Ein Gläschen «Kratz-am-Arsch» gefällig?

In Zollikofen steht einer der kleinsten Rebberge des Kantons. Mit viel Einsatz bewirtschaften Laien das Weingut. Pro Stunde Arbeit gibt es fünf Franken Lohn – in Form von Wein.

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Es ist heiss. Und trocken. Sorgenvoll schweift Jörg Wilhelms Blick über den kleinen Rebberg. «Die Trockenheit ist die Kehrseite der intensiven Besonnung», sagt er mit ernster Miene. Es ist nicht seine einzige Sorge: Beim Gang durch die Reben entdeckt er weisse Flecken auf einem Blatt. «Das ist doch nicht etwa Mehltau?», fragt er seine Kollegen von der Rebbaugenossenschaft Reichenbach, Dierk Matthäus und Werner Rieke. «Da hat doch bloss ein Vogel draufgemacht», beschwichtigt Rieke. «Unten aufs Blatt?», wendet Matthäus ein. Die kurze Diskussion endet ergebnislos, sagt aber viel über die Arbeitsweise auf ­einem der kleinsten Berner Weingüter aus.

Hier, zwischen Zollikofen und Bremgarten, wird viel diskutiert. Mal ernst, mal spassig. Zwar gibt es für jeden Bereich eine Person, die zuständig ist und letztlich das Sagen hat – Wilhelm im Rebberg, Rieke im Weinkeller und Matthäus ist als Vizepräsident mitverantwortlich für die Administration. Doch die Basis habe immer wieder ein Wörtchen mitzureden, versichern die drei. Etwa beim Verkosten des Weins. «Wir versuchen, Vorschläge und Wünsche der anderen Mitglieder zu berücksichtigen», sagt Rieke. «Dieses Jahr haben wir zum Beispiel einen Teil des Rotweins mit Holzschnitzeln angesetzt, weil jemand einen Barrique gewünscht hat.» Oder die herausgeschnittenen Trauben wurden zu Konfi verarbeitet, weil es jemand schade fand, sie am Boden verfaulen zu lassen. Ein Weingut mit Basisdemokratie.

«Eine der besten Lagen»

Ist es nicht eine etwas absurde Idee, hier, wo noch vor ein paar Jahren Schafe geweidet haben, einen Rebberg zu betreiben? «Überhaupt nicht», platzt Matthäus heraus. «Das ist eine der besten Lagen in der Umgebung. Schon vor Hunderten von Jahren standen hier Reben – wahrscheinlich als Weingut des Schloss Reichenbach.» Die Steilheit und Ausrichtung des Hangs seien optimal. Seit 2007 pachtet und bewirtschaftet die Rebbaugenossenschaft das rund 2500 Quadratmeter grosse Stück Land.

Obwohl Matthäus, Rieke, Wilhelm und ihre Genossenschaftskollegen zig Stunden in den Reben verbringen, sprechen sie von einem Hobby. Fünf Franken Stundenlohn bekommen sie für ihre Arbeit, in Form von Wein. «Wir sind alles Laien», sagt Matthäus. «Was wir wissen, haben wir in Kursen an der Fachhochschule Wädenswil oder von unserem ­Initiator Mercurius Weisenstein gelernt.»

Früh im Jahr beginnt die Arbeit im Rebberg. «Gegen Ende Winter schneiden wir die Rebstöcke zum ersten Mal», erklärt Wilhelm. Dann heisst es lose Pfosten neu setzen, Drähte spannen, Boden hacken, jäten, mähen, Triebe anbinden, spritzen, auslauben. Im Frühling ist eigentlich täglich jemand im Rebberg, während im Sommer ein wöchentlicher Besuch ausreicht. Die Arbeit besteht dann vor allem darin, Blätter zu entfernen, die den Trauben Schatten geben, und zu lange Triebe zu schneiden. Einen Grosseinsatz verlangt das Spannen der Netze gegen Hagel und Vögel.

Für Wilhelm ist es im Sommer auch an der Zeit, die Ernte abzuschätzen. Der Gesetzgeber schreibt einen Maximal­ertrag pro Stock vor. Deshalb werden gezielt unreife Trauben abgeschnitten und – auf Wunsch der Basis – zu Verjus, einer Art Essig, verarbeitet. Diese Selektion dient nicht nur der Ertragsregulierung, sondern soll auch die Qualität der verbleibenden Trauben steigern. Mitte August darf das letzte Mal gespritzt werden. «Und dann haben wir endlich Zeit für ­Ferien», sagt Matthäus grinsend. Bis zur Lese gebe es nun nicht mehr viel zu tun.

Weil der richtige Lesezeitpunkt entscheidend ist für die Ernte, muss ab Mitte September wieder täglich jemand in die Reben. «Einen Tag zu spät lesen kann einen Ernteausfall von 20 Prozent bedeuten», erklärt Rieke. «Zum Beispiel, wenn die Fäule einsetzt.» Mit der Lese ist die Arbeit am Berg praktisch erledigt.

Am gleichen Tag beginnt die Vinifizierung. Dafür werden die Trauben ins ehemalige Feuerwehrdepot von Bremgarten gebracht. Die zwei kleinen Kellerräume hinter einer roten Metalltür sind das Reich von Werner Rieke. Hier wird die Ernte gewogen, entrappt (die Trauben werden vom Stielgerüst entfernt) und zur Maische zerdrückt. Unüblich ist, dass auch die rote Maische nicht vergärt, sondern nach kurzer Zeit gepresst wird. «Beim ersten Jahrgang 2008 haben wir mit unserer Traubensorte auch eine Maischegärung gemacht, wie das beim Rotwein üblich ist. Das war dann nicht mehr Wein, sondern Tinte», sagt Matthäus. «Damit hätte man schreiben können. Trinken konnte man das aber fast nicht.»

Für Rieke und seine Helfer sind die ersten Wochen der Gärung die arbeits­intensivsten. «Zwischen Oktober und Januar müssen wir den Wein laufend überwachen. Anfangs täglich.» Wenn etwas nicht stimmt, muss Rieke korrigierend eingreifen, zum Beispiel den Hefebakterien zusätzlichen Zucker geben, was zu einem höheren Alkoholgehalt führt, oder den Wein entlüften, wenn sich Schwefelverbindungen gebildet haben.

Rund 1300 Flaschen

Mehrmals wird in diesen Monaten der Wein umgezogen. Das bedeutet der Wein wird in ein neues Fass abgefüllt. Ziel dieser Übung ist es, die Sedimente loszuwerden, die sich am Fassboden angelagert haben. Das ist auch deshalb so wichtig, weil die Reichenbacher Winzer auf die Filtration verzichten. «Bei unserer Produktionsmenge von 1200 bis 1300 Flaschen würde beim Filtrieren zu viel Wein verloren gehen», erläutert Rieke.

Im Sommer dann, anderthalb Jahre nach dem ersten Schnitt im Rebberg, wird der Wein abgefüllt, verkorkt und etikettiert. Von Hand natürlich. Um Geld und Ressourcen zu schonen, sammelt die Rebbaugenossenschaft die leer ­getrunkenen Flaschen wieder ein. Am Ende stecken rund drei Arbeitsstunden in jeder Flasche Wein.

Dass die Genossenschafter nicht nur mit viel Herzblut, sondern auch mit ­einer gehörigen Portion Schalk zu Werke gehen, belegen die Namen der Weine. Der rote «Gratte-cul» ist nach der Hagebutte benannt. Der primär aus Cabernet Jura bestehende Cuvé rieche nach wilden Rosen, befand man, deren Frucht die Hagebutte ist. Das umgangssprachliche Wort bedeutet wörtlich übersetzt «Kratz-am-Arsch». Unter der Gürtellinie ist auch der Name des aus Johanniter- und Solaris-Trauben gekelterten Weissweins. «Pissenlit» sagt der Franzose zum Löwenzahn; der Name soll das blumige Aroma des Weins zum Ausdruck bringen. Wörtlich übersetzt heisst es aber «Mach-ins-Bett».

Ob die Namen massentauglich wären, wird man wohl nie erfahren, denn in den öffentlichen Verkauf kommt der fruchtig-­süffige Zollikofer nicht. Er ist den 80 Genossenschaftern vorbehalten und kostet 20 Franken pro Flasche Roten und 15 für den Weissen. «Mehr als 80 Genossenschafter dürfen es nicht sein, sonst reicht der Wein nicht mehr für alle», sagt Rieke und lacht. Neumitglieder werden nur aufgenommen, wenn jemand aussteigt. Es gibt eine Warteliste. Geschätzte Wartezeit: rund ein Jahr. Wer nicht ganz so lange auf eine Verkostung warten will, kann jeweils an der BEA am Stand der Rebgesellschaft Thunersee-Bern auf ein Gläschen «Mach-ins-Bett» oder «Kratz-am-Arsch» vorbeischauen.

(Der Bund)

Erstellt: 16.07.2015, 09:08 Uhr

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