermundigen geäussert. Sicher, das Hochhaus würde das Ortsbild verändern. Ein Störfaktor ist es aber nicht, steht doch wenige 100 Meter entfernt bereits das 72 Meter hohe Swisscom-Hochhaus. Klar ist auch, dass Bewohner in der unmittelbaren Nachbarschaft durch das Gebäude und dessen Schatten beeinträchtigt werden. Das ist dies wohl der Preis, den sie zugunsten der Allgemeinheit zu zahlen bereit sein sollten.

Komplett unbegründet ist hingegen die Angst, die Region Bern könnte bei einem Ja aus Ostermundigen von einer «Hochhaus-Welle» überrollt werden. Anders als in den 1960er-Jahren, als in fast allen Schweizer Städten Hochhaussiedlungen wie Pilze aus dem Boden schossen, werden heute vorwiegend allein stehende Hochhäuser gebaut. Mögliche Standorte sind im regionalen Hochhauskonzept aufgeführt und werden sorgfältig ausgewählt.

Signal an andere Gemeinden

Gewiss: Die zahlreichen Vorteile dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch das Ostermundiger Hochhausprojekt Mängel aufweist. So ist nach wie vor nicht abschliessend geklärt, wie der Mehrverkehr bewältigt werden soll. Zudem gibt es Zweifel, ob das Hochhaus die von den Behörden angepriesene Zentrumsfunktion überhaupt übernehmen kann, steht es doch am äussersten Rande des Dorfes. Auch die Tatsache, dass darauf verzichtet wurde, einen öffentlichen Wettbewerb durchzuführen, darf durchaus kritisiert werden.

Dennoch wäre es falsch, die Umzonung des Areals aus diesen Gründen abzulehnen. Ostermundigen braucht eine Veränderung, damit weitere Entwicklungen angestossen werden können. Ein Ja wäre zudem ein deutliches Bekenntnis zum verdichteten Bauen. Ostermundigen könnte vorleben, wovon andere bisher nur reden.

Der Bund

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